Ich habe diese Frage tatsächlich ernsthaft gestellt. Ich wachte eines Morgens aus einem Traum auf, bei dem der morgige Tag schon vergangen war und ich am Tag vorher jemanden nach diesem Tag fragte. Das bezog sich aufs Wetter: Ich hatte schon erlebt, dass morgen die Sonne scheinen würde und bei der Planung des Fahrradausflugs am Tag zuvor erinnerte ich mich daran und wusste, dass wir auf Regenschutz verzichten können…


Beim Gang über den Flur nach diesem Aufwachen zuckte mir durch den Kopf, dass mir genau dasselbe gerade auch in einer anderen Beziehung passiert. Ich hab mal gewusst, wie das Morgen sein würde: eine Zukunft in Frieden, Kommunismus und mit spannenden Reisen durchs Weltall. Bei uns hieß das Genre, in dem der „Vor-Schein“ dieser Zukunft sich zeigt, meist nicht „Science Fiction“, sondern „Utopische Literatur“.

In einer für mich prägenden Zeit las ich diese Zukunftsbeschreibungen, die Reisen durchs Weltall, das Erkunden fremder Planeten und die Kontakte mit Außerirdischen, die damals noch keine „Aliens“ waren, sondern grundsätzlich als ebenso neugierig und schöpferisch wie wir vorgestellt wurden. Häufig wurde argumentiert, dass raumfahrende Zivilisationen selbstverständlich die Entwicklungsstufe des Kommunismus erreicht hätten, höchstens beim Besuch auf unterentwickelten Planeten käme es noch zu Kontakten mit Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen. Ich kann es nicht leugnen: ich erinnere mich gern an diese schöne neue Zukunft. Ich weiß noch, wie dieses Morgen war.

Nach dem 90er-Jahre Tal des Cyberpunks verschwand auch die westliche Science Fiction inzwischen fast völlig und wurde durch Fantasy und Horror abgelöst. Kunstproduktionen sind halt doch Spiegel der Wirklichkeit, auch und gerade, wenn sie diese scheinbar fliehen. Ja, ich weiß noch, wie es morgen war. Dieses erdachte kommunistische Morgen offenbarte uns den Kontrast zum alltäglich-grauen Realsozialismuseinerlei. Aber es sagt auch etwas aus über das mögliche Zurücklehnen in sozialer Sicherheit und die Zusicherung, dass es nur besser werden könnte. Es vermittelte humane Werte und die Zuversicht, durch eigenes Tun etwas dazu beitragen zu können.

Nicht zuletzt wegen dieser Erinnerung an ein lebenswertes Morgen will ich unbedingt alle meine Bücher aus dieser Zeit in Kürze in meine Bibliothek stellen können. Ich brauche diese Erinnerung als Anker in der Gegenwart, in der auch die übrig gebliebene Science Fiction mir jede Hoffnung zu nehmen versucht. Sogar die, die ich noch ziemlich begeistert lese.

proxima

Gerade bin ich fertig geworden mit „proxima“ von Stephen Baxter. Nach ca. 150 Jahren ist der „Klimaschock“ des vergangenen, also des jetzigen Jahrhunderts schon etwas verklungen. Die Regionen in den mittleren Breiten sind verlassen; in den alten Großstädten gibt es nur noch der Hitze trotzende und im Meer tauchende Touristen und Archäologen. „Bevölkerungsanpassungen“ haben stattgefunden, die antarktischen Gebiete wurden besiedelt.

Die Besiedlung neuer Welten, wie eines Planeten um Proxima Centauri, ist kein Abenteuer für Helden mehr, sondern erweist sich als Verbannung für Gestrauchelte und Überrumpelte, die nur einen Zweck im Rahmen des kosmischen Konkurrenzkampfes zwischen den Hauptmächten zu erfüllen hat. Was für ein trauriges Übermorgen!

Das Buch ist nichtsdestotrotz eines der Spannendsten und gut Lesbaren. Und es ist wegen seiner Wahrhaftigkeit eines der Besten seines Genres. Denn es belügt uns nicht über das Morgen, das uns tatsächlich erwartet. Der Klimawandel wird nicht mehr aufgehalten werden können, das besorgen die Naturgesetze. Weniger gesetzmäßig sind jedoch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Daran werden mich die alten Bücher über ein anderes Morgen immer wieder erinnern müssen.

gut eingerichtete Planeten

Vor allem in der Spätzeit des Realsozialismus übernahm die „Phantastische Literatur“ auch eine Warnfunktion. Viele Erzählungen, z.B. aus dem Sammelband „Gut eingerichtete Planeten“ von 1982 (den ich mir aus einem Karton für die künftige Bibliothek geholt habe) berichten über fehlgeschlagene Kontakte, meist wegen Missverständnissen und Ignoranz. Da werden aus Versehen intelligente Wesen gejagt, weil sie zeitweise das Aussehen von Tieren annehmen. Da wird durch das mutwillige Hineinwerfen eines Gegenstands ein einmaliger heilkräftiger See auf einem fremden Planeten vernichtet und auf der Venus wird auch erst mal die Ökologie zerstört.

Die Frage „Weißt Du noch, wie es morgen war?“ ist also gar nicht so abwegig. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Da Menschen zur Antizipation der Zukunft fähig sind, bestimmt auch das mögliche morgige Sein das Bewusstsein. Was macht es mit uns, mit unseren jungen Leuten, dass sie keinen Vor-Schein einer hoffnungsvollen Zukunft mehr erleben? Oder weniger pessimistisch gefragt: Welchen Vor-Schein in diesem Sinne gibt es heute? Und können die entmutigenden Zukunftsbilder nur lähmen oder rufen sie nicht auch Widerspruch und Widerstand hervor?

Aus den Zukunftsvisionen heutiger alternativer Bewegungen geht außer plakativer Propaganda leider keine wirklich lesbare Literatur hervor – oder habe ich sie nur noch nicht gefunden?

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