Das Beispiel von den Blinden…

Um noch eine Vorstellung von den drei aufeinander folgenden Erkenntnisschritten hin zur Reproduktion des Konkreten, als bestimmter „Zusammenfassung vieler Bestimmungen“, zu geben, sei ein weiteres Beispiel durchdekliniert, das nicht selbst von Hegel stammt und auch nicht vollständig alle Wesenszüge einer dialektischen Begriffsentwicklung aufweist. Aber es ist eine schöne Geschichte, deshalb will ich sie hier nicht vorenthalten:

Drei Blinde wollen sich – ausgehend von konkreten Wahrnehmungen – über „ihre Welt“ verständigen. Für einen ist seine Welt ein „Schlauch mit Rillen“, ein anderer widerspricht – für ihn ist es ein „Strick mit Quaste“ und der dritte wiederum fühlt etwas ganz anderes: eine rauhe Wand. Wer hat Recht??? Elefant 1
Nach einiger Zeit bemerken sie eine „Gesetzmäßigkeit“: Der Schlauch befindet sich immer in einer Entfernung von ca. 6 m vom Strick entfernt. Na prima, aber was bringt diese Erkenntnis? Elefant 2
Die drei brauchen noch etwas Zusätzliches, um zur Wahrheit ihrer Wahrnehmungen vorzudringen, nämlich die Erkenntnis, dass sie die ganze Zeit von einem „Elefanten“ sprechen. Der „Begriff“ des Elefanten erklärt dann auch, dass der Schlauch einen Rüssel darstellt, der Strick den Schwanz und die Wand den Körper. Auch der gesetzmäßige Abstand zwischen Rüssel und Schwanz erklärt sich dadurch. Elefant 3

Den „Schlauch mit Rillen“ und den „Strick mit Quaste“ können wir unmittelbar wahrnehmen, sie zeigen, „WAS“ wir unmittelbar wahrnehmen. Im zweiten Schritt erkennen wir gesetzmäßige Zusammenhänge, haben aber noch nicht die „ganze Wahrheit“ entdeckt. Die erschließt sich hier erst durch die Gesamtheit, das Wissen, dass es sich um einen „Elefanten“ handelt. Der Elefant ist also eine höhere Wahrheit auf die Frage nach dem „WAS“ des Gegenstandes.

Ein wenig Wissenschaftstheorie

Verallgemeinern wir diese Erkenntnisformen, so erhalten wir folgendes Bild:

Erkenntnisformen

  1. Wir abstrahieren vom Ganzen und von den Zusammenhängen und beschreiben einfach nur das, was uns unmittelbar begegnet. Auch dies ist ein wichtiges Stadium der wissenschaftlichen Arbeit, auch wenn sich zeigen wird, dass dieses Unmittelbare, wenn ich den Begriff schon habe, sich meist anders darstellen lässt als wenn ich ihn noch nicht habe und suchend in den Phänomenen herumirre wie die Blinden. Dabei werden dann Fakten genannt, die erst einmal isoliert voneinander auftauchen. Das Unmittelbare wird bei dieser Art Beschreibung einfach nur in die Beschreibungssprache hineinkopiert; es entsteht etwas „Pseudo-Konkretes“, wie es Karel Kosik (1967) nannte.
  2. Auf der Suche nach Verallgemeinerungen und Gesetzmäßigkeiten der einzelnen Fälle aus 1. gelangen wir dazu, eine Form des Allgemeinen zu finden, bei der das Besondere der in 1. gefundenen Fälle negiert wird und diese einfach dem Allgemeinen subsumiert werden. Diese Form des Allgemeinen ist „abstrakt-allgemein“, sie abstrahiert von den inneren Widersprüchen und den Besonderheiten der sie bildenden Momente. Systemtheorien verkörpern diese Art des abstrakt Allgemeinen in starkem Maße. Einzelwissenschaften werden i.a. auch so gebildet, dass reproduzierbare Gesetzmäßigkeiten erkannt werden können, wodurch von bestimmten inneren Widersprüchen und Besonderheiten der Momente abstrahiert werden muss, aber nicht so weitreichend wie in den Systemtheorien.
  3. Leider wird häufig angenommen, es gäbe nur die in 2. erreichte Form des Allgemeinen, also das abstrakt-Allgemeine. Hegel zeigt uns jedoch jeweils im 3. Schritt mit der übergreifenden Einheit, dass es ein Allgemeines, ein konkret-Allgemeines gibt, bei dem die Besonderheit der Momente nicht etwa negiert wird, sondern notwendig ist, um die Bewegung des Ganzen durch die Widersprüche, von denen auch nicht abstrahiert werden kann, zu erklären.

Befinden wir uns alle auf dem Wissenstand nach 1., so können wir damit gut in einen „pluralen“ Meinungsaustausch kommen, wenn wir jeweils unsere unmittelbaren Fakten gegenseitig anerkennen. Wir wissen aber nicht, woher z.B. Differenzen herkommen und wie wir damit umgehen sollten, wenn wir in Streit geraten über unterschiedliche Ergebnisse.

Es ist mittlerweile aus der Wissenschaftstheorie bekannt, dass es eigentlich keine Fakten ohne theoretische Voraussetzungen gibt. Die Art und Weise des Ermittelns der „Fakten“, des Messens von Parametern usw. wird von der allgemeinen Ebene aus dem Bereich 2. bestimmt, auch wenn uns dies nicht bewusst sein sollte. Dabei werden bestimmte Verfahren und auch Kategorien verwendet, die sich in der Geschichte des Fachs als geeignet erwiesen haben, wobei häufig auch politische und ideologische Bestimmungsgründe vorhanden sind. Ein Bewusstwerden dieser Abhängigkeit ermöglicht es uns, auf dieser Ebene eingreifen zu können, wenn wir dies für unser Thema für notwendig ansehen.

Ob diese Kategorien dem untersuchten Gegenstand tatsächlich angemessen sind oder nicht, ist damit noch nicht immer erwiesen. Die Kritische Psychologie ist ein (das einzige?) Beispiel dafür, dass die Kategorien einer Wissenschaft, hier der Psychologie, selbst begründet werden sollen aus dem Inhalt des behandelten Gegenstands, der Psyche. Dabei kommt es darauf an, das Allgemeine nicht abstrakt dem sinnlich-Unmittelbaren entgegen zu stellen bzw. überzustülpen, sondern in den Widersprüchen, in denen die besonderen Momente sich zeigen, zu entdecken. (So wie ich es jetzt schreibe, beschreibt dies nicht direkt die Methode, die Holzkamp für die Begründung der Kategorien verwendet hat).

Erkenntnisformen 2

Voraussetzung der Dialektik

In dieser Sichtweise muss das Umfassendere, die höhere Einheit immer schon vorausgesetzt werden. Zwar erkennen wir zuerst nur ihre abstrakten Momente oder stellen sie zuerst dar, aber jedes abstrakte Moment existiert gar nicht ohne das sie konstituierende Ganze. Bezogen auf einen dialektischen Erkenntnis- oder Darstellungsprozess heißt das: Das, was explizit begriffen wird, ist in den abstrakten Anfängen implizit enthalten. Im Keim ist alles „eingehüllt und ideell“ (HW 18: 41); dieser „Keim will sich selbst hervorbringen, zu sich selbst zurückkehren“ (ebd.). Das vorherbestimmte Ende dieser Entwicklung für den Keim ist die Frucht, diese Frucht ist „an sich“, anders gesprochen „der Möglichkeit nach“, bereits im Keim vorhanden.

Wenn wir etwas dialektisch untersuchen oder darstellen, so setzt das einen Gegenstand voraus, der sich auf sich selbst bezieht. Bisher hatte ich über den Erkenntnisprozess immer so geschrieben, dass wir als erkennende Wesen außerhalb des zu Erkennenden stehen und quasi von außen auf den Gegenstand blicken. Das war auch eine Abstraktion, die aufgehoben werden muss: Zum Begriff der Sache komme ich als erkennendes Wesen nur, wenn ich nicht getrennt bin vom zu erkennenden Gegenstand, sondern wenn ich mich als Moment des umfassenderen Prozess des Begreifens der Welt verstehe. Mein Wissen kann sich anreichern, konkretisieren, wenn sich in meinem Erkenntnisprozess die Welt auf sich selbst bezieht. Nur dann funktioniert die dialektische Methode der bestimmten Negation, des sich Herausarbeitens des „An sich“, des Impliziten.

Wenn wir bei dem Beispiel mit dem Keim bleiben, so wird dieses Prinzip des Selbstbezugs verletzt. Es ist nicht der anfänglicher Keim, der sich selbst reproduziert, sondern durch die Entwicklung des Organismus wird ein anderer Keim erzeugt: „Bei den natürlichen Dingen ist es freilich der Fall, daß das Subjekt, was angefangen hat, und das Existierende, welches den Schluß macht – Frucht, Samen -, zweierlei Individuen sind.“ (ebd.)

Aus dieser Voraussetzung heraus stellt sich nun die Frage: Funktioniert eine „materialistische Umstülpung“ der Hegelschen Dialektik überhaupt?

Wenn Hegel beispielsweise die Kategorien „Sein“, „Dasein“, „Existenz“ und „Wirklichkeit“ auseinander entwickelt, können wir das „übersetzen“ oder „materialistisch umstülpen“ und uns eine Aufeinanderfolge von Fischen, Amphibien, Reptilien und Säugetieren als „dialektische Entwicklung“ vorstellen???

Umstülpung der Dialektik

Es geht also nicht nur darum, ob wir eventuell die materialistisch uminterpretierbaren Methode von dem (idealistischen) dialektischen System bei Hegel trennen können, wie Engels vorschlug, sondern eine genauere Kenntnis der Hegelschen Methode lässt uns fragen, ob die Methode überhaupt materialistisch uminterpretierbar ist.


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