Eröffnung

Es ging heute angenehm locker los bei der Ferienuni Kritische Psychologie 2014, die seit heute 5 Tage lang an der FU Berlin stattfindet. Die Begrüßung durch das Vorbereitungsteam war begleitet durch Fragen an die ca. 200 Teilnehmenden an der Auftaktveranstaltungen. Dabei wurde deutlich, dass die allermeisten zum ersten Mal an einer solchen Ferienuni teilnehmen und Psychologiestudierende sind. Ich war etwas erstaunt, dass insbesondere die beiden letzten Ferienunis, die vor 2 und vor 4 Jahren nach einer längeren Pause stattfanden, nicht mehr damals Teilnehmende heute auch wieder angelockt haben.

Es war interessant, wie sich die Anzahl derer, die schon in den 90er oder gar 80er Jahren an den Ferienuni zur Kritischen Psychologie drastisch reduzierte. Besonders schön fand ich die Idee, dass von denen, die jeweils bekundeten, an einer bestimmten Ferienuni schon mal teilgenommen zu haben, auch Erfahrungen und Meinungen abgefragt wurden. Dadurch kamen viele zu Wort, die in solchen Hörsälen eigentlich meist zu passivem Zuhören verdammt sind.

Den Titel dieses Blogbeitrags habe ich von einem Grußwort der Fachschaftsinitiative Psychologie der FU Berlin: Nachdem Raphael Cuedros berichtete, wie sehr er davon enttäuscht war, dass kurz nach dem Beginn des Studiums noch alle bereitwillig ihre Scripte austauschten, jedoch nach und nach eigentlich alle dazu übergingen, nur noch an ihrem eigenen Vorsprung gegenüber den anderen zu arbeiten, freute er sich auf diese Ferienuni als Erfahrung, gegen diesen Strom zu schwimmen und ein anderes Umgehen miteinander zu praktizieren.

Auch der Einführungsvortrag von Morus Markard bezog sich auf das Ferienunimotto „Den Gegenstrom schwimmen“. Eine kommunistische Zeitschrift hatte schon 1928 den Titel „Gegenstrom“ und das Motto: „Wer zur Quelle kommen will, muss gegen den Strom schwimmen“. Darauf hat sich dann später Klaus Holzkamp, der Begründer des Konzepts der Kritischen Psychologie, positiv bezogen, als er jeglicher Wissenschaft die Aufgabe zusprach, kritisch gegenüber dem jeweils erreichten Stand des Wissens, aber auch kritisch gegenüber den beschränkenden gesellschaftlichen Bedingungen zu sein.

Speziell für die Psychologie gilt: Wenn es die Aufgabe der Psychologie ist, Fremdbestimmung zu vermindern, so müssen herrschaftliche gesellschaftliche Verhältnisse kritisiert werden, denn sie widersprechen einem vernünftigen menschlichen Zusammenleben. Objektivität misst sich in diesem Kontext daran, wie gut die jeweiligen Konzepte und Theorien die Widersprüche der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ausblenden. Solange der Mainstream sich nicht in diese Richtung bewegt, muss man sich ihm widersetzen und in die Gegenrichtung schwimmen:

„Gegen den Strom schwimmen muss man in dem Maße, wie die Perspektive allgemeiner Menschlichkeit nicht Allgemeingut ist.“

Dieses „Gegen den Strom schwimmen“ bedeutet selbstverständlich, die Bedingungen wissenschaftlichen, psychologischen Arbeitens in Frage zu stellen, das heißt, sich gesellschaftlich zu engagieren. Trotzdem ist die Kritische Psychologie keinesfalls selbst eine soziale Bewegung. Bei den diesjährigen Ausführungen von Morus M. verstand ich auch noch deutlicher, was er bei der vorigen Ferienuni gemeint hatte, als ich rausgehört habe, dass er eine politische Instrumentalisierung der Kritischen Psychologie durch politische Anliegen befürchtete. Es geht darum, dass die Kritische Psychologie den reflektierten Standpunkt einer Wissenschaft einnimmt, der nicht wesentlich zu politischen Bewegungen dazu gehören muss und von daher die gesellschaftlichen Bewegungen auch kritisieren können muss. Das ist genau das, was wir in der Zukunftswerkstatt Jena auch an den Konzepten und Kategorien der Kritischen Psychologie so schätzen: sie gab uns die begrifflichen und konzeptionellen Mittel in die Hand, das gefühlte Unwohlsein an instrumentalisierenden politischen Beziehungen zu kritisieren.

Diesem Vortrag folgte nicht die übliche Nachfrage- und Koreferentenrunde, sondern die Anwesenden wurden gebeten, sich in Tuschelrunden über einige Fragen auszutauschen. Aus diesen Gesprächen heraus wurden dann Fragen und Kommentare geäußert, die einiges noch einmal vertieften oder klarstellten.

Ich fand diese Weise der Durchführung des Auftakts ausgesprochen sinnvoll und angenehm.

Nach einer Pause wurden dann die Themenstränge, zu denen ab morgen Einführungsveranstaltungen, Vorträge, Workshops und die Vorstellung wissenschaftlicher Arbeiten stattfinden, inhaltlich recht ausführlich vorgestellt. Es gibt die Themenstränge „Einführung in die Kritische Psychologie“, „Wissenschaftsgeschichte und Erkenntnistheorie“, „Praxisforschung, Psychotherapie und Beratung“, „Das Rätsel des Unbewussten“, „Politische Kämpfe und Emanzipation“ sowie „Aktuelle Forschungs- und Abschlussarbeiten“.

Wenn ich in den vergangenen Berichten zu den Ferienunis öfter feststellen musste, dass ich eigentlich auf dieser Veranstaltung „falsch“ bin, so ist diesmal der Themenstrang „Politische Kämpfe und Emanzipation“ direkt auf solche wie mich zugeschnitten! Was will ich mehr? Mein eigener Beitrag zur Dialektik unterstützt einen anderen Themenstrang, aber wie meine Blogbeiträge von voriger Woche zeigen, interessiere ich mich aktuell sehr für die Einbeziehung der kritisch-psychologischen Konzepte in die Lebenspraxis, insbesondere die politische. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt und was wir vereinbaren, weiter dazu zu tun. Ich bin schon sehr gespannt.

Ich muss sagen, dass ich diesmal auch in einer bevorzugten Situation bin: ich kenne sehr viele vom Frühsommertreffen in Hiddinghausen und übernachte auch in einem Haus, wo mindestens ein Dutzend von uns übernachten, d.h. auch gemeinsam frühstücken, reden, diskutieren, Suppe rühren und so weiter. Ich hoffe, dass viele von denen, die auch zum ersten Mal hier sind, Feuer fangen und – um die Metapher zu wechseln – den Gegenstrom weiter anschwellen lassen…

Danke schon mal ans Vorbereitungsteam (siehe Foto oben), dessen Aufwand und Mühe mir ein wunderschönes Erlebnis und menschliche sowie Erkenntnisbereicherung bieten!

Weitere Beiträge zu dieser Woche:

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