Ich sitze heute schon vor Mitternacht an diesem Bericht über die Ferienuni Kritische Psychologie und es wird immer deutlicher, dass ich nur sehr geringfügige Bruchteile des Erlebten und Erfahrenen irgendwie aufschreiben kann.
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Die erste Erfahrung machte ich bei meinem Dialektikvortrag bei einer Nachfrage nach dem Interesse bezüglich der Beziehung der Dialektik zur Kritischen Psychologie: Die Variante, bei der ich vorschlug, die jeweiligen Gegenbegriffe der Kritischen Psychologie, die sich aus den beiden Richtungsbestimmungen der Handlungsfähigkeit (der restriktiven und der allgemeinen) ergeben, könnten mal nach allen „Regeln“ der Kunst der dialektischen Argumentation untersucht werden. Dazu habe ich nun gar nichts vorbereitet… !!!

Aber ich schlug vor, das als Anlass zu nehmen, das später zu bearbeiten und jetzt erst mal die anderen Themen zu erläutern, weil sie zu einem großen Teil auch eine Voraussetzung für diese Untersuchung sind. Dies versuchte ich dann auch, ohne allzu lange zu überziehen, was mir mit 5 Minuten Überziehung auch „gelang“. So weit ich es mitbekommen habe, waren die meisten ziemlich zufrieden, und auch wenn es eine hohe Anforderung war, wurde diese als anregend und nicht „erschlagend“ eingeschätzt. Wie erwartet, ergaben sich daraus noch viele Gespräche mit mehreren Menschen, die ich gerne schon zu einem früheren Zeitpunkt der Ferienuni geführt hätte, aber leider lag mein Vortrag so spät im Programm (am vorletzten Tag).

Den „Rest“ des Tages verbrachte ich dann weitgehend zuhörend bei der Forschungswerkstatt zur kritisch-psychologischen Therapieforschung. Dabei wurden 4 aktuelle Forschungsarbeiten vorgestellt, bei denen verschiedene Therapieformen (z.B. Verhaltenstherapie und Schematherapie ) untersucht wurden. Dabei ging es, wie Jochen Kalpein meinte, nicht nur um originäre Therapien, sondern auch um eine weiter gefasste Praxis.

Morus Markard stellte die Frage, welche allgemeinen Perspektiven und Orientierungen sich aus den Kategorien und Konzepten der Kritischen Psychologie ergeben, aus denen sich verschiedene Folgerungen für verschiedene Therapieformen ableiten ließen. So sei zum Beispiel zu unterscheiden,

  • welche Veränderungen ein Umdenken voraussetzen,
  • bei welchen das nicht ausreicht, sondern eingreifendes Handeln notwendig ist
  • und welche darüber hinaus auf gesellschaftliche Veränderungen angewiesen sind.

Ole Dreier berichtete, wie sich bei seinem eigenen Projekt, die Praxis der Therapie zu beforschen, im Laufe der Zeit die Fragestellung änderte und betonte, dass dies ja nicht etwa ein Fehler sei, sondern dazugehöre, wenn man etwas Neues dazulernt, wie es in echten Forschungsprozessen zu erwarten sei.

Maria und Leonie berichteten dann von einer gemeinsamen Arbeit, in der sie die Verhaltenstherapie einer Frau, die als depressiv diagnostiziert war, durch qualitative Interviews im Sinne der Grounded Theory analysieren.

Sie berichteten von der Schwierigkeit, den Sprung von der unmittelbaren Problemlage zur gesellschaftlichen Ebene zu erfragen… und erwarteten sich von den Anwesenden Hinweise dazu. Dabei sah ich als Außenstehende, wie in der Kritischen Psychologie solch eine Forschungswerkstatt funktioniert: Es ist ein echter Erfahrungsaustausch und keine akademische Prüfungssituation. Die Referierenden legen ihre Zweifel und Fragen offen und die anderen Anwesenden wirken eigentlich niemals besserwisserisch oder dirigistisch. Es muss Spaß machen, in diesem Kontext zu forschen!

Tobias berichtete über die von ihm geplante Forschungsarbeit über die gesellschaftlichen Einflüsse auf die Schemaentwicklung. Auch hier wurde die verwendete Therapie nicht in Frage gestellt, aber auf die mögliche Erweiterbarkeit in Hinsicht auf die Berücksichtigung der gesellschaftlichen Bedingungen und der Verstärkung des Subjektstandpunktesgeachtet Indirekt wurde in der Diskussion dazu auf die oben schon genannte Frage von Marie und Leonie eingegangen:

Wo soll sich die gesellschaftliche Vermitteltheit zeigen, wenn nicht in der Biographie/dem Alltagsleben?

Jochen Kalpein berichtete dann von seiner Berufspraxis im Bereich der Krisenintervention in Familien. Er trennt nun nicht zwischen Forscher (Therapeut, also er selbst) und dem Beforscher (Therapieforscher), sondern will seine eigene Praxis erforschen. Dies geschieht unter drei verschiedenen, aber eng miteinander zusammenhängenden Analyseperspektiven, und den drei Analyseperspektiven entsprechen drei Diskussionszusammenhänge, die er selbst mit geschaffen hat.

Eine Perspektive greift die Anregung von Ole Dreier auf, von der ich gestern berichtete, dass die Lebensführung von Subjekten im Alltag „als ein Zusammenspiel von Person-Situation-Aktivität/Handlung über Theorie- und Fallanalysen“ zu konzipieren ist.

Eine andere Perspektive orientiert vor allem auf einen Punkt, den ich in einem früheren Bericht schon einmal angesprochen habe (der wohl von Ute Osterkamp stark thematisiert wurde). Wörtlich steht dazu in dem ausgegebenen Paper:

Die eigenen „Haltungen“ [die mit Unsicherheiten, Vorurteilen, (angenommenen) Selbstverständlichkeiten, Verabsolutierungen, Abwehr-, Anerkennungs- und Unterdrückungsstrategien zu tun haben, wie er an anderer Stelle schreibt] als gesellschaftlich vermitteltes Prämissen-Ensemble reflexiv auf den gemeinsamen Forschungsprozess zu beziehen, wird als unhintergehbare Dimension „sozialer Selbstverständigung“ bestimmt.

Leider blieb nicht genügend Zeit, diese Perspektiven anhand einer der mitgebrachten Fallanalysen zu diskutieren.

Nun war der Tag nach diesen drei Blöcken noch nicht vorbei. Für den Abend nach einer leckeren Verköstigung durch die Küfa („Küche für alle“) stand noch eine Runde Open Space auf dem Plan. Dazu konnten sich doch recht viele Teilnehmende aufraffen.

Im Hörsaal wurden Vorschläge für Workshops gemacht, das obige Bild zeigt, wie die Vorschläge gesammelt wurden, später konnten einige Vorschläge zusammengelegt werden und jede/r entschied, wohin sie/ er gehen wollte. Ich war etwas perplex, dass das Thema, das ich unter dem Titel „Methode der Sozialen Selbstverständigung“ aufgemacht hatten, zu dem aber drei weitere Vorschläge passten, überhaupt keinen Teilnehmer außer mir anlockte. Daraufhin sah ich mich um und gesellte mich zu den beiden, die über die Systemische Theorie diskutieren wollten. Und wie es der „Zufall“ so will, erfuhr ich dort vieles, was mir bei den Überlegungen zur Durchführung von Gesprächen zur Sozialen Selbstverständigung gut helfen kann.

Die beiden anderen hatten jeweils eine Ausbildung in Systemischer Therapie, aber diese war durchaus recht unterschiedlich, wie sich herausstellte. Ich habe nicht systematisch mitgeschrieben, aber ich möchte kurz sammeln, welche Potentiale dieser Therapieform genannt wurden, die recht gut mit Prinzipien und Konzepten der Kritischen Psychologie zusammen passten und eher problematische Faktoren, die zu „Fallen“ werden können.

1. Ressourcen

  • Keine Personalisierung des Problems bzw. Zuschreibung als Eigenschaft von Personen, da immer die Beziehungen thematisiert werden.
  • Der immanent enthaltene Konstruktivismus (wir wissen nie, wie es wirklich war, wir haben immer nur die Perspektiven der Menschen dazu) führt dazu, dass die Verhaftung in der Unmittelbarkeit durchbrochen wird (indem die Perspektiven thematisiert werden, nicht „DIE Wirklichkeit“)
  • Es entsteht eine Perspektivenverschränkung, die intersubjektive Beziehungen befördert.
  • Es gibt viele und vielfältige Methoden der Provokation und der Irritation, die verwendet werden können, um Problemsichten zu verändern (und ggf. an die vorher nicht gesehenen Widersprüche heranzukommen) – diese sollten aber sehr vorsichtig eingesetzt werden, um eine Entwicklung „im Tempo des Patienten“ zu ermöglichen und ihn nicht dirigistisch zu beherrschen.
  • Es wird als Aufgabe gesellt, Ambivalenzen so lange wie möglich aufrecht zu erhalten und (vor?)schnelle Entscheidungen immer wieder in Frage gestellt, bis wieder neu entschieden werden kann.

2. Mögliche „Fallen“

  • Inwieweit geraten durch die konstruktivistische Relativierung die „wirklichen Bedingungen“ aus dem Blick (also z.B. ökonomisch oder Lebenslage-bedingte systematische Ausgrenzungen und Beschränkungen des Handlungsrahmens, die nicht durch Bewusstseinsveränderungen, nicht durch nur individuelle Verhaltensänderungen oder bloß interaktives Tun verändert werden können? (d.h. wie weit wird der Umfang des Systems gespannt?, bis hin zu den gesamtgesellschaftlichen Bedingungen? –grundsätzlich sollte dies möglich sein)
  • Vom Therapeuten wird Neutralität verlangt. Ist dies unter allen Umständen angemessen?
  • Die Relativität der Perspektiven grenzt an eine Beliebigkeit: „Da wird dir das Hirn weich gegenüber den gesellschaftlichen Bedingungen!“

Es wurde auch gefragt, ob es so bleiben muss, dass der Therapeut einen uneinholbaren Wissensvorsprung bei der Anwendung seiner Methoden hat. Zwar fragten machen Patient*innen von selbst: „Wie machen Sie das eigentlich?“ und dann könne man ihnen auch antworten. Aber es entstand der Vorschlag den Menschen von vornherein vorzuschlagen, bei einem Extratreffen, in dem es nicht um den Inhalt der therapierten Problems selbst geht, über die Methoden zu informieren. Das ist mehr als das übliche „Metagespräch“ über den Verlauf der Therapie, weil hier der Informationsfluss mehr vom Therapeuten hin zum Patienten (so nenne ich die Beteiligten jetzt auch mal, weil immer so von ihnen gesprochen wurde) verläuft.

Und damit bin ich am Ende des Berichts über den heutigen Tag, der erstmals auch tatsächlich noch „heute“ fertig wird.

Ich würde mich freuen, wenn vor allem Leute, die selbst auf der Ferienuni sind/waren, hier im Kommentarbereich ihre Eindrücke und auch sachliche Hinweise ergänzen könnten…