poyamory

Manche Bücher, die ich verschenke, lese ich vorher selbst. Dazu gehört auch die Einführung in das Thema Polyamory von Thomas Schroeter und Christina Vetter bim Schmetterlingsverlag.

Sie beziehen sich in diesem Buch auch auf die Formulierung der „vielfältigen Lebensweisen“ nach Jutta Hoffmann. Die Praxis und Konzeption der vielfältigen Lebensweisen lehnt die bisher vorherrschende „Dreieinigkeit von Liebe, Sexualität und Lebensform (Ehe)“ ab.

Die Entstehung und Festigung dieser Dreieinigkeit hing im derzeit dominanten Kulturraum eng mit der Festigung von ökonomischem Privateigentum zusammen. Nach einer langen Vorgeschichte, bei der sich in verschiedenen Regionen häufig unterschiedliche Praxen entwickelten, wurde schließlich die Kleinfamilie zur „zentrale[n] Lebensform der Industriegesellschaft und Reproduktionsagentur des fordistischen Produktionsregimes“. Allerdings gilt:

„Gesellschaften, in denen es die Norm ist, dass eine Frau mit einem Mann eine langfristige Beziehung auf der Basis von leidenschaftlicher Liebe eingeht, sind in der Geschichte der Menschheit eine Ausnahme gewesen.“

Ich selbst lebe in einer kulturellen Umwelt, in der die Dreieinigkeit von Liebe, Sexualität und Ehe als „normal“ gilt. Vor ein paar Tagen sah ich eine Reportage über Menschen, die polyamorös leben. Auch diese Sendung war so ausgerichtet, dass diese Lebensweise dargestellt wurde als „Abweichung von der Norm, die dem normalen Durchschnittsmenschen erklärt werden muss, damit er sich anschließend als tolerant inszenieren und als verständnisvoll profilieren kann“.

Dabei könnte das Bekanntwerden anderer Lebensformen auch als Türöffner für ein völlig neues Verständnis von Liebe und Zusammenleben ermöglichen. Die Liebe, das beginnt sich inzwischen auch herumzusprechen, kann verschiedene Formen annehmen. Die Autor*innen berichten von verschiedenen Formen der Liebe, die der Autor John Alan Lee in seinem Buch „Colors of Love“ genannt hat:

  • Eros: Suche nach einem perfekten Geliebten
  • Ludus: spielerisch
  • Storge: liebevoller, partnerschaftlicher Umgang, wie zwischen Brüdern und Schwestern oder Freunden aus Kinderzeit
  • Manie: zwanghafte, eifersüchtige, irrationale Liebe
  • Agape: sanfte, uneigennützige, pflichterfüllte Liebe; geschenkte Liebe ohne Hintergedanken und ohne (verknüpfte) Bedingungen
  • Pragma: betont Übereinstimmung und gesunden Menschenverstand, z.B. bei „arrangierten Hochzeiten“

All dies ist Liebe, nicht nur die eine oder andere Form, die kulturell dominant propagiert wird.
Insbesondere ist auch die Einschränkung des alltäglichen Lebensvollzugs, der Liebe und der Sexualität auf nur zwei Personen, normalerweise unterschiedlichen Geschlechts, ebenfalls nicht biologisch-natürlich erzwungen, sondern kulturell entstanden.

Aus diesem Korsett sind viele Beziehungen zwischen Menschen inzwischen längst entkommen und diese Praxis wird unter anderem „Polyamory“(oder auch Polyamorie) genannt. Schroeter und Vetter zitieren eine Definition von „Polyamory“ durch Christian Klesse:

„Polyamory ist ein Beziehungskonzept, das es ermöglicht, sexuelle und/oder Liebesbeziehungen mit mehreren Partner_Innen gleichzeitig einzugehen. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten um den nicht-monogamen Charakter der Beziehungen wissen und diesen befürworten.“

Dieser Begriff setzte sich wohl vor allem auch durch offene Diskussionen im Internet durch, nachdem es vorher schon andere Bezeichnungsweisen wie das sperrige „Verantwortliche Nicht-Monogamie“ gegeben hatte. Schroeter und Vetter nennen Polyamory eine neue Identitätskategorie. Das Queer-Konzept scheint dagegen weiter zu gehen:

„Queer kritisiert alle Identitätskategorien. Die Theorie hinterfragt die hinter diesen Kategorien versteckten Herrschaftsstrukturen und macht Normalisierungsprozesse sichtbar.“

Ein Mensch kann deshalb gar nicht „queer sein“, sondern jede Person kann „queeren“, d.h. Möglichkeitsformen darstellen und sich nicht festlegen (lassen).

„Queering ist ein Aufruf gegen den Entscheidungszwang einer Entweder-Oder-Gesellschaft. Queer ist Vielfalt, qeer ist „queering“. Queeriges Verhalten ist […] ausbrechen aus Schubladen und leben in vielfältigen Lebensweisen.“

Dabei steht Polyamory nicht bloß für eine Beliebigkeit in den Liebes-, bzw. sexuellen Verhältnissen. Es wird gefordert, dass Beziehungen bewusst gestaltet und ausgehandelt werden; Verantwortung spielt eine große Rolle. Prinzipien wie Konsens, Ehrlichkeit, gegenseitiger verantwortungsvoller Umgang, Integrität (Treue zu sich selbst) und Achtung vor individuellen Grenzen gehören dazu.

Dabei wird auch die übliche Konkurrenzlogik kritisiert sowie festgestellt, dass eine Aufrechnung von Leistungen in der Art einer Tauschlogik dabei völlig ausgeschlossen ist. Natürlich entsteht dabei das Problem der Eifersucht. In der entstandenen besitzorientierten Kultur scheint die Eifersucht notwendig zur Liebe dazuzugehören. Wer nicht eifersüchtig wird, wenn sich die Partnerin oder der Partner jemand anders zuwendet, scheint nicht genug zu lieben.

Bei einer Studienwoche in Berlin hörte ich den schlichten Satz:

„Liebe ist nicht knapp, d.h., sie wird nicht weniger, wenn man mehr gibt.“

Akteure der Polyamory argumentieren deshalb, dass Eifersucht eine „eine gesellschaftliche Programmierung ist, eine erlernte Reaktion, begründet in einer „Programmierung auf Mononormativität““. Im Durchleben von alternativen Praxen entstehen dagegen ganz neue Gefühle, die auch neue Begriffe prägen. So steht das „Frubblig-Sein“ dafür, sich an der Freude des oder der Anderen mitzufreuen, statt eifersüchtig zu sein.

Die Praxis und das Konzept der Polyamory beinhalten, so die Autor*innen Schroeter und Vetter, „einen subversiven Aspekt, der herkömmliche repressive Moralvorstellungen angreift“. Ein verantwortungsvoller Umgang miteinander, anstatt der Unterwerfung unter Normen, bricht mit den Konkurrenzerwartungen in unserer Gesellschaft.

Andreas Exner nennt mehrere Argumente, wie Polyamory gegen kapitalistische Grundstrukturen wirkt:

  1. Polyamorie kann nicht auf der Basis von Konkurrenz, Eigentumsdenken und Tauschlogik funktionieren.
  2. Polyamorie kann im Gegenteil wesentlich nur auf der Grundlage von Mitfreude und der Förderung der Entfaltung jedes Einzelnen gedeihen, auf der Basis von Konsens, Verbindlichkeit, Solidarität, Verantwortlichkeit.
  3. Polyamorie erlaubt keine Kompensation von Versagungserfahrungen der Warengesellschaft innerhalb der Formen dieser Gesellschaft, also durch privateigentümliche, ausschließende Beziehungen; stattdessen entstehen intime Netzwerke.
  4. Polyamorie impliziert die Enthegung von Gefühlen und verändert damit tendenziell die disziplinierte und konsumifizierte Gefühlskultur des Kapitalismus.

Heißt das nun, dass eine „politisch korrekte“ Lebensweise nur polyamorös sein kann? Stefan Meretz schließt einen Vortrag über den Zusammenhang von Mononormen und Kapitalismus mit dem Satz, der sich inhaltlich auch im Text von Andreas Exner findet:

„Ziel ist nicht die Errichtung neuer (Liebes-) Normen sondern die Entnormierung der sozialen Beziehungen.“

Letztlich wäre ja auch eine Polynorm eine Norm!

Andreas Exner benennt weitere Widersprüche, die sich in diesem Kontext ergeben:

  • Anforderung nach („fortlaufender“) „Beziehungsverhandlung“ versus „Sich-Fallenlassen“
  • Anforderung nach (beständiger) „rationaler Beziehungswahl“ versus „schrankenloser, tiefgehender Öffnung“
  • Anspruch, eine „Offenheit“ von Beziehungsformen zu praktizieren, z.T. jedoch eine kulturelle Abgrenzung gegen „introvertierte, nicht verhandlungsfähige“ Haltungen oder gegen „oberflächlich promiskes“ Verhalten, oder gegen starke emotionale Verhaftungen

Er stellt auch die Frage, ob der Aufbruch aus der Mononorm nicht gerade der derzeitigen Formerneuerung des Kapitalismus entspricht:

„Sind die (naturalisierten) Anforderungen an ein „flexibles Liebessubjekt“ eher eine weitere Praxis der Generalisierung einer „Ökonomie der beständigen Wahl“ und projektförmiger „Kreativitätsgemeinschaften auf Zeit“?“

Ich bin in meinem Leben noch nicht in die Versuchung gekommen, mehr als meine schon langjährige Beziehung leben zu wollen. Die vermittelten Informationen zur Polyamory bestätigen mir jedoch meine bisherige Meinung, dass es nur dann sinnvoll ist, zusammen zu bleiben, wenn man sich aktuell stark verbunden fühlt und nicht, weil man mal eine Eheurkunde unterschrieben hat. Mehr Vielfalt wäre möglich, muss aber nicht. Überhaupt finde ich die beiden Begriffe „Vielfalt“ und „Verantwortung“ gute Leitorientierungen für zukunftsträchtige Beziehungen.


Literatur:


In der neuen Nummer von „Gehirn und Geist“ (2/15) gibts grad einen Beitrag zur Polyamorie. (Der Verweis auf weitere Quellen führt leider immer nur auf Links, bei denen die Texte dann doch bezahlt werden müssen…)
 

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