Wirklichkeit
„Was aber den philosophischen Sinn betrifft, so ist so viel Bildung vorauszusetzen, daß man wisse, nicht nur daß Gott wirklich, – daß er das Wirklichste, daß er allein wahrhaft wirklich ist, sondern auch, in Ansehung des Formellen, daß überhaupt das Dasein zum Teil Erscheinung und nur zum Teil Wirklichkeit ist. Im gemeinen Leben nennt man etwa jeden Einfall, den Irrtum, das Böse und was auf diese Seite gehört, sowie jede noch so verkümmerte und vergängliche Existenz zufälligerweise eine Wirklichkeit. Aber auch schon einem gewöhnlichen Gefühl wird eine zufällige Existenz nicht den emphatischen Namen eines Wirklichen verdienen; – das Zufällige ist eine Existenz, die keinen größeren Wert als den eines Möglichen hat, die so gut nicht sein kann, als sie ist.“ (HW 8: 47f.)

I. Methodisches

„Wenn wir über die “Wirklichkeit” reden, dann können wir es nur mit Hilfe von Begriffen und Anschauungen tun, die ursprünglich frei gewählt und später kollektiv akzeptiert worden sind“

Davon geht Hans Arandt in seinem Blog bei einem Text zur Frage, was die Wirklichkeit ist und wieso sie bei Hegel „vernünftig“ genannt werden kann, aus.

Hegel findet für viele Wörter aus dem deutschsprachigen Bereich eine geeignete Verwendung in seiner wissenschaftlichen Philosophie. Sie werden aus einem tradierten Fundus gewählt, erhalten aber im Hegelschen System eine genau bestimmte Bedeutung, die erst mal davon unabhängig ist, ob sie kollektiv akzeptiert wird. Hegel versucht, gute, d.h. nachvollziehbare und deshalb akzeptierbare Gründe für seine kategorialen Bestimmungen anzugeben – Dass ihm viele Menschen folgen würden, kann nun nicht gerade behauptet werden.

Denn die Inhalte seiner Kategorien erschließen sich nicht einfach, letztlich entsteht der Inhalt jeder Kategorie als Ergebnis einer langen gedanklichen Vorgeschichte und enthält in sich Widersprüche, die dazu führen, dass immer neue Kategorien entwickelt werden müssen. Eine Kategorie kann nicht mit einer Definition “erschlagen“ werden, sondern ihr Inhalt erschließt sich letztlich erst aus dem Gesamtsystem. Deshalb sind, wenn wir über Kategorien bei Hegel sprechen, die Begriffe und Anschauungen nicht mehr ganz “frei gewählt“ und abhängig von der kollektiven Akzeptanz. Sie sind abhängig von jeweils meiner Möglichkeit, die inhaltliche Bestimmung der Kategorie bei Hegel mit guten Argumenten nachvollziehen zu können (und eine fehlende Möglichkeit dazu muss nicht im Hegelschen System begründet sein).

Dies zur methodischen Vorrede. Wie steht es nun mit der Wirklichkeit? Was ist der Inhalt dieser Kategorie bei Hegel? Danach (und nach einer Bestimmung der Kategorie „Vernunft“) können wir erst fragen, ob sie vernünftig sein kann.

II. Wirklichkeit

Ich habe nicht vor, das Gesamtssystem Hegels zu reproduzieren, wie es eigentlich nötig wäre, um die eine Kategorie „Wirklichkeit“ zu verstehen. Ich möchte nur einiges aufgreifen, was hilft, ihre inhaltliche Bedeutung gegenüber der Bedeutung anderer Kategorien abzugrenzen, die oft mit Hegels „Wirklichkeit“ verwechselt werden und deshalb zu Fehlinterpretationen vor allem bei dem wichtigen Satz über die Vernünftigkeit der Wirklichkeit führen.

Die erste Unterscheidung, die einem ins Gedächtnis kommt oder die man bei einer entsprechenden Google-Suche findet, ist jene zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Wirklichkeit sei gegenüber dem Wunsch das, was tatsächlich gegeben sei und eine Orientierung an der Wirklichkeit wird dem bloßen Wunschdenken positiv gegenübergestellt.

Allerdings lenkt diese Unterscheidung zwischen den wirklich wichtigen Unterschieden eher ab. Eine andere Unterscheidung ist wichtiger: Die Unterscheidung von „Realität“ und „Wirklichkeit“. Sie ist ebenfalls lange tradiert. Die „Realität“, abgeleitet vom lateinischen „res“ (die Sache), betont das Vorhandensein von Etwas. Die „Wirklichkeit“ kommt vom mittelhochdeutschen „werkelicheit“, also der „Werktätigkeit“. Auf diese Unterscheidung wird auch in einem Text über Kommunikationsphänomene Bezug genommen, allerdings wird später verständlich werden, warum ich dieser Definition dieser Kategorien (mit Hegel) nicht folge, obwohl sie in konstruktivistischen Debatten häufig verwendet wird.

Wie unterscheidet Hegel „Realität“ und „Wirklichkeit“? Diese Kategorien sind nur zwei aus einer ganzen Kette von Begriffen, die üblicherweise nicht sauber unterschieden werden. So gibt es bei Hegel:

  • das Sein
  • das Dasein
  • die Existenz
  • die Realität und
  • die Wirklichkeit.

Diese Unterscheidungen entstehen einerseits durch die Art und Weise des eigenen Zugangs zu dem, was als Seiendes bis Wirkliches charakterisiert wird, andererseits ist solch eine Charakterisierung nicht das Ergebnis einer willkürlichen Zuschreibung durch mich oder die Sprachgemeinschaft, sondern ihr entspricht jeweils auch etwas in der Welt da draußen.

Das Sein umfasst alles, was „ist“. D.h. wenn ich etwas als Seiendes bestimme, weiß ich nur, dass es irgendwie „der Fall ist“ und nicht nicht ist. Mehr nicht. Es ist inhaltlich noch völlig unbestimmt. Das Ding da vor meiner Tastatur „ist der Fall“. Es nimmt ein Raumvolumen ein, das nicht, wie sonst manchmal, von Luft durchdrungen ist.

Etwas ist da, wenn es qualitativ bestimmt ist. Es ist unterscheidet sich von Anderem, d.h. es ist endlich. Da ein Etwas auch ein Anderes werden kann, ist es der Veränderung unterworfen. Das Ding vor meiner Tastatur nimmt nur ein bestimmtes Raumvolumen ein, das auch noch ganz besonders geformt ist. Andere volumenfüllende Dinge würden andere räumliche Gestalten bilden.

Das Etwas existiert, wenn es unter dem Aspekt betrachtet wird, dass es aus einem Grund hervorgegangen ist. Das Ding da vor mir und seine besondere Form haben den Grund, dass es Flüssigkeiten aufnehmen kann, aber auf seiner oberen Seite auch freigibt. Es ist eine Tasse, deren Existenzgrund in ihrer Brauchbarkeit zum Trinken besteht.

Real wird diese Tasse, wenn darauf verwiesen wird, dass sie die Nutzbarkeit zum Trinken in einer recht zufälligen Weise verkörpert. Dass es gerade die so gestaltete Tasse hier auf meinem Schreibtisch ist, hängt nicht nur von ihrem Wesen (der Nutzbarkeit zum Trinken) ab. Sie verkörpert sie zwar das Wesen, ist seine Erscheinung, aber sie ist eben auch bloß das Verkörperte, nicht das Wesen selbst. Real wäre auch jede andere Tasse in ihrer zufälligen Art, wenn sie nur zum Trinken geeignet ist.

Das an einer Tasse jedoch, das sie zu einem Gefäß macht, das zum Trinken geeignet ist, ist ihre Wirklichkeit. Es ist die Einheit von Existenz und Wesen. Ein Ding ist nur dann „wirklich“ eine Tasse, wenn sie in ihrer Erscheinungsform dem Wesen entspricht. (Es gibt durchaus derart geformte „Tassen“, dass sie zum Trinken nur schwerlich geeignet sind. Die sind dann zwar real, aber nicht wirklich eine Tasse).

Eine wirkliche Tasse ist letztlich auch real, sie existiert, sie ist da und ist überhaupt. Aber manchmal interessiert mich nicht ihre ganze Wirklichkeit, sondern wenn ich z.B. als physikalischen Körper betrachte, d.h. z.B. ihre Fallgeschwindigkeit bestimmen möchte, dann reicht es mir, sie als Daseiende zu betrachten. Im philosophischen Sprachgebrauch ist es deshalb sinnvoll, solche Unterscheidungen zu machen und zu verwenden, wenn es auch im Alltag allzu gekünstelt wäre.

Hegel hat auf diese Weise die Eigenschaft der deutschen Sprache, für vieles mehrere Worte mit leichten Bedeutungsverschiebungen zu haben, genutzt. Eine Übersetzung ins Englische ist deshalb häufig irreführend, weil die feinen Unterschiede nicht mit übertragen werden (Ich denke, manche Fehlinterpretationen der Hegelschen Philosophie im englischsprachigen Bereich sind auch dieser Tatsache geschuldet). Und natürlich sind diese Unterscheidungen für den Alltag viel zu diffizil, um hier „kollektiv akzeptiert“ zu werden. Hegels Philosophie erfordert ihre Behandlung als Wissenschaftssprache, die angeeignet werden muss, wenn man kompetent mitreden will.

„Von allen Wissenschaften, Künsten, Geschicklichkeiten, Handwerken gilt die Überzeugung, daß, um sie zu besitzen, eine vielfache Bemühung des Erlernens und Übens derselben nötig ist. In Ansehung der Philosophie dagegen scheint jetzt das Vorurteil zu herrschen, daß, wenn zwar jeder Augen und Finger hat, und wenn er Leder und Werkzeug bekommt, er darum nicht imstande sei, Schuhe zu machen, jeder doch unmittelbar zu philosophieren und die Philosophie zu beurteilen verstehe, weil er den Maßstab an seiner natürlichen Vernunft dazu besitze, – als ob er den Maßstab eines Schuhes nicht an seinem Fuße ebenfalls besäße.“ (HW 3: 62f.)

Im Sprechen über Hegels Philosophie sollten also seine Bestimmungen der Kategorien zumindest gekannt werden, um dann mit guten Argumenten darüber zu befinden und sie zu verwenden, zu verwerfen oder weiter zu entwickeln (Ein anderes Beispiel für die Unterscheidung der eben genannten Kategorien habe ich hier verwendet).

P.S. Warum die Verwendung der Kategorien „Realität“ und „Wirklichkeit“ in der konstruktivistischen Kommunikationstheorie hiervon abweicht, ist nun auch zu erkennen: Dort wird als „Realität“ die „Menge aller objektiv wahren Aussagen, unabhängig davon, ob sie einem einzelnen Menschen oder der Menschheit als ganzem bekannt oder auch nur erkennbar sind“ bezeichnet und als „Wirklichkeit“ „ die Menge der Aussagen, die ein einzelner Mensch oder eine Gruppe von Menschen für zutreffend hält.“ Mit der „Wirklichkeit“ soll die Relativierung im Erkenntnis- bzw. Anerkennungsprozess gegenüber der „objektiv wahren“ „Realität“ verdeutlicht werden. In der Hegelschen Sichtweise entspricht dagegen der „Wirklichkeit“ eine höhere Wahrheit als der „Realität“.

Aus den angedeuteten kategorialen Unterschieden ergeben sich folgende Unterschiede zwischen „Realität“ und „Wirklichkeit“:

  • Etwas „Reales“ kann auch als unwesentlich oder zufällig verstanden werden, das „Wirkliche“ dagegen verkörpert das Wesen.
  • Das „Reale“ ist einfach als Phänomen gegeben, das „Wirkliche“ bezieht sich auf Gründe „hinter“ den Erscheinungen. Auf die „Realität“ beziehen wir uns also sozusagen im „Darstellungsmodus“, auf die „Wirklichkeit“ jedoch im „Erklärungsmodus“.
  • Das „Reale“ wird als etwas statisch-Gegebene angesehen, das „Wirkliche“ dagegen als Dynamisches.

Nur das Wirkliche, nicht auch das Reale, enthält Mögliches. Das Mögliche tritt im Wirklichen ebenfalls in aufeinander folgenden Stufen auf:

  1. Die „Möglichkeit“ (M1) als abstraktes Moment der Wirklichkeit (HW 8: 282) besagt einfach nur, dass das Wirkliche nicht unmöglich ist und sich selbst nicht widerspricht (vgl. formelle Möglichkeit in HW 6: 202).
  2. Die „seiende Möglichkeit“ (M2) ist ist die „Möglichkeit eines Anderen“, die sich als „Bedingung“ zeigt (HW 8: 287: § 146; vgl. HW 6: 204). Hier können sich wirkliche Zustände durch die Veränderung von Bedingungen verändern (vgl. § 146 Zusatz).
  3. Wenn die Bedingungen und Umstände nicht konkret festgelegt, sondern in der abstrakten Schwebe gehalten werden, ist vielerlei (formell) möglich (siehe 1.). Wenn jedoch eine Gesamtheit von Bedingungen vorhanden ist, die die Existenz einer Sache bedingen, so ist die Existenz dieser Sache real möglich (M3).

Der „Preis“ für das Erreichen der Existenz ist jedoch die Notwendigkeit. Denn „was real möglich ist, das kann nicht mehr anders sein; unter diesen Bedingungen und Umständen kann nicht etwas anderes erfolgen“ (HW 6: 211). Alles, was existiert, ist notwendig, insofern alle für seine Existenz notwendigen Bedingungen, d.h. die reale Möglichkeit dafür, gegeben sind. Wir können nun die „Wirklichkeit“ bei sich verändernden Bedingungen als einen Prozess verstehen, der in der „Bewegung der sich selbst aufhebenden realen Möglichkeit“ „mit sich selbst“ zusammen geht (die Bewegung führt nie aus dem Wirklichen hinaus) (vgl. HW 6: 210).


III. Das Wirkliche ist vernünftig

Die zweite Kategorie, die wir für die Diskussion der Behauptung von der Vernünftigkeit des Wirklichen brauchen, ist die „Vernunft“. Dazu habe ich schon öfter etwas geschrieben(siehe hier und weiter hier sowie hier zum Verhältnis von Verstand und Vernunft).

Dort habe ich z.B. geschrieben:

„Immer dann, wenn die verschiedenen Momente nicht mehr als Gegebenes hingenommen und durch jeweils äußere Ursachen bedingt werden, sondern wenn das übergeordnete Ganze als Grund der Entfaltung der Momente begriffen wird, ist die Vernunft am Werke und nicht mehr der Verstand.“

Erscheinung eines Wesens begriffen werden kann. Dann ist auch das eben genannte „übergeordnete Ganze“ keine Zwangsjacke, sondern geradezu die Voraussetzung für das Wirkliche bzw. das Vernünftige, und dieses verkörpert ein höhreres Maß an Freiheit als das bloß tatsächlich Gegebene (Daseiende, Existierende, Reale).

Denn Freiheit ist nicht das Freisein von Beziehungen zu Anderem oder auch Übergeordnetem, sondern es ist das Sein durch sich selbst, allerdings nicht als isoliertes Wesen, sondern es ist der Zustand, wenn etwas „im anderen bei sich“ (HW 18: 43) ist. Freiheit ist also dann gegeben, wenn etwas im Anderen, auch im Übergeordneten ganz bei sich ist. Vernunft bedeutet in diesem Zusammenhang, dass dieses Etwas auch begriffen wird als Moment dieses übergreifenden Zusammenhangs (siehe dazu auch den Text „Vernunft und Freiheit“).

Das abgebildete Schild zeigt diese Inhaltsbestimmung von Vernunft recht deutlich: Wer den Zusammenhang zwischen einem geruhsamen Spaziergang und verkehrsberuhigten Wegen begriffen hat, wird von selbst auf das Fahrradfahren auf einem solchen Weg verzichten – wer diese Vernunft nicht aufbringt, muss anders daran gehindert werden.

Für Hegel besteht die Welt aus lauter solchen Wegen: Sie haben ihren guten Grund im Netzwerk der geordneten Zusammenhänge und Philosophie hat die Aufgabe, die darin begreifbare Vernunft zu erkennen.

„Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung“ (HW 12: 23)

Die Welt vernünftig ansehen, bedeutet auch, die Dinge nicht einfach als gegebene Tatsachen hinzunehmen. Nicht schon das einfach Daseiende, Existierende, Reale ist das Vernünftige, sondern das, was man als Ausdrucks eines Wesens begreift, das Wirkliche. Daraus erklärt sich auch Hegels Behauptung:

„Was vernünftig ist, das ist wirklich;
und was wirklich ist, das ist vernünftig.“
(HW 7: 24)

Es ist mittlerweile bekannt, dass Hegel in verschiedenen Vorlesungen auch andere Formulierungen verwendete (zumindest tauchen in den Mitschriften andere Formulierungen auf). Die zeigen deutlicher, dass Hegels Satz keinesfalls als Rechtfertigung für den gegebenen Weltzustand misszuverstehen ist.

So wurde in der Vorlesung aus dem Zyklus von 1817/18 notiert: „Was vernünftig ist, muss geschehen.“ (VL 17/18: 192. 1921/22 erläuterte er: „Man muß das Unausgebildete und das Überreife nur nicht wirklich nennen“ (VL 21/22: 37) und etwas weiter: „Das Vernünftige soll gelten“ (ebd.: 234) und „das weitere ist der Zeit zu überlassen“ (ebd.: 235). Schon 1918/19 hatte er dazu gesagt: „Es ist mit weiteren Verwirklichungsprozessen des an sich schon realisierten vernünftigen Begriff des Rechts zu rechnen.“ Aus dem Jahr 1919/20 schließlich wurde folgender Satz überliefert: „Was vernünftig ist, wird wirklich und das Wirkliche wird vernünftig“. Dieser Bezug auf das Zukünftige und erst zu Verwirklichende wird auch durch einen Bericht von Heinrich Heine bestärkt:

„Als ich einst unmutig war über das Wort: „Alles, was ist, ist vernünftig“, lächelte er sonderbar und bemerkte: „Es könnte auch heißen: “Alles, was vernünftig ist, muß sein”“. (Heine: 208)

Auf diese Weise bestärken die erst jetzt veröffentlichten Vorlesungsmitschnitte eine nicht konservative Interpretation von Hegel. Der Button oben müsste deshalb eigentlich auch umformuliert werden:

„In Wirklichkeit kann die Realität ganz anders werden!“