Die auf der Kritischen Psychologie basierende Methode der Sozialen Selbstverständigung unterscheidet sich vor allem durch drei miteinander zusammenhängende Prinzipien von anderen psychologisch orientierten Methoden:

  1. Bezug auf gesellschaftliche Verhältnisse: Die menschliche Gesellschaft ist die Voraussetzung für die Entfaltung der jeweiligen Individualität. Gleichzeitig sind durch die Bedingungen, die aus ihrer Gestaltung erwachsen, auch Schranken für die individuellen Verhaltensmöglichkeiten.
  2. Doppelte Möglichkeitsbeziehung: In Bezug auf diese Schranken haben menschliche Individuen immer verschiedene Möglichkeiten zu handeln. Menschen sind den Bedingungen nicht unmittelbar unterworfen, sondern sie handeln begründet. Die jeweils individuellen, aber kommunizierbaren Gründe orientieren sich in beschränkenden Verhältnissen im Spannungsfeld zweier möglicher Richtungen: dem Sich-Einrichten innerhalb des Gegebenen oder der Suche nach Überschreitung des Gegebenen. Beide Verhaltensrichtungen können für jedes Individuum in bestimmten Positionen und Lebenslagen sinnvoll sein, es geht in der Kritischen Psychologie vor allem darum, die zweite Möglichkeit systematisch ins Bewusstsein zu bringen, um den Entscheidungsraum zu vergrößern.
  3. Subjektstandpunkt: Die Begründung des Handelns ist eine individuelle Angelegenheit. Niemand kann für andere oder von außen Gründe setzen oder erkennen. Jeweils individuelle Befindlichkeiten, Problemlagen oder Gründe können deshalb nicht von außen, durch andere, angemessen erkannt oder beeinflusst werden. Deshalb ist die Kritische Psychologie ein Konzept zur Klärung von je meiner Befindlichkeit, vor allem im Falle von Problemen und Krisen. Sie behandelt Individuen nicht als Objekte der Einflussnahme durch andere, sondern die Individuen treten in einen intersubjektiven Dialog und erschließen sich gegenseitig ihre Handlungsgründe, wodurch es auch möglich wird, herauszufinden, inwieweit es verallgemeinerbare Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten in der Welt gibt. Das Ziel subjektwissenschaftlichen Forschens ist es, „die jeweils eigenen Probleme in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu begreifen“ (Osterkamp 2001: 26), und auf diese Grundlage durch weiter reichende Handlungsstrategien lösen zu können.

Zu 1. und 2:

Bei der Einschätzung der gesellschaftlichen Verhältnisse werden Erkenntnisse vorausgesetzt, die selbst nicht Gegenstand der Kritischen Psychologie sind, sondern im Sinne der unterschiedlichen Gegenstandsebenen (vgl. Holzkamp 1983, 29f.) im Bereich der Gesellschaftstheorie vorausgesetzt werden. Neuere Konzepte verwenden für diese Einschätzung Kategorien, die Klaus Holzkamp in der „funktional-historischen Methode“ entwickelt hat, so die Unterscheidung von Funktionswechsel und Dominanzwechsel bei qualitativen Zustandsänderungen.

Nach diesem Konzept („Keimformkonzept“ siehe http://www.keimform.de) befinden wir uns derzeit am Beginn eines Funktionswechsels, während dem neue gesellschaftliche Lebens- und Produktionsweisen entwickelt werden, während die alten (kapitalistischen) noch dominieren. Die vorliegenden herrschenden, veralteten gesellschaftlichen Verhältnisse werden von der Selbstvermehrung (ökonomischer) Werte bestimmt, die neue mögliche Gesellschaftsform orientiert sich an der individuellen Selbstentfaltung aller Menschen. Ein Individuum der heutigen Zeit lebt quasi schon ein beiden Welten. Noch dominieren die kapitalistischen Gegebenheiten, ich muss an Geld kommen, um meine Bedürfnisse zu befriedigen und dazu muss Kapital sich verwerten, d.h. erweitert reproduzieren können. Ich muss mich „selbst verwerten“. Gleichzeitig habe ich weit darüber hinaus gehende Bedürfnisse und Fähigkeiten, die durch den Flaschenhals des „Geldverdienens“ nicht mehr zu pressen sind, sondern von ihm eher ge- bis verhindert werden, sich zu entfalten. Deshalb geht der Widerspruch zwischen Selbstverwertung und Selbstentfaltung durch mich hindurch. Ich muss die zwei Arten von Klugheit, von denen schon Bertold Brecht sprach, pflegen (mit eigenen Worten):

Es ist klug zu wissen, dass ich mich meinem Chef unterwerfen muss, um das Geld fürs Abendessen zu verdienen. Es könnte aber auch klug sein, das System der Chefs und des Geldverdienens abzuschaffen, um meine Bedürfnisse auf andere Weise befriedigen zu können. Aber bis dahin brauche ich auch noch die erste Art Klugheit, denn um das System abschaffen zu können, muss ich erst mal zu Abend essen…

Dies ist für viele Menschen (für wen tatsächlich, kann sich nur im intersubjektiven Gespräch erweisen) heutzutage die Ausprägung der oben genannten zwei Verhaltensrichtungen. Innerhalb des Stadiums des Funktionswechsels kann es kaum ein eindeutiges Entweder-Oder zwischen den beiden grundsätzlichen Möglichkeitsdimensionen (restriktives Sich-Einrichten und Überwinden) geben, es gibt Anteile von beiden Richtungen in allen Handlungen und wie daraus für jeweils mich Probleme oder gar Krisen entstehen, wie dies sich auf meine Befindlichkeiten auswirkt, kann nur jeweils ich für mich wissen. Allerdings können mir die umfassenden Konzepte und Kategorien der Kritischen Psychologie eine Möglichkeit zeigen, diese Probleme besser zu verstehen.

Gleichzeitig kann der Abendessen-Verdienmodus am unproblematischsten abgewickelt werden, wenn ich an die Grenzen dieser Produktions- und Lebensweise möglichst nicht denke, wenn ich sie ausblende und verleugne, sobald ich eine Ahnung davon bekomme. Um den Schritt vom Sich-Einrichten zur Überschreitung zu gehen, muss ich wenigstens einen Fuß vom scheinbar noch sicheren Boden heben und warum sollte ich das ohne Not tun?

Zu den Voraussetzungen für die Soziale Selbstverständigung gehört also neben dem Vorliegen von jeweils mehr Möglichkeitsdimensionen als die bisher verwirklichten auch die subjektive Bereitschaft, sich auf das Infragestellen der bisherigen Problemlösungsformen einzulassen. Das bedeutet auch, über das Unmittelbare hinaus zu gelangen, die je individuellen Erfahrungen und Befindlichkeiten „strukturell verallgemeinern“ zu lernen, indem diese individuellen Erfahrungen und Befindlichkeiten „als spezielle Ausprägungsform eines allgemeinen Falles“ begriffen werden (vgl. Holzkamp 1985).

Es geht deshalb, um es noch einmal kurz, kompakt und kompliziert zusammenzufassen, um die Erweiterung je meines Denk- und Praxisraums, ausgehend von Widersprüchen der restriktiven Bewältigungsformen der erfahrenen/durchlittenen Widersprüche der bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse in Richtung der Verallgemeinerung/Befreiung.

Der letzte Satz zeigt auch, dass es um die wirklichen eigenen Problemlagen und Widersprüche geht. Wer keine Probleme hat, wer keine Widersprüche durchleidet, wer gut eingerichtet gut lebt, kann nicht überredet werden, die Bedingungen überschreiten wollen zu sollen. Aber wenn die Verhältnisse so sind, dass viele Menschen an ihren Schranken leiden, dann können viele von ihnen, d.h. ich und vielleicht auch du, das eigene Bewusstsein erweitern um das Wissen um neue Möglichkeiten. Ich stehe eh auf wankendem Boden, mich mit zwei Beinen darin verankern zu wollen, wäre unklug. Mir geht es besser mit einem beweglichen Spielbein. Und mit je mehr Menschen ich mich dabei an den Händen halten kann, desto besser können wir diesen Tanz tanzen.

Zu 3.

Weil nur je ich die Gründe für meine Handlungen kennen, artikulieren und gegebenenfalls verändern kann, brauche ich für das bessere Verstehen und Finden von neuen Verhaltensmöglichkeiten keine Berater*innen, die mir von außen etwas erklären oder nahe legen wollen. Gespräche im Modus der Sozialen Selbstverständigung gehen von den je individuellen Problemlagen aus und setzen alle Beteiligten in die Lage, unter Verwendung der Kategorien der Kritischen Psychologie darüber sprechen zu können. Es gibt keine grundsätzliche Unterscheidung in Betroffene und Helfer*innen (Coach, Berater*in, Therapeut*in…). Aber alle Beteiligten müssen sich dann natürlich auch das Wissen um das Grundkonzept und die Kategorien der Kritischen Psychologie möglichst gut aneignen. Das ist eine Anforderung, die grad heutzutage nur schwer zu erfüllen ist. Denn diese Aneignung gelingt nicht im bloßen Surf- und Google-Modus, sondern erfordert eigentlich mindestens einige intensive Wochenendseminare.

Wahrscheinlich ist die Entwicklung und Verwendung dieser Methode deshalb erst einmal auf Menschen beschränkt, die bereit sind, sich in Gruppen über eine längere Zeit hinweg systematisch damit zu beschäftigen. Dies ist für Menschen in Krisensituationen natürlich kaum zu erfüllen, wenn es nicht gelingt, damit gerade auch Krisenfolgen abzumildern (was vielleicht gut funktioniert im Falle von Einsamkeit, Unsicherheit etc.). Aus den Erfahrungen unserer „Zukunftswerkstatt Jena“ heraus kann ich mir vorstellen, dass für die inhaltliche Selbstbildung Paralleltreffen durchgeführt werden, die ab einem gewissen Kenntnisstand durch Ansätze zur Sozialen Gesprächsführung ergänzt werden können, bis diese dann zum Schwerpunkt werden können. In beiden Bereichen, der eher theoretischen Aneignung und den eher von praktischem Erleben ausgehenden Gesprächen, wird eine warme, aufnehmende Atmosphäre benötigt, in der schon die Form des Zusammenseins bereichernd wirkt.

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