I.3 Hegelsche Dialektik

hegel

Zeitlose Entwicklung

Um es gleich deutlich zu sagen: alles das, was Hegel als „logische Entwicklung“ analysiert, hat nichts mit zeitlichen Prozessen zu tun. Hegel fasst die Philosophie als ein „zeitloses Begreifen“ auf, das sich nicht mit der schlechten Unendlichkeit der Abfolge endlicher Dinge beschäftigt (vgl. HW 9 § 248 Z: 26). Die Kategorie „Entwicklung“ bezeichnet bei Hegel lediglich die Bewegung des Begriffs in der Begriffslogik im dritten Teil „Wissenschaft der Logik“ (HW 8: 308, § 161).

Die logische Aufeinanderfolge der Kategorien in der Seinslogik nennt er „Übergehen in Anderes“ und in der Wesenslogik heißt sie „Scheinen in Anderes“. Für die Philosophie des Rechts betont Hegel ausdrücklich, dass es ihm nur um die „Entwicklung aus dem Begriffe“ gehe und unterscheidet diese von der „Entwicklung aus historischen Gründen“ (HW 7: 35, § 3). Sein Schüler J. Erdmann formuliert eine der Folgen dieses Vorgehens: „Die Entstehung der Staaten hat mit ihrem Begriff nichts zu schaffen.“ (Erdmann 1864:, Anm. 3, S. 10).

Es geht Hegel nicht um die Untersuchung zeitlicher Veränderungen, sondern um eine Darstellung philosophischer Kategorien, die alle Wissensinhalte aus der menschlichen Kultur in sich aufnehmen und selbst so geordnet sind, dass sich jede Kategorie als Lösung von Problemen bzw. Widersprüchen, die die vorherigen Kategorien noch hatten, darstellen lässt und die selbst, bis hin zur umfassendesten Kategorie, selbst auch wieder durch Widersprüche zu weiteren Entwicklungen, d.h. neuen Kategorien, vorangetrieben werden.

Wie dies genau geschieht, dafür kann kein Schema angegeben werden. Es ergibt sich aus dem Inhalt selbst, worin der jeweilige Wissenstand mangelhaft ist und wie die Erkenntnis weiter geführt werden muss, um den Gegenstand tiefer und umfassender begreifen zu können. Wie das jeweils geschieht, dazu sind alle Texte von Hegel gute Lehrbeispiele, weil er genau diese Argumentation für alle möglichen Wissensinhalte der menschlichen Kultur durchgeht.

Lebendiges und der Tod

Ein Beispiel, das man sich gut vorstellen kann und das nicht die Hegelsche Philosophie verzerrt, wie viele andere, nehme ich aus der Naturphilosophie. Da geht es um das Lebendige. Lebendiges begegnet uns unmittelbar in Form von einzelnen lebenden Organismen. Jedes dieser Organismen hat jedoch den „Keim des Todes“ (HW 9: 535) in sich; es wird sterben, weil seine Reproduktionsprozesse sich erschöpfen. Nebenbei: Für Hegel ist schon ein Leben, das sich nur noch in prozesshafter Gewohnheit abspult, dem Tod nahe (ebd.: 535, 536).

Lebendiges und der Tod stehen sich als Gegensatz gegenüber, aber gleichzeitig bedingen/implizieren sie einander: Lebendiges wird sterben, Totes war lebendig (sonst würde man nicht sinnvoll von Totem sprechen). Lebendiges und der Tod stehen in einem Gegensatz zueinander. Der Widerspruch, von dem in der Dialektik so viel gesprochen wird, ist nicht einfach nur ein anderes Wort für den eben genannten Gegensatz zwischen Lebendigem und Tod. Ein Widerspruch besteht zwischen dem Gegensatz zwischen Lebendigem und Tod und der Einheit, dem Sich-Bedingen von Lebendigem und Tod. In den oben genannten „Gesetzen“ der Dialektik ist das als „Einheit und dem „Kampf“ der Gegensätze“ formuliert.

Wie löst sich dieser Widerspruch nun auf? Er verschwindet nicht einfach, aber er findet seine Erklärung, seine Lösungsform, seinen Grund in jener Einheit, aus der sich die Momente, ihre Einheit und ihr Gegensatz erklären lassen. Was ist das hier? Das Gattungsleben Das Gattungsleben erhält sich über den Prozess des unmittelbaren Lebens und Todes, die Gattung existiert „nur in einer Reihe von einzelnen Lebendigen“ (ebd.: 520). .Die Lebendigkeit und der Tod jedes Individuums sind damit Moment des Gattungslebens. (Die Bezeichnung „Moment“ betont, dass der damit bezeichnete Inhalt ohne die übergreifende Einheit und auch ohne seinen Gegensatz gar nicht existieren würde). Das Gattungsleben ist hier die übergreifende Bestimmung, d.h. die „höhere“ Einheit. Wenn wir die Kategorien, an die wir zuerst gedacht haben: das Lebendige, dann den Tod, als Momente des Gattungslebens begriffen haben, haben wir einen Erkenntniszyklus durchlaufen. Wir haben das Lebendige durch den Tod negiert und diese Negation weiter negiert hin zum Gattungsleben. Das Gattungsleben ist die höhere Form von Leben, die das Lebendige des einzelnen Organismus wie auch dessen Tod in aufgehobener Form enthält.

Dialektik 1

Für die Erkenntnis ist dieser Verlauf ein Fortschritt, die jeweils fortgeschrittenere Kategorie ist „die Wahrheit“ der vorherigen. In den ersten Erkenntnisschritten haben wir von der höheren Einheit abstrahiert (wir kannten sie noch nicht, sie war nur implizit im Anfang enthalten), die weiteren Erkenntnisschritte bedeuten eine inhaltliche Anreicherung, d.h. Konkretisierung. Der Erkenntnisweg vollzieht sich also „vom Abstrakten zum Konkreten“, wobei unter dem Konkreten nicht das Sinnlich-Konkrete, Unmittelbare verstanden wird, sondern im wahrsten Sinne des Begriffs das („concrescere“ = „zusammenwachsen“) Zusammengefügte. Das „Concrete“ ist auch bei J. Erdmann das, „was mehrere Bestimmungen in sich enthält“ (Erdmann 1864: 8, § 14, 1).

„Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen.“ (Marx EG: 35)

Manchmal nennt Hegel übrigens nicht den gesamten Durchlauf eines Zyklus „dialektisch“, sondern nennt die Form des ersten logischen Schritts „abstrakt oder verständig“, die zweite „dialektisch oder negativ-vernünftig“ und die dritte „spekulativ oder positiv-vernünftig“ (HW 8: 168, § 79).

Wichtig ist, dass der Inhalt der Negation dem ersten Inhalt nicht von irgendwoher entgegengestellt wird, die Negation kommt niemals „von außen“, sondern bestimmt sich aus einem Gegensatz, der im ersten Inhalt schon immer vorhanden ist, aber im Erkenntnis- bzw. Darstellungsprozess erst entborgen wird. Diese Immanenz wird in der Vorstellung des Dreischritts „These“-„Antithese“-„Synthese“ meist verletzt. Man setzt erst eine These, dann wird (von irgendwoher) die Antithese der These entgegengestellt und „zusammengenommen“ soll sich dann die Synthese ergeben. Aufgrund der Gefahr, dadurch in veräußerlichenden Vorstellungen festzusitzen, sollte diese immer wieder verwendete Kurzform für Dialektik tabu sein. Höchstens sollten wir mit diesen drei Worten automatisch einen „weißen Elefanten“ verbinden: Das ist das, woran man gar nicht denken soll… was aber unwillkürlich immer wieder passiert:

These-Antithese-Synthese

Wenn also irgendwann mal wieder diese Dreiheit genannt wird, bitte sofort den weißen Elefanten mit erinnern und dass daran etwas faul war…

Ein ähnliches Warnsignal müsste bei allen Schematisierungen der genannten drei Schritte  aufblinken. In Hegels Philosophie gibt es mehrmals Stellen, wo diese Dreierstruktur nicht eingehalten wird, weil das Denken der Inhalte andere Wege geht und keinem Schema folgt. Trotzdem wird es didaktisch nicht zu vermeiden sein, als Hilfestellung allgemein formulierte Erfahrungen mit solchen Denkwegen bzw. Darstellungsweisen zu formulieren. Der schon genannte Schüler von Hegel, Johann Erdmann, erläuterte die typischen drei Schritte (Erdmann 1864: 8 f.) durch folgende Reihenfolge des Begreifens,

  • „indem der Gegenstand zuerst genommen wird, wie er ist,
  • dann wie er sich widerspricht,
  • endlich wie er die concrete Identität der Entgegengesetzten ist.“

Nun wird sicher auch ein Zitat von Hegel verständlich, in dem er beschreibt, was Dialektik ist:

„Dialektik aber nennen wir die höhere vernünftige Bewegung, in welche solche schlechthin getrennt Scheinende durch sich selbst, durch das, was sie sind, ineinander übergehen, die Voraussetzung [ihrer Getrenntheit] sich aufhebt.“ (HW 5: 111)

Wieder formuliert hier sein Schüler Erdmann etwas verständlicher. Dialektik ist demnach die „Eigenschaft des Gegenstandes, in solche durch inneren Widerspruch bedingte ewige Bewegung einzugehen“ (Erdmann 1864: 10, § 18). Das Denken reproduziert diese „dialektische Natur“ des Gegenstandes (ebd.).

Marx interpretiert also Hegel viel idealistischer als dessen Schüler Erdmann:

„Hegel geriet daher auf die Illusion, das Reale als Resultat des […] Denkens zu fassen, während die Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen, nur die Art für das Denken ist, sich das Konkrete anzueignen, es als ein geistig Konkretes zu reproduzieren. Keineswegs aber der Entstehungsprozess des Konkrete selbst.“ (Marx EG: 35).

Ein vorurteilsloses Lesen von Hegel zeigt, dass auch dieser sowieso immer nur vom geistig-Abstrakten und -Konkreten spricht. Letztlich findet das Erkannte auch seinen Weg in die Welt hinaus, beispielsweise dadurch, dass Philosophie die Vorstellungen regiert „und diese regieren die Welt“ (HW 2: 560f.). Wie sich Hegel dies vorstellt, ist u.a. Thema der „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ (HW 12), aber nicht der „Wissenschaft der Logik“ oder der „Enzyklopädie…“.


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