I.1 Beziehung zwischen Dialektik und Kritischer Psychologie

Wenn wir nach der Beziehung von Dialektik und Kritischer Psychologie fragen, so ist zuerst einmal zu klären, in welcher Art diese Beziehung bestehen kann. Beide Konzepte beschäftigen sich nicht direkt mit empirischen Tatsachen und beide sind kein vollständiges philosophisches System, obwohl es in beiden um Begriffe bzw. Kategorien geht. Während Dialektik eine Methode bzw. ein System auf dem Gebiet der Philosophie ist, wurde die Kritische Psychologie durch ihren Begründer Klaus Holzkamp als „Versuch, die gesamte Psychologie durch Kritik und Revision ihrer Grundbegriffe und darin eingeschlossenen methodischen Vorstellungen auf eine neue wissenschaftliche Basis zu stellen“ (Holzkamp 1983: 19), bezeichnet.

Zur Beziehung der Kritischen Psychologie zur Dialektik stellt Holzkamp fest: Auf der philosophischen Ebene, d.h. der allgemeinsten Ebene „ist die Kritische Psychologie zu charakterisieren als in der materialistischen Dialektik, wie sie von MARX, ENGELS und LENIN entwickelt wurde, gegründet“ (ebd.: 27). Eine weitere Ebene, die zum Begründungskontext der Kritischen Psychologie gehört, ist die gesellschaftstheoretische Ebene. Die Kritische Psychologie sieht sich hier eng mit dem Marxismus verbunden. Der Gegenstand der „Grundlegung der Kritischen Psychologie“ von Holzkamp (1983) ist nicht die Psychologie als Einzeltheorie, sondern es sind die kategorialen Grundlagen einer dem Gegenstand „Psyche“ angemessenen psychologischen Konzeption. Die Begründung der Kategorien ist deshalb so wichtig, weil diese Kategorien „stets bestimmte methodologische Vorstellung darüber ein[schließen], wie man wissenschaftlich vorzugehen hat, um den Gegenstand adäquat zu erfassen“ (ebd.: 27-28).

Die Unterscheidung dieser Ebenen ermöglicht es, vor allem in inhaltlichen Auseinandersetzungen zu bestimmen, auf welcher Ebene die Dissense sich begründen. Wenn unterschiedliche empirische Befunde gegeneinander gesetzt werden, sollte danach geschaut werden, wie, mit welchen Kategorien, mit welchen Grundannahmen sie ermittelt wurden. Wenn es auf der kategorialen Ebene grundsätzlich verschiedene Vorstellungen gibt, könnten die sich durch unterschiedliche Konzepten über das Wesen der Erkenntnis erklären lassen. Und alle theoretischen Grundannahmen werden stark beeinflusst durch die Stellung der Personen in realen gesellschaftlichen Kämpfen. Dabei greift die „übergeordnete“ Ebene nicht in direkter, deterministischer Weise auf die darunter liegende ein, aber sie strukturiert das Feld der Auseinandersetzung in typischer Weise (vgl. ebd.: 29f.).

Dass ich mich der Beziehung zwischen der Kritischen Psychologie und der Dialektik zuwende, hängt zuerst einmal damit zusammen, dass ich zu einer Einführung in die Dialektik während der diesjährigen Ferienuni gebeten wurde. Dabei erinnerte ich mich aber sofort an einen Beitrag von Martin Fries bei der ersten Ferienuni der „neuen Serie“ von 2010 (Fries 2010, bei dem er auf besondere Schwierigkeiten der logisch-historischen Methode aufmerksam macht, und sogar auf mögliche „Biologismen von links“ zu stoßen meint.

Da seit der Erarbeitung der „Grundlegung“ viele scheinbare Gewissheiten über die Dialektik bzw. ihre Geltung ins Wanken geraten sind, müssen diese Beziehungen tatsächlich neu durchdacht werden.

Ich habe vor, die „Einführung in die Dialektik“ nicht einfach unabhängig von dieser Problematik durchzuziehen. Denn letztlich wird an den tatsächlichen spannenden Fragen auch klar, wo wir genauer hinschauen, bzw. argumentieren müssen, d.h. warum wir uns überhaupt der Mühe unterziehen sollten, uns mit der verflixt komplizierten Dialektik zu beschäftigen.

Wenn mehr Zeit wäre, wären sicher zwei Veranstaltungen nötig gewesen: zuerst eine wirkliche Einführung in die Dialektik und dann deren „Anwendung“ auf unsere Fragen. Aber ich versuchte die Erklärung der Dialektik in die Fragestellung einzubinden und für deren Beantwortung zu nutzen. Glücklicherweise überzog ich die Veranstaltungszeit damit „nur“ um 5 Minuten und erhielt Reaktionen, die mir zeigten, dass die Inhalte durchaus verständlich blieben. Zumindest wurde auch das Schwere als „anregend“ und nicht als erschlagend bezeichnet 😉

Wie im Präsentationstitelbild dargestellt (Benking 1998), gibt es häufig nicht nur verschiedene Perspektiven, sondern letztlich behandeln Menschen häufig auch dann, wenn sie meinen, über dasselbe zu reden, unterschiedliche Gegenstände.

So gibt es zwei deutlich unterscheidbare, wenn auch miteinander zusammenhängende Interpretationsweisen der Dialektik: die historisch-logische und die systematisch-logische. Dass diese zu unterscheiden sind, und nicht einfach als identisch angenommen werden können, scheint auch in marxistischen Debatten noch nicht allzu lange bekannt zu sein. Aber die Notwendigkeit, das eigene Dialektikverständnis so zu entwickeln, dass eine eigenständige Meinung zu dem daraus erwachsenden Streiten entstehen kann, verbietet eigentlich jede trivialisierende Popularisierung. Manche Vereinfachungen müssen wir verlassen; andere baue ich bewusst ein (wie die netten Tiere wie Ameisen, Eulen und Elefanten), um auch für Einsteiger*innen die Theorie nicht allzu grau werden zu lassen.


Hier geht’s weiter mit der Frage: „Was ist eigentlich Dialektik?



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