Ferienuni 2014_1Für mich stand der heutige Tag der Ferienuni Kritische Psychologie unter dem Motto „Kritische Psychologie in eigener Sache“. Diese Formulierung stammt von Kurt Bader, einem Plenumsteilnehmer auf dem ersten Workshop.

Dies war der Workshop „Keine richtige Lebensführung im Falschen“. Aktive der AG Lebensführung berichteten darüber, wie sie in verschiedenen Gruppen und Projekten nicht mehr nur theoretisch über ein Denken und Handeln debattieren, das Behinderungen und mögliche Überschreitungen benennt, sondern die vorhandenen Kategorien und Konzepte der Kritischen Psychologie auf ihr eigenes Handeln anwenden. Dies scheint für die Kritische Psychologie nicht so selbstverständlich zu sein, was für mich sehr verwunderlich ist, denn dieses Anliegen der Selbstanwendung des Konzepts auf die eigene Praxis war für mich von vornherein selbstverständlich und ich war bei den vorigen Ferienunis etwas konsterniert, dass das vielen Aktiven in diesem Bereich ziemlich fremd zu sein schien. Auch jetzt ist diese Sichtweise und die Praktizierung der „Kritischen Psychologie in eigener Sache“ nur die Sache einer wohl nicht allzu großen Gruppe.

Aber wenigstens findet dies bei der diesjährigen Ferienuni so viel Raum, dass ich heute den ganzen Tag mit solchen Fragen verbrachte. Die Berichte von Jochen Kalpein über seine Berufspraxis in der familiären Krisenintervention, von Kurt Bader, der sein Kunstschaffen einbezog, von Heinz Mölders, der über Multiloog berichtete und Michi Almer, die dies ergänzte, umfassten ein breites Spektrum an möglichen Handlungsbezügen. Leider war nicht ganz klar, wie dieser Workshop, der leider ohne die angekündigte Beteiligung von Ute Osterkamp auskommen musste, methodisch gestaltet würde. Es waren zu viele Personen in einem ungünstigen Raum, um die Teilnehmenden stark selbst zu beteiligen – aber das Vorstellen der Projekte kam für jedes einzelne auch etwas zu kurz. Aber mir bestätigte es, dass ich auf dem richtigen Weg bin und gab mir die Hoffnung, dass sich noch mehr Menschen mit auf diesen Weg der „Kritischen Psychologie in eigener Sache“ begeben werden.

Auf die Frage an die Plenumsteilnehmer: „Wie arbeitet denn nun die Kritische Psychologie?“ wurde geantwortet: „DIE Kritische Psychologie arbeitet gar nicht… aber es gibt einzelne Leute, die sich auf verschiedene Kategorien und Konzepte der Kritischen Psychologie beziehen und wir müssen uns austauschen, wie wir das machen…

Interessant fand ich den Hinweis von Michi Almer, die darauf aufmerksam machte, dass wir uns eigentlich häufig im althergebrachten, gewohnten Sinne verhalten im Sinne „Warum sollte ich das ändern?“. Aber spätestens, wenn ich damit auf Probleme stoße, sollte ich die Frage ändern und mich fragen: „Warum mache ich das eigentlich so?“

Als Ziel der Sozialen Selbstverständigung nannte Jochen Kalpein, dass es dabei nicht um Selbstbespiegelung ginge, sondern darum, bisher nicht gesehene Handlungsmöglichkeiten offen zu legen.

Jochen Kalpein bezog sich u.a. auf den Titel der Veranstaltung und meinte:

Wenn es kein richtiges Leben im Falschen gibt, heißt das ja nicht, dass es nichts Richtiges um Falschen gibt… Ich habe Handlungsmöglichkeiten und ich kann entscheiden, was jeweils „richtiger“ ist…

Für mich bleibt die Frage noch offen ob es sinnvoll sein kann, eine recht eigenständige, von der Spezifik der Kritischen Psychologie (Begründungsdiskurs vom Standpunkt von „je mir“ innerhalb gesamtgesellschaftlicher Bedingungen) geprägte Gesprächsform zu entwickeln, oder ob es nur darum gehen kann, vorhandene andere Methoden in dem Sinne zu „wenden“, dass sie kritisch hinterfragt werden. Dies z.B. daraufhin, ob Personalisierungen vorkommen und gefördert werden, ob sie im Unmittelbaren verbleiben, oder von einem Außenstandpunkt her die individuelle Begründetheit des Handelns unterlaufen. Zum Thema Therapie hat Morus Markard gestern geäußert, dass es nicht das Ziel sein könne, eine spezifisch kritisch-psychologische Therapieform zu entwickeln, sondern die vorhandenen Therapiekonzepte und –praxen im Sinne der Kategorien der Kritischen Psychologie kritisch zu reflektieren. Wie das gehen soll, ist mir schon hier unklar, aber auch bei den nicht auf therapeutische Kontexte bezogenen Gesprächen zur Lebensführung, vor allem auch im Kontext der politischen Emanzipation könnte ja ein solches Vorgehen versucht werden. Ich mache zwar Gewaltfreie Kommunikation, aber…. und wie umgehe ich dann die Personalisierungen, die da sogar „Vertierungen“ sind??? Ich coache Menschen systemisch, aber wie könnte ich da verhindern, dass ich letztlich die Deutungshoheit über die Situation und Probleme der anderen Menschen habe? …

Der nächste Workshop „Alltägliche Lebensführung und Emanzipation“ stellte die Erfahrungen des Hiddinghausener Treffens dar. Hiddinghausen wurde dabei etwas scherzhaft das „Inoffzielle Bildungszentrum der Kritischen Psychologie“ genannt 😉

Die Beteiligten stellten viele Nachfragen, so dass der Vorschlag gemacht wurde, in Kleingruppen zu gehen, wo Teilnehmende aus Hiddinghausen jeweils verschiedene Fragen beantworten. Dies wurde dann auch getan, wobei eine Großgruppe übrig blieb, bei der auch angeregt gefragt, berichtet und diskutiert wurde. Vor allem interessierte dabei auch der Bezug zur Kapitalismuskritik.

Die Frage: „Wenn ich das richtig verstanden habe, war es das Ziel, den Kapitalismus aufzuheben“ lockte die frotzelnd gekicherte Antwort aus der Runde heraus: „Jetzt habe ich ganz vergessen: haben wir das eigentlich erreicht?“ 😉

Abends ging es in einem Plenum um den Bezug der Kritischen Psychologie auf den Marxismus bzw. auf unterschiedliche Auffassungen zum Marxismus und der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung („Wie marxistisch ist die Kritische Psychologie?“). Diese Veranstaltung soll sehr streitbar gewesen sein, ich war aber nicht dabei, weil ich mir in dieser Zeit faszinierende Musik auf Marimba und Handpan von Florian Betz angehört habe.

Vorher aber stand für mich noch auf dem Plan eine Veranstaltung mit Michael Zander „Zur Operationalisierung des kritisch-psychologischen Konfliktmodells“. Obwohl Michael betonte, kein Praktiker zu sein, interessieren ihn gerade dieselben Fragen wie mich. Wie kann ich denn mit den „analytischen Begriffe“ die Fülle der Erfahrungen (das „Material“) so bearbeiten, dass aufschlussreiche Ergebnisse erreicht werden können? Michael schlägt vor, bestimmte Fragen zu stellen, z.B.:

  • Wo finden wir im Material herrschende Normen?
  • Welche Alternativen werden verdrängt? (die z.B. deutlich werden können, wenn wir herrschende Normen fallen lassen)
  • Warum ist aber auch die Anerkennung einer Norm, die mich einengt, funktional? Irgendwas muss ich davon haben…

(Ähnliche Fragen wurden auch bei den Gesprächen in Hiddinghausen gestellt).

Er nannte noch einige ungelöste Problemstellungen, die mir zeigten, dass andere eigentlich auch nicht weiter sind als wir nach unserem Hiddinghauser Versuchen.

Für die Durchführung von Gesprächen im Rahmen der Sozialen Selbstverständigung nahm ich noch den Hinweis mit, dass Ute Osterkamp betont habe, dass sich die Beteiligten (vor allem wohl auch die Moderierenden) zuerst einmal selbst darüber klar werden müssen, wo sie selbst mit ihrem Verhalten dem angestrebten Ziel im Weg stehen könnten.

Für den Umgang mit der Tatsache, dass wir mögliche Alternativen nicht wahrnehmen oder verdrängen, wurde die Erfahrung erläutert, dass vertrauensvolle Gruppen sehr dabei helfen können, die relative Sicherheit, die wir auch im beschränkten Bereich finden, zu verlassen und risikoreiche Schritte hin zu neuen Denk- und Handlungsformen zu gehen.

Insgesamt konnte ich heute schon viele Aspekte notieren, die meine bisherigen Überlegungen zur Methode der Selbstverständigung (siehe diese Blogberichte und folgende) deutlich anreichern. Aber mindestens ebenso wichtig waren die netten Gespräche zwischendurch für die natürlich wie immer viel zu wenig Zeit ist. Ich traf Bekannte von früheren Treffen aus ganz anderen Kontexten; das zeigt, in wie vielfältige Sphären die Kritische Psychologie inzwischen ausstrahlt. Die Kritische Psychologie muss kein inneruniversitäres Thema mehr bleiben, sondern kann Platz in der Gesellschaft nehmen, unter Menschen, die sich über ihre Lebensprobleme verständigen wollen. Wenn ich dies früher vermisst habe, so sehe ich uns nun endlich auf dem Weg dazu…

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