Das Vorgehen bei Gesprächen zur Sozialen Selbstverständigung sollte drei Hauptphasen enthalten. Zuerst wird das Problem im Bereich des Erfahrbaren, des Unmittelbaren vorgestellt. Danach erfolgt im Gespräch die Überwindung des Unmittelbaren und die vermittelte Bezugnahme auf allgemeinere gesellschaftliche Bedingungen. Im Lichte der erkannten verallgemeinerten Möglichkeitsräume zeigt sich auch das Unmittelbare danach in einem neuen Licht. Kurz formuliert geht es „vom Unmittelbaren ins Abstrakte und weiter in die begriffene Unmittelbarkeit“ (vgl. Wetzel 1999: 209).

1. Beginn

Hier ist zu unterscheiden zwischen Gesprächen, die regelmäßig zwischen Menschen stattfinden, die sich grundsätzlich in den Konzepten und Kategorien der Kritischen Psychologie und den Methoden der Sozialen Selbstverständigung auskennen (2.1.2) und Gesprächen, die erstmalig bzw. in einer Anfangsphase durchgeführt werden (2.1.1). Den „roten Faden“ entnehme ich vor allem dem Leitfaden der AG Berufspraxis (2014).

1.1 Einführung/Erinnerung der Methode (und ggf. des Konzepts und der wichtigsten Kategorien) (es ist sicher sinnvoll, eine Art „Poster“ mit den wichtigsten Inhalten zu entwerfen und im Weiteren als Erinnerungsstütze zu verwenden).

1.2 Feedback zum letzten Gespräch

Z.B. unter Verwendung entsprechender Fragen auf einem Vordruck (der von der zuletzt Darstellenden vorher auszufüllen ist):

  • Darstellung (Stichwort)
  • Welche Handlungsempfehlungen wurden in der Praxis verfolgt?
  • Welche positiven Konsequenzen hatten diese für die Problemlösung?
  • Hat die Umsetzung der Handlungsempfehlung Folgeprobleme aufgeworfen?

2 Praxisdarstellung: Darstellung des Problems/der Situation:

  • Dabei geht es nicht um die Person bzw. um Personen als Problem, sondern um Probleme des Individuums in ihrer Situation.
  • Wichtig ist das Nennen der Bedingungen, die sich z.B. aus der Einbindung in Strukturen ergeben…
    Es sollte jeweils mindestens eine Situation ausführlich beschrieben werden, bei der sich das Problem zeigt.
  • Außerdem soll berichtet werden, welche Problemlösungsversuche bisher gemacht wurden.
  • Am Ende entsteht eine „prägnante Formulierung der aktuellen Problematik/Fragestellung durch den/die Darstellende/n“

3 Moderierte Rückfragerunde: nur Nachfragen, keine Hypothesen!

  • „Was habe ich bei der Darstellung nicht verstanden?“ Das Ziel besteht in einer Rekonstruktion des Problems „vom Standpunkt des Subjekts“ im Zusammenhang mit den gesellschaftlich produzierten Bedingungen (Erckmann, Kalpein, Zander 2013)
  • Welche Informationen fehlen mir, um die Fragestellung/Problematik zu verstehen?“

4 Rückmelderunde – Deutung/Hypothesenbildung:

In dieser Phase geht es um den Übergang vom Unmittelbaren in eine Ebene, bei der die nicht direkt wahrnehmbaren gesellschaftlichen Dimensionen und die Vermittlung zwischen Individuellem und Gesellschaftlichem artikuliert werden.

„Diese übergreifenden Zusammenhänge [gesamtgesellschaftliche Prozesse, epochale Strukturierung der gesellschaftlichen Voraussetzungen] bilden so etwas wie die „Tiefenstruktur“ der individuellen Lebenspraxis, und in dem Maße, wie die Individuen ihre Erfahrungen gemeinsam mit anderen immer mehr durchdringen und ihnen auf den Grund gehen, in dem Maße überschreiten sie die reine Unmittelbarkeit ihrer Lebenswelt und erschließen sich kognitiv und emotional-motivational die Tatsache, daß die gesellschaftlichen Kontextbedingungen für sie der verallgemeinerte, gesellschaftlich-historische Möglichkeitsraum ihrer Lebensführung darstellen.“ (Wetzel 1999: 242)

Dabei verläuft das Gespräch erst einmal vom Deskriptiven zum Analytischen:

Erst wird auf der deskriptiven Zugangsebene ein Gegenstand beschrieben; dann definiert man auf der konstruktiven Zugangsebene in gemeinsamer begrifflich-methodischen Arbeit eine gemeinsame Sichtweise („Metasubjektivität“) (Heinz 2011)

Dabei erfolgt eine Dezentrierung, d.h. eine „Überwindung der Verabsolutierung der eigenen Sichtweisen, sodass die unterschiedlichen Sichtweisen als unterschiedliche (Standort gebundene) Perspektiven auf die gleiche Realität erkennbar werden“ (Mölders 2012: 4)

Es geht also „nicht unmittelbar um die Lösung konkreter Probleme, sondern zunächst um eine „verallgemeinerte“ Sicht auf diese“ (ebd.).

Dazu können folgende Schritte und Fragestellungen verwendet werden:

  • Erste Frage: Welchen Eindruck haben die Teilnehmer*innen von der Darstellung?
  • Bildung von Hypothesen, die sich auf die eingangs formulierte Frage-/Problemstellung der/des Darstellenden beziehen.
  • Wenn notwendig, können Nachfragen gestellt werden, um Unverstandenes an den formulierten Hypothesen zu klären.
  • Dialogisches Vorgehen: „Psychologisch forschen heißt in unserem Kontext, sich wechselseitig Verhalten und erleben durch Bezug auf […]-Konstellationen zu erläutern, sich mitzuteilen, aus welchen Gründen man wie handelt und welche Lösungen oder Probleme das Handeln bringt.“ (Baller 2001: 100)
    Letzter Protokollpunkt: „Für diese Darstellung wurden zusammengefasst folgende Hypothesen erstellt.“

Aus einer Veröffentlichung von Baller (2001) ist mir noch einmal klarer geworden, welche Vermittlungskategorien jeweils gezielt abgefragt werden sollten, solange wir sie noch nicht „automatisch“ verwenden. Es geht dabei jeweils um die Unterscheidung und Vermittlung zwischen Bedingungen, Situationen, Bedeutungen, Prämissen, Gründen und schließlich Handlungen.

Wichtig ist dabei die Orientierung an den zu Beginn genannten Konzepten der Kritischen Psychologie:

  • a) Wie konkretisieren sich für das diskutierte Problem die restriktive und die erweiternde Dimension des Handelns?
  • b) Inwieweit ist die restriktive Dimension funktional?
    Hier geht es auch darum, bisherige Handlungsmuster überhaupt als Bestandteil des restriktiven Modus zu erkennen. Es geht darum, „sensibel für die vielen Voreingenommenheiten des eigenen Verhaltens bzw. die reale Parteilichkeit herrschender Begrifflichkeit zu werden, um nicht unversehens im eigenen Handeln eher zu verhindern, was man zu erreichen hofft“ (Osterkamp 2001: 4). Ich kann mir vorstellen, dass wir für die Beantwortung dieser Frage u.a. Fragetechniken aus der Coachingpraxis übernehmen können.

    Letztlich handeln wir im restriktiven Modus häufig entsprechend vorgestellten Bedingungs-Ereignis-Folgen (Baller 2001: 101) und es geht darum, zu den Bedeutungs-Begründungszusammenhängen vorzudringen, um die fesselnde Unmittelbarkeit zu durchbrechen. Dabei werden auch die jeweiligen Sichtweisen nicht einfach nur aufgenommen, sondern „auf ihre Funktion für die Daseinsbewältigung hin“ befragt. Hier wirken Klischees aus Alltagstheorien und hegemonialen Denkformen, die zu erkennen sind. Es geht um die „Bewusstmachung des konkreten Weltbezugs unseres Handelns einschließlich seiner ideologischen Mystifikationen sowie der Bedingungen…, unter denen diese greifen, d.h. wir selbst daran interessiert sind, „unwissend“ über die reale Gesellschaftlichkeit unseres Handelns zu bleiben.“ (Osterkamp 2001: 31). Die Sprachanalyse innerhalb der Methode „Erinnerungsarbeit“ von Frigga Haug versucht uns zu helfen, dieser Unwissenheit auf die Spur zu kommen.
  • c) Wo stößt diese restriktive Problemlösungsweise an ihre Grenzen? Da wir thematisch von „Problemen“, gar „Krisen“, ausgegangen waren, sollte dieser Spur gefolgt werden. Menschen ohne alle Probleme bzw. Problemsicht fühlen sich in ihrer Welt wohl wie Fische, die beim Schwimmen nie die Aquariumswand berühren. Wenn die gesellschaftlichen Bedingungen jedoch restriktiv sind für die mögliche Fülle menschlicher Selbstentfaltung, so sollten Kollisionen mit dem Glas und entsprechende Ausgangspunkte für eine Erweiterung unvermeidlich sein.
  • d) Welche verallgemeinerbaren Handlungsbehinderungen und –möglichkeiten lassen sich erkennen? (vgl. Markard 2000: 34)
    Jede individuelle Problemsituation findet innerhalb einer Welt statt, deren Bedingungen wir teilen. Die individuelle Situation wird nicht linear als Folge der Bedingungen gedeutet, sondern die jeweils individuelle Handlungsbegründung bleibt unhintergehbar. Aber jede Problemsituation in ähnlichen Lebenslagen wird in ihrer Besonderheit auf einen allgemeinen Bedingungshintergrund beziehbar sein.

  • e) Sind Handlungsalternativen mit der gleichen Funktionalität wie die bisherigen restriktiven Problemlösungsversuche sichtbar? (Spätestens an dieser Stelle bietet es sich an, eine Runde mit Bemerkungen zu entsprechenden Erfahrungen der anderen einzubauen).
    Als Tipp kann die Erfahrung gelten: Der Inhalt der Restriktion bestimmt auch die inhaltliche Richtung der Überschreitung. Gerade das Leiden an bzw. das Spüren der Restriktionen (die Kollisionen an der Glaswand) kann als besondere „Ressource“ des Aufspürens der neuen Richtung für das jeweilige Individuum erschlossen werden.
  • f) Reformulierung des ursprünglichen Problems

5 Empfehlungsrunde

  • Statements sollten möglichst in einem Satz eine „Empfehlung“ auf der Handlungsebene beinhalten
  • Die bzw. der Darstellende kann Bezug auf die Hypothesen/Empfehlungen nehmen.
  • Hier ist auch Platz für Nachfragen zu den Hypothesen/Empfehlungen und Korrekturen.

6 Handlungsideen

  • Die Moderation fragt die oder den Darstellenden, welche Handlungsideen sich ergeben haben.
  • Dabei werden die vorgebrachten Hypothesen/Empfehlungen durch die/den Darstellende/n reflektiert: „Welche Handlungs-/Impulse hinterlassen die fallbezogenen „Empfehlungen“ der anderen bei mir?“
  • Welche weiteren Ideen ergeben sich durch die Reflexion, Nachfragen, Korrekturen die als Handlungsmöglichkeiten sinnvoll sein können?

7 Resultat

  • Formulierung der Handlungsstrategie durch die/ den Darstellende/n

8 Planung für die nächste Sitzung:

  • Wer stellt nächstes Mal was vor?
  • Wer moderiert die nächste Sitzung?

So, damit bin ich auch erst mal am Ende meiner vorbereiteten Überlegungen. Ich sitze grad im Grimm-Zentrum in Berlin, ein Laptop ist mir schon mangels Strom abgeschmiert, irgendwie bin ich technisch noch nicht vollständig im Internetzeitalter angekommen. Ab nächste Woche können wir ja direkt darüber weiter sprechen, wer mag (bei der Ferienuni Kritische Psychologie 2014). Ansonsten würde mich schon interessieren: Gibt es überhaupt jemanden, der in diese Richtung mit denken, planen und Gespräche durchführen möchte?

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