Leider ist es nur ein Mythos, dass „wir die Guten“ sind, auch wenn dieses Denkmuster gerade bei Linken und Alternativen weit verbreitet zu sein scheint. Leider sind wir viel stärker in die objektiven Unterdrückungs- und Ausgrenzungspraktiken verwoben, als wir es subjektiv möchten. Der Arbeitsplatz, den ich gerade habe, könnte einem anderen erwerbslosen Menschen zu einem Einkommen verhelfen; der bundesdeutsche Pass, den ich habe, gestattet es mir, hier zu leben statt sonstwohin geschickt zu werden wie andere. Ich habe so oder so immer wieder mein Abendbrot verdient und so das System mit reproduziert.

Es fällt mir schwer, das Wissen über meine objektive Beteiligung an der Unterdrückung anderer zu ertragen. Aber ich tue es, irgendwie. Wie ich das mache, kennzeichnet meine Persönlichkeit, macht mein „Ich“ aus. Frigga Haug (1982) spricht davon, dass wir dabei „die Verhältnisse in uns einbauen“.

Auf diese Weise wird das Selbst, das „Ich“ nicht mehr nur als natürlich gegeben, bzw. gesellschaftlich erzwungen verstanden, sondern als Erzeugnis der eigenen Aktivität. Auch die eigene Biographie wird jeweils aus der selbst erzeugten Identität heraus für die Vergangenheit zurecht-erinnert. Wenn wir uns vorwiegend als Opfer der Zustände identifizieren, erinnern wir vorwiegend Geschehnisse, in denen wir Opfer waren – wenn wir uns als Erzeuger unserer Selbst sehen, erkennen wir Handlungsmöglichkeiten, bei denen mindestens Entscheidungen offen standen oder wo wir gar hätten die Bedingungen, die uns bedingen, hätten verändern können.

Die einfachere Variante, auf die ich immer wieder zurückfalle, wenn ich nicht aktiv dagegen angehe, ist dabei das Abschneiden der Widersprüchlichkeit, das selektive Erinnern, bei dem ich meinen Anteil an Unterdrückung vergesse, die Problemverschiebung, bei der ich die Gründe aus den Bedingungen ableite, ohne meinen Möglichkeitsraum auszuschöpfen. Meine Identität baue ich bevorzugt aus jenen Teilen auf, in denen ich mir selbst „gut“ erscheine.

Wenn ich mich dagegen selbst als Subjekt ernst nehme, muss ich mich als zumindest maßgebliche Schöpferin meiner Lebensbedingungen anerkennen, d.h. ich muss mich selbst nicht als natürlich und unhinterfragbar gegeben hinnehmen, sondern als durch eigene widersprüchliche Entscheidungen geworden und also auch veränderbar annehmen. Frigga Haug nennt dies: „historisch leben“ (1982: 64).

Wenn ich etwas über die Möglichkeiten, mich zum „Guten“ hin zu verändern, ohne der Widersprüchlichkeit jemals vollkommen entkommen zu können, erfahren möchte, muss ich mich meinen eigenen Widersprüchen stellen, ja – ich muss sie geradezu suchen. Frigga Haug spricht im Zusammenhang mit der Aufgabe von Lehrenden davon, dass diese „Erfahrungen in die Krise führen“ müssten (Haug 2003: 59, 65). Wenn ich etwas über mich selbst lernen möchte, dann muss ich Verunsicherung nicht nur ertragen, sondern herbeiführen, Illusionen zerstören, Erfahrungen aus ihrer Selbstverständlichkeit herausholen, und auch mich selbst in Frage stellen und letztlich auch herausbekommen, was ich bisher noch verdränge, abwehre. Dies sehe ich zuerst daran, dass ich herausbekomme, wogegen ich Widerstand entwickle.

Frigga Haug bezieht sich an dieser Stelle ebenfalls auf Brecht (ebd.: 73ff) , wenn sie schildert, mit welchen Mitteln mir dies gelingen kann. Letztlich geht es so gut wie gar nicht allein in der Isolation, sondern nur in kollektiven Verständigungspraxen.

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