Ich habe lange überlegt, wie ich den heutigen Blogbericht betitele. Es gab leider gar keine so passenden Ideen aus den Veranstaltungen der Ferienuni Kritische Psychologie und sie waren auch inhaltlich ziemlich unverbunden, außer einen mehr als vagen Bezug auf die Kritische Psychologie.

Zuerst ging es um die„Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit in der Produktion. Ganzheitliche Produktionssysteme und Industrie 4.0“. Mich hat das Stichwort Industrie 4.0 in diese Veranstaltung gelockt, denn ich wollte nun endlich mal wissen, wie man diesen neuen Trend einschätzen und bewerten kann. Aber das spielte überhaupt gar keine Rolle, dafür wurden alte Hüte aus den in den 90er Jahren neuen Managementsystemen, die seit 2003 häufig unter der Bezeichnung „Ganzheitliche Produktionssysteme“ zusammen gefasst werden, geschildert. Das war für Neulinge auf diesem Gebiet sicher gut, aber dafür war ich nicht gekommen. Wie die Arbeitsgruppe des Referenten in Jena nun diese Situation beforscht und dies sogar noch mit kritisch-psychologischem Anspruch, kam erst am Schluss zu unsystematisch zu Wort.

Stefan Mz. verwies darauf, dass diese Untersuchung auch darauf gerichtet sein muss, die materielle Grundlage dieser neuen Managementtechniken, d.h. die neuen Qualitäten auf der Ebene der Produktionsmittel, insbesondere der Computer- und Vernetzungsinfrastruktur zu berücksichtigen, denn sonst erscheinen die Managemententscheidungen als willkürliche Setzungen. Außerdem sind neuen Trends wie die Peer-Produktion zu berücksichtigen.

Warum solche neuen Praxen so wichtig sind, betonte Josef Held: Auch wenn noch nicht alle mit diesen Praxen arbeiten, so bestimmen doch bestimmte Schlüsseltechnologien das gesamte gesellschaftliche Klima.

Der Referent A. Mengay betonte, dass das Projekt in Jena, in dem er arbeitet, im Unterschied zu anderen Industriesoziologen die Prozesse als fragile, in ihren Wirkungen noch nicht vorentschiedene Prozesse betrachtet, die Einflussmöglichkeiten bieten.

Es gibt dabei tausend Bruchstellen und damit tausend Ansätze für Ermächtigung und Erweiterung der Handlungsfähigkeit…

Insgesamt kam mir das aber zu kurz und blieb zu vage.

Der zweite Vortrag beschäftigte sich mit dem Zugang und Begriffen für und aus der Praxisforschung (von Ole Dreier). Ich war mit hohen Erwartungen gekommen, die aber zu einem großen Teil enttäuscht wurden, vor allem dann auch durch einige Darstellungen in der Diskussion zum Begriff der Gesellschaft.

Der Gegenstand der hier verhandelten Praxisforschung war die Praxis von Therapeuten. Es ging also um Therapieforschung. Ole Dreiers Kritik an den vorliegenden Forschungen dazu charakterisiert diese als Untersuchungen, bei denen das Handeln des Therapeuten als Ursache der (erhofften) Veränderungen beim Klienten angesehen wird, wobei beide nur im isolierten Rahmen des Therapiegesprächs behandelt werden.

Seine Erweiterung dieses Konzepts besteht darin, beide Beteiligten als Akteure in Handlungszusammenhängen zu bestimmen. Er entwickelt dabei auch ein allgemeines Konzept einer Person:

Personen sind Teilnehmer in Handlungszusammenhängen und eine Person lebt in vielen verschiedenen Handlungszusammenhängen.

Das richtet sich gegen die Vorstellung von isolierten Subjekten und wird auch bedeutsam für die Sicht auf die Therapiepraxis. Dazu nannte Ole Dreier viele recht interessante Aspekte und ich denke, die Kategorie des Handlungszusammenhangs ist gut geeignet, „mittlere“ Vermittlungsebenen, die das Individuum mit dem gesellschaftlichen Kontext auch auf jeweils unterschiedliche Weise verbinden, zu erschließen. Für die Therapie ergibt sich aus seinen Erfahrungen, dass die Wirkung der Therapie keinesfalls vorwiegend durch die Intervention des Therapeuten „verursacht“ ist, sondern „Stellenwert und Gebrauch der Therapie werden anderswo bestimmt“ , nämlich in den alltäglichen Handlungszusammenhängen der Menschen und wo dort entscheidende Impulse zur Wirksamkeit kommen, ist auch sehr unterschiedlich.

Eine andere Wirkung auf die Vorstellungen über Therapie ist, dass etwas, was vorher als Eigenschaft eines Menschen festgeschrieben war (die ggf. durch Intervention an diesem Menschen zu verändern sei), wird jetzt auf ihre spezifische Funktion in bestimmten Handlungszusammenhängen hin untersucht, wo ganz andere Möglichkeiten für Veränderungen in den Blick kommen. Durch ein neues Verständnis von therapeutischer Intervention, bei dem kein festes Vorgehen festgelegt ist, wird Intervention tatsächlich erst zur inter-vention, nämlich einem Dazwischen-Kommen in Bezug auf vieles anderes, das sowieso vorkommt (alltägliche Handlungszusammenhänge) und dem therapeutischen Handeln im Therapiezusammenhang.

Außerdem ist Ole Dreier dabei der Begriff von Gesellschaft ziemlich verloren gegangen. Dass dies auch in anderen Fachrichtungen wie der (Mainstream-)Soziologie geschieht, wie er ausführte, ist ja wohl kein guter Grund, die eigenen besseren Bestimmungen zu vergessen oder zu verzichten, diese weiter zu qualifizieren.
(Dazu behauptete er z.B., auch der Gesellschaftsbegriff der Kritischen Psychologie sei strukturell noch in der Vorstellung der Nationalstaaten als „Gesellschaften“ verankert, was ich so bei Holzkamp überhaupt nicht finde. Auch die Entgegnung von Leonie, dass Gesellschaft was mit Kapitalismus zu tun habe, ist einseitig, denn diese Gesellschaftsform ist nur eine von vielen und die Gesellschaftlichkeit des Menschen über alle Epochen hinweg ist eine fundamentale Kategorie zur Erfassung der spezifischen Möglichkeitsbeziehung von menschlichen Individuen gegenüber der Welt. Außerdem war ihm die Gesellschaft „zu weit weg“ vom Menschen. Damit reproduziert er die Vorstellung einer Trennung von Individuum und Gesellschaft, d.h. von ihrer Äußerlichkeit und interessiert sich nicht für die Gesellschaftlichkeit in den Individuen.)

So richtig spannend wurde es erst wieder am Abend. Das kürzere Tagesprogramm ermöglichte der Gruppe, die im selben Haus in Berlin übernachtet, eine Runde gemeinsames Spazierengehen, Kochen, Essen, beim Wein-Zusammensitzen. In meiner Ecke diskutierten wir über unser Verhältnis zu anarchistischen Konzepten und Praxen, über die Erfahrungen aus dem Leben und Agieren in der DDR und diskutierten das Commons-Konzept im Spannungsfeld zwischen Kritik und Weiterentwicklung. Ein wenig Dialektik kam natürlich auch vor 😉 (unvermeidlich in meiner Nähe…)

Jetzt bin ich nun langsam wirklich platt und versuche vor meinem Vortrag morgen in der ersten Runde noch einmal einigermaßen zu schlafen. Um mich herum ist es ruhig geworden und ich hätte gern noch etwas Musik von gestern abend…

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