Holzkamp als Vertreter der „logisch-historischen“ Interpretationslinie

Holzkamp

Gleich zu Beginn der systematischen Entwicklung der Kritischen Psychologie beteiligte sich Klaus Holzkamp an der streitbaren Debatte über die logisch-historische versus logisch-systematische Lesart des „Kapitals“. Er nahm Stellung gegenüber Joachim Bischoff, der 1973 ein Buch zugunsten der logisch-systematischen Lesart veröffentlicht hatte (Bischoff 1973). Holzkamp argumentierte gegen Bischoffs Ansicht, das Historische habe keine konstitutive Funktion im Begründungszusammenhang der Kritik der Politischen Ökonomie. (Holzkamp 1974: 7)

Er folgt dabei der von Engels vorgezeichneten logisch-historischen Interpretationslinie. Die Herleitung der Geldform gilt für ihn als „Rekonstruktion der Stufen ihrer historischen Ge-wordenheit“ (Holzkamp 1974: 31). „Entwicklung“ bedeute hier „keine logische Gedankenentwicklung, sondern die wirkliche Entwicklung des materiellen gesellschaftlichen Lebensprozesses“ (ebd.)

Damit kann Holzkamp an A.N. Leontjew anschließen, der für die Erkenntnis des Psychischen die sog. „historische Methode“ eingeführt hatte. Leontjew hatte sich die Frage gestellt: „Warum hat sich im historischen Prozeß so etwas wie das „Psychische“ herausgebildet, oder (präziser), welche Funktion kommt dem Psychischen im historisch sich entwickelnden Lebensprozeß zu?“ (Holzkamp 1979)

Mehr zu Leontjews Vorarbeit für die Kritische Psychologie siehe hier.

„Aus diesem Grundansatz des historischen und dialektischen Materialismus ergab sich für Leontjew, daß man folgerichtig auch an das Problem des Psychischen histo-risch herangehen müsse. Er fixierte sich nicht mehr, wie die bürgerliche Psychologie, nur auf den „Endzustand“, das menschliche Bewußtsein (um es dann etwa „introspektiv“ zu analysieren oder, wie der methodologische Behaviorismus, als wissenschaftlich unzugänglich auszuklammern und bestenfalls als hypothetischen Umschlagplatz zwischen äußeren „Reizen“ und dadurch bedingten „Reaktionen“ zuzulassen).“ (ebd.)

Daran anknüpfend ist für die Kritische Psychologie „das „historische Herangehen“ im Einklang mit ihrer Fundierung in materialistischer Dialektik als „umfassender Entwicklungslehre“, universelles begrifflich-methodologisches Forschungsprinzip…“ (Holzkamp 1983: 47).

Was heißt es, an die Probleme des Psychischen historisch heranzugehen? Das Psychische wird als „Differenzierungsprodukt innerhalb von Lebensprozessen phylogenetisch entstandene Funktion“ (ebd.: 46) verstanden. Das „logisch-historische Verfahren“ besteht darin, die „wesentlichen Bestimmungen des historisch Gewordenen und Sich-Verändernden“ genetisch zu rekonstruieren (ebd.: 50). Holzkamp nennt dieses Verfahren auch „gegenstandsgeschichtliche Kategorialanalyse“ (ebd.: 51). Eingeschränkt auf phylogenetische Entwicklungsprozesse dient die „funktional-historische Methode“ nicht nur dazu, einzelne Entwicklungsschritte genauer zu analysieren, sondern es lassen sich aus mehreren Entwicklungsprozessen, bei denen grundlegend Neues entstand und sich durchsetzte, „allgemeinere Gesetzmäßigkeiten des stufenweisen Übergangs zu neuen Qualitätsstufen“ (ebd.: 78) herausarbeiten.

5-Schritt-Analyse nach Holzkamp

Die 5 Schritte eines solchen Übergangs (ebd.: 78ff.), illustriert anhand der Entstehung des Menschen (ebd.: 163ff.), sind folgende:

1. Aufweis der realhistorischen Dimensionen innerhalb der jeweils früheren Stufe (die Position, die dann dialektisch negiert wird):

Pongiden, also die Familie der Primaten, aus denen sich die Menschen herausentwickelten, lebten bereits in sozialen Strukturen und wiesen Merkmale auf, wie den aufrechten Gang, die weitere Entwicklungsschritte ermöglichten.

2. Aufweis der objektiven Veränderungen der Außenweltbedingungen, die zu speziellen Entwicklungswidersprüchen führten, wodurch sich Teile der vorherigen Ausgangspopulation in spezifischer Weise weiter entwickelten:

Zu Holzkamps Zeiten wurde vor allem die Theorie der Versteppung der früheren Wäl-der als maßgebliche Umweltveränderung diskutiert (vgl. Holzkamp 1983: 164). Heute kommen weitere Erkenntnisse über wahrscheinlich historisch recht häufige und schnelle Klima- und Biotopveränderungen im Lebensbereich der vormenschlichen Populationen hinzu.

3. Aufweis des Funktionswechsels der (im ersten Schritt) aufgewiesenen relevanten Dimensionen als „Organismus-Pol“ des Entwicklungswiderspruchs:

Die vormenschlichen Populationen nutzten und veränderten, wie auch die Menschenaffen und sogar andere Tierarten, vorgefundene Gegenstände und setzten sie für ihre Zwecke ein. Die durch den aufrechten Gang freigewordenen Hände konnten genutzt werden, um immer komplexere Werkzeuge herzustellen und dabei kam es schließlich bei immer mehr Gruppen zu einer „Zweck-Mittel-Umkehrung“. Das bedeutet: die Werkzeuge als Mittel für die Bedarfsbefriedigung wurden nicht mehr nur im Fall des unmittelbaren Bedarfs aufgenommen bzw. hergestellt (und dann beiseitegelegt und vergessen), sondern sie behielten nach der ersten Herstellung und Gebrauch ihre Bedeutung, nutzbar zu sein auch für andere Gelegenheiten, auch wenn diese noch nicht unmittelbar vorliegen. Die Mittel selbst wurden zum Selbstzweck, ihre Bedeutung überdauerte die unmittelbare Nutzung. Vormenschenpopulationen mit der Fähigkeit zu dieser verallgemeinerten Werkzeugherstellung und -nutzung, ebenso der dazu notwendigen neuen sozialen Kooperationen erzielten Selektionsvorteile, so dass sich die Disposition dazu in ihren Genpool „einschrieb“ (ebd.: 172ff.)

4. Dominanzwechsel: neue Qualität des Gesamtprozesses gegenüber dem früheren Gesamtprozeß, die früher qualitativ spezifische Funktion wird die für die Systemerhaltung bestimmende Funktion:

Durch die ständig wechselnden Umweltbedingungen stieg die Überlebenswahrschein-lichkeit für jene Gruppen, die den eben genannten Funktionswechsel durchlaufen haben, die also Werkzeuge nicht nur beiläufig, sondern ständig und in gezielter und flexibler Weise herstellten und benutzten. Kooperative Werkzeugherstellung wurde zum Wesensmerkmal dieser Gruppen und Individuen. Die dadurch ermöglichte kulturelle Entwicklung übernahm schließlich auch den Vorrang gegenüber den biotischen Anpassungsprozessen. Populationen, die aufgrund ihrer aktiven kulturellen Anpassungsleistungen Umweltbedingungen meistern konnten, an denen lediglich biotisch-sozial agierende Organismen und Gruppen scheiterten, erreichten schließlich den Dominanzwechsel hin zum Menschlichen.

5. Aufweis der Umstrukturierung und neuen Entwicklungsrichtung des Gesamtsystems:

Das Leben der Individuen der menschlichen Populationen beruht nun nicht mehr nur auf der Möglichkeit, sondern auch der Notwendigkeit, das individuelle Dasein durch das Einbezogensein in den gesellschaftlich-kooperativen Reproduktionsprozess, der auf Ar-beit beruht, zu reproduzieren. Menschliche Individuen sind „natürlich gesellschaftlich“, d.h. auch ihre biotische und psychische Konstitution ist auf das Einbezogensein in das gesellschaftliche Leben angewiesen. Das, was Menschen gegenüber ihren Vorgängern und Tieren auszeichnet, ist die „gesellschaftliche Lebenserhaltung – bewußte, vorsorgende Verfügung über gemeinsame Lebensbedingungen durch kollektive Arbeit etc.“ (ebd.: 184) Die kulturell-gesellschaftliche Entwicklung wird für die weitere Entwicklung dominant gegenüber biotisch-genetischen Veränderungen.

Klaus Holzkamp versteht diese „Schrittfolge der Analyse qualitativer Sprünge“ als methodische Leitlinie, die eine „Konkretisierung des dialektischen Grundgesetzes des ›Umschlags von Quantität in Qualität‹ für unseren Gegenstandsbereich“ darstellt (ebd.: 78).

Wir sehen, dass Holzkamp in Engelsscher Tradition von vornherein von einer historischen Lesart dieses Grundgesetzes ausgeht.

Logisch-Historisch_4

Wenn wir nun aber vorhin festgestellt haben, dass eine solche Parallelisierung fragwürdig ist, verliert dann die gesamte „Grundlegung der Psychologie“ von Klaus Holzkamp ihre Basis?

Holzkamp verwendet dieses historische Herangehen nicht, um eine Geschichte der bioti-schen Evolution oder auch der Psyche zu schreiben. Er verfolgt die Geschichte der Psyche (im Zusammenhang mit ihrer biotischen Funktion für die Organismen und Populationen) deshalb, um den Inhalt der Kategorie „Psyche“ bestimmen zu können.

Entwicklung Differenzierungen des Psychischen statt; das Psychische entwickelte sich vom Einfachen zum Komplexen. Methodisch sollte es deshalb sinnvoll sein, diesem Entwicklungspfad zu folgen und die eigene Begrifflichkeit dementsprechend ebenfalls auszudifferenzieren bzw. anzureichern. Wenn die Entwicklung vor allem als Differenzierung betrachtet wird, so steht das Allgemeine am Anfang.

„Eine kategoriale Bestimmung, die einer anderen gegenüber allgemeiner ist, hätte sich demnach auch auf einen vergleichsweise elementareren Aspekt des genetischen Ausfaltungsprozesses zu beziehen…“ (Holzkamp 1983: 53)

So gilt der eben vorgestellte Stufenprozess auch für das Entstehen der Psyche. Aus der Fähigkeit zur ungerichteten Ortsveränderung und Reizbarkeit für neutrale Agentien entwickelt sich im Zusammenhang mit relativem Nahrungsmangel die Möglichkeit, dass solche Agentien, die selbst nicht verstoffwechselt werden, eine Signalfunktion für die Organismen gewinnen und dadurch Selektionsvorteile erzielten. Die Signalvermitteltheit der Lebenstätigkeit ist das allgemeinste Merkmal des Psychischen, die sich im weiteren Verlauf der Evolution weiter entfaltete und ausdifferenzierte (ebd.: 74ff.). Die „Grundlegung der Psychologie“ vollzieht diese Evolution nach und gewinnt daraus die sich immer weiter anreichernden Kategorien für das Psychische bis hin zur Anthropogenese.

Die Grenzen dieser Methode

Holzkamp gibt mehrere Hinweise auf die Grenzen bzw. das Spezifische dieser Methode.

  1. Die funktional-historische Methode wird begrenzt auf die Untersuchung der Ausdiffe-renzierung der Psyche während der Phylogenese bis hin zur Entstehung des Menschen. Nach dem Dominanzwechsel hin zur gesellschaftlichen Reproduktion verändert sich die Situation: Während im nichtmenschlichen Bereich die Einzelorganismen lediglich Elemente der biotischen Population sind, die die funktionale Grundlage für die biotische Evolution darstellen, ist die Existenzerhaltung menschlicher Individuen durch gesellschaftliche Verhältnisse vermittelt, wobei die Analyse der Wechselbeziehungen zwischen Individuen und Gesellschaft andere methodische Vorgehensweisen erfordert (vgl. Holzkamp 1983: 189f.).

    Holzkamp begründet die Begrenztheit des funktional-historischen Vorgehens auch mit der Notwendigkeit, einen durchgängigen Träger der Entwicklung anzunehmen:

    „Die individualwissenschaftliche Kategorialanalyse, soweit wir sie bisher charakterisiert haben, ist als ›funktional-historische‹ Ursprungs-, Differenzierungs- und Qualifizierungsanalyse die genetische Rekonstruktion der ›gegenwärtigen Historizität‹ des Psychischen, soweit diese als Resultat des phylogenetischen Prozesses aufgefaßt werden kann: Nur hier ist im Erbgang ein substanzieller Träger der Entwicklung anzunehmen, bezüglich dessen die Annahme, im Gegenwärtigen seien alle psychischen Differenzierungen von der ›Grundform‹ an und alle dabei hervorgetretenen qualitativen Umschläge als Ergebnis eines kontinuierlich-unumkehrbaren Prozesses präsent bzw. aufgehoben, zu rechtfertigen ist.“ (Holzkamp 1983: 58; vgl. auch die Wiederholung dieses Arguments auf S. 186 und 190)

  2. Die funktional-historische Methode als „genetische Rekonstruktion, die an einer gegenwärtigen Form als vorläufigem Resultat einer einzigen Evolutionsreihe, nämlich der zum Menschen führenden, ansetzt“ (ebd.: 185, Fußnote 1), lässt alle anderen Evolutionsreihen außer Acht.
  3.  

  4. Diese Methode betrachtet nicht, welche konkreten empirischen Gegebenheiten jeweils vorhanden waren, sondern sie geht von einem vorhandenen Endzustand aus und rekonstruiert mögliche Schritte aus der Vergangenheit her zu diesem bekannten Endzustand in Bezug auf die jeweils dazu notwendigen Voraussetzungen. Dabei wird die „historische Entwicklung lediglich unter dem Aspekt der „Vorstufe““ betrachtet, „die aus Entwicklungsnotwendigkeiten einer jeweils früheren Stufe entstanden sind. Wobei alle Vorstufen zusammen eine entwicklungsnotwendige Folge von auseinander hervorgegangenen Stadien sind“ (Holzkamp 1974: 35).
    Es ist nicht notwendig, die jeweiligen Voraussetzungen in ihrer empirischen Vorhandenheit zu nachzuweisen, bzw. bei veränderten evolutionstheoretischen oder historischen Erkenntnissen stürzt die entwicklungslogische Rekonstruktion nicht notwendigerweise in sich zusammen. So schreibt Holzkamp für das Stadium der Entstehung des Psychischen als Sensibilität:
    „Es handelt sich also empirisch gesehen lediglich um reale Möglichkeiten: Es spricht nichts dagegen, daß die genannten Umstände während des Prozesses der Entstehung der Sensibilität vorgelegen haben. Logisch-historisch gesehen handelt es sich dabei jedoch um entwicklungsnotwendige Voraussetzungen für das Zustandekommen der zur evolutionären Progression in Richtung auf das Zustandekommen der zur evolutionären Progression in Richtung ,Sensibilität´ führenden Widerspruchsverhältnisse…“ (Holzkamp 1983: 73)
    Für den allgemeinere logisch-historische Methode schrieb Holzkamp schon früher:
    „Zur Darstellung der entwicklungsnotwendigen Stufenfolge, die in einem gegenwärtigen Verhältnis aufgehoben ist, der logisch-historischen Stufenfolge, ist es keinesfalls nötig, die metrisch-zeitlichen Koordinaten des realhistorischen Verlaufs („dies geschah vor x Jahren“) mit anzugeben, lediglich die entwicklungsnotwendige Stufenfolge ist hier relevant.“ (Holzkamp 1974: 35)
  5.  

  6. Nicht betrachtet werden, wie Holzkamp ebenfalls in der früheren Schrift ausführte, die sog. historischen „Gegebenheitszufälle“. Eine logisch-historische Geschichtsschreibung unterscheidet sich in dieser Beziehung von einer real-historischen Darstellung (vgl. ebd.: 10ff., 378ff.).