Wenn wir in einer Welt leben, die kurz vor einem Umbruch steht, und wenn wir wollen, das Menschen zu wirklichen Subjekten ihrer Weltveränderung und -gestaltung im gesamtgesellschaftlichen Maßstab werden, dann geht es nicht ohne eine Praxis der Vermittlung zwischen Individuum und Welt, die zumindest nicht zurückfällt hinter das, was ich aus der Kritischen Psychologie als konzeptionelle und kategoriale Inhalte kennen gelernt habe.

1. Bedingungen

Atmosphäre, die Offenheit und Selbstkritik ermöglicht

Wie oben schon erwähnt, sind einige Voraussetzungen und Bedingungen zu beachten. Wichtig ist wohl eine klare Fokussierung auf sinnvolle Gegenstände der Sozialen Gesprächsführung. Es geht dabei um problematische Situationen oder Krisen in der Lebensführung. Multiloog etwa gilt als „Angebot, um sich über (problematische) Alltagserfahrungen zu verständigen“ (Mölders 2010: 1).

Es ist sicher sinnvoll, bereits zu Beginn zu entscheiden, ob die Teilnehmenden bereit und in der Lage sind, auch Krisen, die so tief sind, dass sie allgemein „pathologisch“ genannt werden, zu bearbeiten. Solche Probleme bedürfen einer vertieften Ausbildung, die in den meisten Gruppen nicht von vornherein gegeben ist.
Wie schon oben erwähnt, geht es auch nicht darum, einfach nur das Leben besser zu bewältigen, sondern darum, die Möglichkeitsräume auszuloten, um produktiv mit den wirklichen Widersprüchen umgehen zu können.

Natürlich ist für die Gespräche der Sozialen Selbstverständigung eine vertrauensvolle und offene Atmosphäre notwendig, dies vor allem auch deshalb, weil es auch um die Bereitschaft zur Selbstkritik geht. Die AG Berufspraxis sieht es als eine wichtige Voraussetzung, „die eigenen Bewältigungsversuche oder Standpunkte gegebenenfalls kritisch hinterfragen zu lassen, ohne die gemeinsame Solidarität aufzugeben“ (Erckmann, Kalpein, Zander 2013: 13).

Unterscheidung Sach- und Metagespräch

Wahrscheinlich ist es sinnvoll, eine Unterscheidung von Sachgesprächen und Metagesprächen einzuführen. Dies wird z.B. bei den Sokratischen Gesprächen praktiziert. Es ist wichtig, dass sich im „normalen“ Gespräch alle Beteiligten wohlfühlen und gut gestimmt auf die jeweilige Fragestellung beziehen können. Sobald sich jemand z.B. durch das Kommunikationsverhalten anderer oder andere „Störungen“ daran gehindert sieht, ausreichend ruhig und engagiert am Thema weiter mitzuarbeiten, kann sie/er um ein „Metagespräch“ bitten, bei dem es dann um diese konkrete Situation geht. Wenn es beim Sachgespräch Moderatoren gibt, so übernimmt im Metagespräch jemand anderes diese Aufgabe. Wenn die Unterscheidung zwischen diesen beiden Gesprächsebenen von vornherein als methodischer Bestandteil erläutert wird, wirken diese „Auskopplungen“ auch nicht mehr als Störungen, sondern werden zum Bestandteil des Gesprächs, bei dem jederzeit jede und jeder artikulieren kann, was ihn eventuell stört und was die Situation für alle verbessern kann.

Das Sachgespräch kann auch grundsätzlich „eingerahmt“ werden von Inhalten, die sich auf einer „Meta-“ Ebene primär um die Art und Weise der Gesprächsführung sorgen, wie eine Einführungs- und eine Feedbackrunde. Gegebenenfalls, vor allem bei längeren Gesprächsformen (z.B. während eines Wochenendes) können, wie es auch schon häufig üblich ist, weitere Zwischenauswertungen der Stimmungen und Befindlichkeiten der Teilnehmenden erfolgen. Dazu gibt es eine Menge methodischer Erfahrungen, wie dies auch „quasi nebenbei“ als Stimmungsbild erfasst werden kann (graphisch auf Poster/Tafel…).

Zur Moderation und Dokumentation

Aus dem Worldcafé kann die Praxis übernommen werden, dass in jeder Runde eine Person sich vorwiegend um die Moderation und eine andere um die Dokumentation kümmert. Nicht alle machen ein wenig nebenbei, sondern in abwechselnder Verantwortung können sich alle anderen auf das Gespräch konzentrieren und die jeweils Verantwortlichen auf ihre Moderation- bzw. Dokumentationsaufgabe. Zur Moderation im Fall der Unterscheidung von Sach- und Metagespräch habe ich oben schon etwas ausgeführt. In der Berliner AG Berufspraxis gibt es eine unterschiedliche Moderation für die Sitzung und die Feedbackrunde.

Von Multiloog werden folgende Erfahrungen zu den Aufgaben der Moderation mitgeteilt:

  • Es ist die „Aufgabe der Moderatoren, die entsprechenden Bedingungen zu schaffen, damit ein Gefühl der Sicherheit (Vertrauen und Respekt) entsteht und es möglich wird, über die eigenen Erfahrungen reden zu können. Wir als Moderatoren möchten die Teilnehmer darin unterstützen, sich ungehindert einzubringen. Das heißt, wir vermeiden Urteile, Interpretationen und auch Ratschläge oder Tipps. Wir unterstützen die Teilnehmenden, ihre Erlebnisse und Erfahrungen so konkret wie möglich im sozialen Kontext, im Kontext ihres Alltagslebens zu beschreiben.“ (Mölders 2010)
  • Die Moderatoren sind es auch, die hier gezielt fragen nach den jeweiligen Handlungsgründen im Sinne der Kritischen Psychologie. Dabei schließt der Subjektstandpunkt auch ein, „dass wir Gesprächsbegleiter, unsere eigenen Erfahrungen einbringen, dort wo es inhaltlich angebracht bzw. funktional für den Gruppenprozess ist.“ (Mölders 2012: 3)
  • Wichtig ist es, keine Beurteilungen auszusprechen, auch keine Ratschläge, sondern nur unterstützend nachzufragen.

Vor allem im Fall von Gesprächen, bei denen es kaum noch ein Gefälle in der Kompetenz gibt, gelten die entsprechenden Hinweise für alle Beteiligten. Ob eine Gesprächsführung ganz ohne Moderation möglich ist, muss ausprobiert werden. Auf jeden Fall muss dann aber geklärt werden, wie der Verlauf entlang bestimmter Phasen in der Gruppe vorangebracht werden kann. Vielleicht kann probiert werden, dass die Moderation wechselt, so dass alle in diese herausfordernde Situation kommen und später alle ihre Erfahrungen dementsprechend einbringen können.

Für die Dokumentation könnten aus der Erfahrung heraus entwickelte „Vorlagen“ sinnvoll sein, wie sie die AG Berufspraxis nutzt. In den Sokratischen Gesprächen wurde eine Praxis entwickelt, bei der nicht nur Stichpunkte notiert werden, sondern der gesamte Satz. Das mag zwar krümelkackerisch aussezen, es zeigt sich jedoch, dass nach dem Aufschreiben bei einer Nachfrage an den, der gesprochen hatte: „Hast Du das so gemeint?“ häufig doch noch Korrekturen gemacht und damit auch der Inhalt klarer wird. Auch wenn andere sich später darauf beziehen, äußern sie die Aussage nicht nur so, wie sie sie meist inhaltlich etwas verdreht aufgenommen haben, sondern können sich am notierten Satz orientieren. Besonders die Formulierung des Problems (am Ende des im folgenden vorgeschlagenen Ablaufplans genannten Punktes 2) und die Hypothesen im Punkt 4 sollten so ausführlich mitgeschrieben werden.

Zeitplanung

Angesichts der Erfahrungen in den Sokratischen Gesprächen, aus denen bekannt ist, wie reichhaltig allein die Erfahrungen einer Situations-/Problembeschreibungen sind und dass es durchaus möglich ist, die Erfahrungen der anderen in der Gruppe trotzdem auch noch einzubringen, sollte jeweils nur ein „Fall“ pro Sitzung besprochen werden, bei einer Wochenendveranstaltung auf keinen Fall mehr als einer pro halben Tag.
Um wie beim Konzept der „Entwicklungfigur“ die Erfahrungen nach dem Gespräch weiter begleiten zu können, sollten von vornherein folgende Treffen eingeplant werden.

(weiter morgen)

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