Für andere Methoden der Kommunikation oder Kooperation in Gruppen gibt es z.T. recht ausgefeilte methodische Vorgaben, so z.B. beim Sokratischen Gespräch oder der Gewaltfreien Kommunikation. Die Ansprüche an die Soziale Selbstverständigung sind ebenfalls sehr hoch. Damit sich alle Beteiligten auch als Subjekte ihres eigenen Selbstverständnisses entlang der Kategorien der Kritischen Psychologie verstehen und artikulieren können und dabei die individuell gegebene Unmittelbarkeit überschreiten können, reicht „einfach mal reden“ auf keinen Fall. Gleichzeitig besteht das Bedürfnis, nicht zu viel vorgeben zu wollen.

Einige bisherige Ansätze, die Konzepte und Kategorien der Kritischen Psychologie praktisch zu nutzen, habe ich bereits im Wiki gesammelt. Im Folgenden notiere ich nun einige Gedanken, die möglichst umfassend und vollständig alle mir wichtig erscheinenden Aspekte für die Soziale Selbstverständigung vereinen. Eine wichtige Quelle dazu ist u.a. ein unveröffentlichter aktueller Vordruck zur Dokumentation „Praxisreflexion“ der Berliner AG Berufspraxis und die Erfahrungen mit den Gesprächsrunden in Hiddinghausen. Meine eigenen Erfahrungen erwachsen aus ca. 25 Jahren Gesprächsführung in theoretischen Wochenendseminaren, moderierten Zukunftswerkstätten, Worldcafés und Sokratischen Gesprächen.

Zum ersten Versuch in Hiddinghausen

Ich nehme die Erfahrungen mit den Gesprächsrunden in Hiddinghausen als Ausgangspunkt, um zu verdeutlichen, an welchen Stellen ich Verbesserungspotential sehe. Dies nicht, weil es dort so schlecht gelaufen wäre, sondern weil es deutlich macht, was noch offen ist, obwohl die Beteiligten recht gute Voraussetzungen mitbrachten.

  • Es war zu wenig Zeit für zu viele Beispiele vorhanden (an einem Nachmittag sollten jeweils mehrere aus einer Runde über ihre Situation sprechen können) (bei Sokratischen Gesprächen wird das ganze Gespräch, das bis zu einer Woche dauern kann, ausgehend von nur einem Beispiel geführt, wobei die anderen ihre Erfahrungen später systematisch auch einbringen können). Durch die nur einmalige Durchführung war es auch gar nicht möglich, später eventuelle Verhaltensänderungen auszuwerten.
  • Es wurde die Spezifik der Kritischen Psychologie gegenüber anderen ähnlichen Gesprächsformen wie Coaching zu wenig herausgearbeitet. Ein Vortrag am vorherigen Tag fasste die Grundlagen der Kritische Psychologie zwar gut zusammen, aber das konnte nur ausreichen, weil eigentlich die meisten der Beteiligten und in jeder Gesprächsgruppe wenigstens schon einige tiefer über die Grundlage der Kritische Psychologie informiert waren.
  • Die Leitfragen orientierten vor allem zu wenig in Richtung der Unmittelbarkeitsdurchbrechung und der Selbstkritik. (Das Vorgehen war auch nur für die ersten Schritte vorgeschlagen wurde und ging dann über in die ziemlich unverbindliche Empfehlung: „Entscheidet dann selbst…“)
  • Es entstand in den Gruppen die Frage: „Was war eigentlich die Frage, die wir beantworten sollten?“
  • Auch: „Wie können wir uns denn helfen, außer sich gegenseitig Ratschläge zu geben?“
  • Es gab keinen Anschluss an andere Versuche der praktischen Umsetzung innerhalb der KP (F. Haug, Entwicklungsfigur, Jochen Kalpein).
  • Die „Werkzeugkiste“ ist noch sehr ungefüllt (Reden, mitnotieren auf Plakat, orientieren an Leitbegriffen in Tabelle) – was kann noch genutzt werden? (Kommunikationsmittel variieren, von verbal bis „Statuenbauen“… zwischen rationalen und emotionalen Momenten wechseln, sinnvolle Frage“techniken“ verwenden/entwickeln). Hier sehen Menschen, die sich in anderen Methoden (Zukunftswerkstatt, Coaching) auskennen, großes Anreicherungspotential.

Im Folgenden trage ich alle Gedanken zusammen, die für verschiedene Phasen der Sozialen Selbstverständigung wichtig sein könnten. Welche davon wirklich praktikabel sind, kann sich nur in Versuchen herausstellen. Das Ganze ist natürlich noch völlig unausgegoren. Wenn ich bisher bessere „Anleitungen“ gefunden hätte, hätte ich mir die ganze Arbeit auch gerne erspart. Aber alles, was ich aufgeschrieben habe, brauche ich für meine eigene Vorbereitung, wenn ich in Zukunft im Bekanntenkreis Gespräche zur Sozialen Selbstverständigung durchführen möchte. Ich kann nur hoffen, dass auch andere Interessierte an der Kritischen Psychologie das Ganze immer weiter verbessern und ausführen helfen, so dass einmal die „Soziale Selbstverständigung“ genau so praktikabel und bekannt und breit angewandt wird die etwa die „Gewaltfreie Kommunikation“ oder „Zukunftswerkstätten“.

(morgen gehts damit weiter)

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