In der letzten Nummer der Zeitschrift „CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation“ wandte sich Uli Frank in der „Writers corner“ an seine Co-Autorin Brigitte Kratzwald, die in einem Beitrag „die natürlichen Selbstorganisationsprozesse für menschliche Bedürfnisse nutzbar machen“ wollte. Uli verwies auf die Gefahr, bestimmte Erkenntnisse und Praxen aus der Natur zu verabsolutieren.

 

Da das Thema unmittelbar auf meine Themen aus den 90er Jahren verweist, möchte ich dazu auch „meinen Senf“ dazugeben (zuerst in einer Mail an Uli). Das nebenstehende Bild zeigt mich, als ich damals begeistert mit dem Computer Fraktale erzeugte als Verbildlichung der Selbstorganisationskonzepte.

 


Wie immer muss erst mal geklärt werden, über welchen Gegenstand wir sprechen, wenn wir über „Selbstorganisation“ reden. In bestimmten Kontexten werden bestimmte Bedeutungen damit verknüpft, die dann meist gegenüber anderen Fragestellungen Mängel aufweisen. Bei Deiner Kritik, Uli, stecken zwei Ebenen drin. Du selbst verweist auf die fragliche Übertragbarkeit der Erkenntnisse über natürliche Prozesse auf gesellschaftliche (2. Ebene). Dazu komme ich gleich noch.

Zuerst sollte aber auch für den Gebrauch von „Selbstorganisation“ beim Verstehen des Natürlichen (1. Ebene) genauer differenziert werden:

Wenn Permakultur sich auf „Selbstorganisation in der Natur“ bezieht, so
bleibt sie, wenn sie vor allem die Geschlossenheit der Kreisläufe betont, noch außerhalb dessen, was als Selbstorganisationstheorien seit den 70er Jahren entwickelt wurde.

Für sich selbst organisierende Systeme ist es essentiell notwendig, offene Systeme bezüglich der Einfuhr von freier („arbeitsfähiger“) Energie und der Ausfuhr von Entropie („entwerteter“ Energie) zu sein. Alle biologischen Systeme sind in einem solchen Sinn offen. Letztlich gäbe es ohne die Zufuhr von Energie, ob von der Sonne oder z.B. aus der Erdwärme, keine biologischen Prozesse auf der Erde. Gleichzeitig ist auch innerhalb der Biosphäre jedes einzelne System, jede einzelne, sich von Anderem abgrenzende Einheit (Organismus, Population, …) nur existenzfähig innerhalb von Wechselbeziehungen gegenüber anderen. Insofern sind auch sie offen. Geschlossen sind sie „nur“ in Hinsicht ihrer Selbst-Reproduktion. Das ist eine neue Eigenschaft, die biotische Systeme gegenüber physikalisch-chemischen haben. Betont wird dies vor allem in den Autopoiesis-Konzepten.

Wenn wir über Landwirtschaft, Permakultur, oder auch andere Formen der Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur nachdenken, müssen wir über die spezifischen Formen der Offenheit reden und wir praktizieren sie ja letztlich auch.

Ansonsten ist Permakultur ein schönes Beispiel für eine Erfahrung, die man im negativen Sinne aus der Verabsolutierung von Selbstorganisationstheorien machen könnte. Mit „Selbstorganisation“, „Chaostheorie“, auch „Autopoiesis“ werden ja vor allem die Erkenntnisse bezeichnet, die das Gemeinsame in allen Selbst-Reproduktionsprozessen erfassen. Damit entsteht die Gefahr, dass eine zu abstrakte Ebene über alle Gebiete, in denen sich etwas „selbst organisiert“ gestülpt wird. Aber die Permakultur zeigt gerade: Es ist wichtig zu schauen, WAS WIE in WELCHEN Wechselbeziehungen steht, man kann von den KONKRETEN Prozessen, die wechselwirken und dabei ko-evolvieren, nicht wirklich abstrahieren.

Dies gilt dann natürlich auch bei der Frage, inwieweit sich auch Prozesse in der Gesellschaft „selbst organisieren“. „Selbstorganisation“ steht häufig gegen Fremdbestimmung. Diese positive Konnotation kann aber übersehen, dass Selbstorganisierung letztlich nicht nur für Individuen und deren Autonomie gilt, sondern sich auch „das System selbst organisiert“. Die Verselbständigung der Kapitalakkumulation in kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen, die auch mit der Bezeichnung des Kapitals als „automatisches Subjekt“ gemeint ist, ist auch eine „Selbstorganisation“, aber diesmal eine, die wir wohl nicht gemeint haben.

Und natürlich wäre auch eine Missachtung der konkreten Spezifik des Menschlichen ein Übertragungsfehler von Erkenntnissen aus einem Gebiet (z.B. bestimmten biotischen Selbstorganisationsprozessen) in ein anderes (die gesellschaftliche Ebene).

Übergreifend wäre dagegen eine Vorstellung, bei der Menschen und nichtmenschliche Natur in einem Wechselwirkungssystem eine Art Ko-Evolution vollziehen. Die Natur mit Menschen muss eine andere sein, als eine ohne. Die Natur hat, so könnte man sagen, die Menschen hervorgebracht, als eins ihrer aktiven Wirkungselemente und hat ihnen Qualitäten des möglichen Handelns und der Verantwortung mitgegeben, aus denen sie sich nicht flüchten können, indem sie so tun, „nur natürlich“ sein zu wollen. Es geht eher darum, eine „Allianz“, wie Ernst Bloch das nennt, zu schaffen, in der die Natur „humanisiert“ wird, wie der frühe Marx das nennt. Oder wie Fichte schreibt, hat der Mensch für die Natur eine belebende Wirkung: „da wo er hintritt, erwacht die Natur, bei seinem Anblick bereitet sie sich zu, von ihm die neue schönre Schöpfung zu erhalten.“

Dass wir davon weit entfernt sind, ist unbestritten. Aber wir Menschen verhalten uns gegenüber der Natur eben nicht primär als Individuen, sondern durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, die unsere Lebensmöglichkeiten, -perspektiven und -interessen durchtränken, hindurch. Wir müssen die Selbstorganisation dieses kapitalistischen Systems durchbrechen, um neue Lebens- und Wirtschaftsformen selbst organisieren zu können. Wohin wir wollen, das können wir natürlich auch schon in kleinteiligeren Projekten vorarbeiten, dazu gehören sich selbst organisierende Projekte auf allen Gebieten, über die „Contraste“ ja so informativ berichtet. Die „Selbstorganisation“, die in ihrem Titel steht, darf allerdings nicht selbst zum abstrakten Fetisch werden.

Weiterführende Texte dazu:

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