Hier versuche ich wiederzugeben, was ich während meines Beitrags auf dem Abschlussplenum der Ferienuni Kritische Psychologie 2014 gesagt habe. Dieses Plenum stand unter dem Motto: „Rückblick auf dem Weg nach vorn“. Es ging darum, mit welchen Erfahrungen und Erwartungen wir zur Ferienuni gekommen waren, was wir erlebt haben und wie es weitergehen könnte… Beim Schreiben fällt mir natürlich noch viel mehr dazu ein, was ich jetzt mit aufschreibe.

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Erst wenige Stunden vorher hatte mich jemand gefragt, wie ich als Physikerin zur Kritischen Psychologie gekommen bin. Darauf gibt es eigentlich mehrere Antworten. Ganz konkret darauf aufmerksam gemacht wurde ich durch eine Mail, in der eine Kritik an meinem Buch „Dass nichts bleibt, wie es ist…“ (1996) geäußert wurde. In der Mail – von Stefan Meretz – wurde diese Kritik auch begründet und die Argumente kamen aus einem Buch von Klaus Holzkamp: „Grundlegung der Psychologie“. Ich war überrascht: Dieses Buch enthielt ja viel mehr als nur Psychologisches! Es enthält ja auch viel Gesellschaftstheoretisches, wobei systematisch das Individuum im Zentrum steht; es behandelt auch die Evolutionstheorie, die das Thema meines Buches war. Ich begann dieses Buch zu lesen, wir trafen uns in Berlin zu einem einwöchigen Lese“marathon“ mit Iris Rudolph und danach war mir klar, dass ich nichts mehr über Menschen und die Gesellschaft denken könnte, ohne die Inhalte der Kritischen Psychologie zu berücksichtigen. Gleichzeitig passten die Erkenntnisse unwahrscheinlich gut auf Erfahrungen, die wir in der Gruppe „Zukunftswerkstatt Jena“ gemacht haben und ständig wieder machen, wenn wir versuchen, politisch aktiv zu werden. Dabei wollten wir ja die Fehler aus der DDR-Zeit, die mindestens in einer Gängelung und Bevormundung der Menschen bestanden, nicht wieder machen – fanden das aber insbesondere bei Linken immer wieder vor. Auch die Unterwerfung unter „höhere Ziele“, auch wenn das dann „nur“ die Weiterexistenz der eigenen Politgruppe war, machte uns, denen es um Inhalte und Bewegung ging, das Leben immer wieder schwer. Wir können diese Probleme nun unter Verwendung des Begriffspaars „instrumentelle vs. Intersubjektive Beziehungen“ begrifflich fassen. Im ständigen Kampf gegen die Tendenz, diese analytischen Begriffe bloß empirisch beschreibend zu verwenden, helfen sie uns nach wie vor, uns im Feld widersprüchlicher Handlungskontexte zurecht zu finden und zu orientieren.

Wir führten mehrere Wochenendseminare zuerst für uns, dann auch für andere Interessierte durch, hielten Vorträge und das geht nun schon seit 15 Jahren.

Immer wieder jedoch haben wir bei der Frage nach der Praxis der Kritischen Psychologie wenig zu sagen. Ich nahm schon an den beiden vorangegangenen Ferienunis 2010 und 2012 teil. In beiden konnte ich viele Informationen darüber aufsaugen, wie Kritische Psycholog*innen die Kategorien und Konzepte der Kritischen Psychologie nutzen (siehe einen Bericht von 2012). Allerdings: die Praxis reduziert(e) sich auf die Berufspraxis von Psycholog*innen in Therapie und Beratung. Mein Bezug auf Kritische Psychologie als Mensch in gesellschaftlich allgemeineren und auch besonderen politischen Praxen (also nicht der therapeutischen und psychologischen Berufspraxis), kam da nicht vor. Ich kann mir die anderen Ausführungen teilweise „übersetzen“, was aber nicht immer sinnvoll ist, mich aber trotzdem weiter bringt. Bei der vorigen Ferienuni lernte ich Menschen und Projekte aus der AG Lebensführung kennen und das ging dann schon in die mich interessierende Richtung. (P.S. Wie ich in meinen eigenen früheren Blogbericht sehe, gab es sogar eher eine Abwehr der Verbindung von Kritischer Psychologie und Politik (wobei genauer zu klären wäre, was unter Politik verstanden wird und zu verstehen wäre….).

Zwischendurch fand wieder eins der berühmten Hiddinghauser Seminare zur Kritischen Psychologie statt. Hier versuchten wir, Soziale Selbstverständigung zu praktizieren. Ich war an der Vorbereitung nicht beteiligt, aber dieses verlängerte Wochenende entzündete in mir die Vision, dass solche Gespräche so wichtig sind, dass sie in nächster Zeit so bekannt wie Gewaltfreie Kommunikation oder Zukunftswerkstätten werden sollten (ohne die genannten Praxen zu ersetzen). Deshalb arbeite ich alles auf, was ich dazu kannte und finden konnte, ein Ergebnis ist der Wiki-Teil zu diesem Thema. Kurz vor der Ferienuni machte sich schnell noch einige alles zusammenfassende Blogtexte dazu fertig (hier, hier, hier, hier, und hier), obwohl ich schwerpunktmäßig meinen Dialektik-Vortrag als meinen Beitrag zu dieser Ferienuni ausarbeitete.

Es fand auch wieder ein Workshop der AG Lebensführung statt, der mir aber nichts Neues brachte. Danach berichteten wir in einem Extra-Workshop über Hiddinghausen, schafften es aber nicht, zu klären was und wie wir weiter machen möchten. Ich habe aber schon mitbekommen, dass erst mal kein direktes Interesse an der weiteren Durchführung solcher Gespräche bzw. der Weiterführung der methodischen Überlegungen dazu besteht.

Enttäuschend war in diesem Zusammenhang der Beginn des Open Space. Zu meinem Thema „Methode Soziale Selbstverständigung“ gesellten sich zwar noch 2 bzw. 3 weitere Vorschläge, die fast identisch damit waren oder eng damit verbunden sind (in Form von Zetteln, die während der Zeit der Themensammlung zu Beginn des Open Space im Hörsaal, geschrieben wurden). Aber bei der Aufteilung der Anwesenden in Gruppen blieben diese Zettel verwaist. Das war ein deutliches Zeichen, das ich akzeptieren muss (wobei die Gesprächsrunde, der ich mich dann zugesellte, war ja auch interessant war, siehe in diesem Bericht unten). Letztlich verfügt ja jede Einzelne, jeder Einzelne nur über ein begrenztes Maß an Ressourcen. Das von mir angestoßene Projekt kann keine Ressourcen (studienrelevante Leistungsscheine, Einbindung in Institutionen…) anbieten, sondern würde eher an dem Vorhandenem nagen. Und da zeigt sich eben, dass die Alltags- und wesentlichen Handlungszusammenhänge der Anwesenden eher in anderen Bereichen liegen als im gesellschaftlichen Engagement im weitesten Sinne (wobei ja auch die Berufspraxis der Kritischen Psycholog*innen irgendwie Bestandteil dieser Praxis ist).

Für mich ist es also nur noch wenige Tage (in Erwartung mich eventuell umstimmender Mails in den nächsten Tagen) eine offene Frage, wie es jetzt erst einmal mit der Sozialen/Kollektiven Gesprächsführung (im Sinne der Kritischen Psychologie) weitergeht. Diese Projektidee wird (erst mal?) mangels Interesse einschlafen und ich kann auch meine Ressourcen umleiten. Vielleicht entwickelt es sich anders, vielleicht fällt mir auch nur theoretisch doch noch einiges ein, dann könnte es auf der nächsten Ferienuni, die hoffentlich stattfinden wird, dazu etwas geben. Aber dies kann ich eben auf keinen Fall allein machen, das ist anders als bei einem Theorieprojekt.

Wer wichtige neue Erfahrungen macht, Informationen findet oder nach Kooperation auf diesem Gebiet sucht, kann sich am Wiki unter: http://wiki.zw-jena.de/index.php?title=Soziale_Selbstverständigung beteiligen (zum Anmelden beim Wiki, um die Einträge selbst zu bearbeiten, siehe hier) oder mir eine Mail (contactATzw-jena.de mit AT=Klammeraffe) schicken.

Obwohl also manches nicht so schnell geht, wie ich es mir wünschen würde, habe ich trotzdem das Gefühl, dass sich noch etwas machen lässt mit der Kritischen Psychologie. Ich befinde mich mit vielem, was ich so denke und tue, gemeinsam mit anderen ja sowieso „im Gegenstrom“. Die Kritische Psychologie wird weiterhin ein Wind sein, der unser Schiffchen antreibt, mehr oder weniger, wie wir es halt schaffen…

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