FeuerbachIch kann mir in meinen 50ern nun endlich eine Bibliothek einrichten. Ludwig Feuerbach dagegen musste mit seiner Familie das Schlösschen, in dem sie bis dahin wohnten, mit 56 Jahren verlassen und mit einer kaum beheizbaren Dachkammer auskommen. Vorher hatte er, der aufgrund einer frühen Schrift mit „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ alle Chancen auf eine universitäre Zukunft verscherzt hatte, auf Basis des Mitbesitzes seiner Frau an einer Porzellanfabrik recht gut leben können. In dieser glücklichen Zeit entstanden auch seine Hauptwerke, von denen „Das Wesen des Christentums“ wohl das bekannteste ist und jenes, das die Geistesgeschichte einen großen Sprung vorwärts brachte.

Auf Feuerbach komme ich, weil ich erstens gerade einiges von und über ihn aus meinen Bücherkartons befreit habe und weil ich mich zweitens gerade mit den linken Hegelianern beschäftige und dabei natürlich ständig auf Feuerbach verwiesen werde.

Hegel und die Nachkommenden

Immer wenn ich mich auf Hegel beziehe, will ich natürlich dessen komplexen Gedankengängen gerecht werden und mich nicht durch voreilige Krittelei wichtiger Erkenntnisse berauben. Gleichzeitig ist mir natürlich klar, dass ich auf der Grundlage einer ganz anderen geistig-kulturellen und auch politökonomischen Einbettung denke, woraus sich ein anderes Verständnis entwickelt, als es Hegel selbst hatte. Ich war ursprünglich mehr mit Marxens Kritik an Hegel vertraut als mit Hegel selbst, und auch mit seiner Kritik an den Junghegelianern, denen er kurzzeitig angehört hatte. Inzwischen habe ich mich so sehr mit Hegel beschäftigt, dass mir schmerzlich bewusst ist, auf wieviel Wissen jene verzichten, die meinen, nach der Marxschen kritischen „Aufhebung“ müsse man sich nicht mehr mit dem, was in der Aufhebung doch eigentlich aufbewahrt und zur Grundlage der Weiterentwicklung wurde, beschäftigen. Bei allen Überlegungen, wie man das Hegelsche Denken auch auf einer materialistischen Basis fruchtbar machen könne, hatte ich bisher übersehen, dass genau diese Problematik ja in dem steckt, was die linken, bzw. die sog. Junghegelianer auch die ganze Zeit beschäftigte. Sie waren die ersten, die das Hegelsche Denken nicht nur dogmatisch tradierten, sondern entsprechend den Erfordernissen ihrer Zeit reformierten. Und ich finde bei ihnen nicht zufällig vieles, was auch heute in meinen Interpretationen deutlich wird. Allerdings waren die Junghegelianer nicht so sehr rein philosophisch interessiert, sondern schrieben ihre Texte im politischen Kampf und Feuerbach, der mehr ein philosophischer denn ein politischer Mensch ist, verlor über seiner Hinwendung zur Sinnlichkeit viel vom Philosophischen.

Feuerbachs Kritik an Hegel

Feuerbach wurde recht zeitig bewusst, dass er die Hegelsche Philosophie nicht zur Gänze mittragen konnte. Schon in seinen eigenen frühen Vorlesungen trug er seinen Studenten die Logik „nicht als System des absoluten Idealismus, sondern lediglich als universelle Erkenntnismethode vor“ (Höppner 1975: 377). Er historisierte bereits die Logik, d.h. er verlegte die Auflösung, d.h. die Vereinigung von Gegensätzen in einen zeitlichen Verlauf:

„Das Mittel, entgegengesetzte oder widersprechende Bestimmungen auf eine der Wirklichkeit entsprechende Weise in einem oder demselben Wesen zu vereinigen, ist nur – die Zeit.“ (Feuerbach 1846/1967: 101)

Feuerbach hielt sich mit einer expliziten Kritik an Hegel lange zurück und schrieb später (1839 in einem Brief an Ruge):

„Diese Kritik ist im wesentlichen schon längst fertig gewesen, aber die schnöden Angriffe gegen Hegel, die mich schon vor Jahren mit meinen kritischen Bedenklichkeiten in mich zurücktrieben, machten mich auch diesmal unschlüssig, ob ich sie veröffentlichen sollte. Übrigens ist es notwendig, daß die Kritik Hegels nicht in den Händen seiner Gegner bleibt, sondern in die Hände solcher übergeht, die selbst Hegel verehren und den guten Geist H[egels] als den Genius ihrer eignen Tätigkeit anerkennen.“ (zit. in Biedermann 1986: 65)

Am deutlichsten und für ihn am wichtigsten war wohl die Behandlung der Religion. Während Hegel unterschied zwischen dem Glauben, dem noch die Vernunft mangelt, und der Religion, in welcher das Selbstbewusstsein zu sich selbst kommt, war für Feuerbach die gesamte Religiosität zu kritisieren. Bei Hegel war die Religion ein notwendiges, wenn auch gegenüber dem philosophischen Wissen beschränktes Moment des absoluten Geistes – für Feuerbach galt die Aufhebung der Religion auch in seiner Arbeit „Geschichte der neuern Philosophie“ (1833) als „hauptsächliche Entwicklungslinie der Geschichte der neuern Philosophie“ (Höppner 1975: 385f.), wodurch auch seine Philosophiegeschichte sich der Hegels deutlich unterscheidet.

Feuerbach, der ja auch in einer bereits weiter entwickelten bürgerlich-industriellen Welt lebte, interessierte sich in anderer Weise als noch Hegel für die Naturwissenschaften. Er hatte an ihnen nicht nur Interesse als spezielle Inhalte des Wissens, sondern an der Natur selbst. Er sieht die Einheit zwischen Natur und ihrer Erkenntnis nicht im Wissen über die Natur, sondern er betont die Sinne als Vermittler zwischen sinnlichen Gegebenheiten und unserem Wissen über die Welt.

„Offen steht die Welt nur dem offenen Kopf, und die Oeffnungen des Kopfes sind nur die Sinne.“ (Feuerbach 1846/1967: 106)

Damit entsteht wieder das Problem des Descartes, der an seinen Sinnen zu zweifeln begann, wenn z.B. Türme, die ihm aus der Ferne rund erschienen, in der Nähe viereckig waren, oder wenn er nicht unterscheiden konnte zwischen Wachen und Träumen (Descartes PW Abt. 2: 99-100).

Man kann leicht klüger erscheinen als die Altvorderen, wenn man sie kritisiert – aber ob man deren Fragestellungen tatsächlich besser beantworten kann, ist oft fraglich. Feuerbach erklärt zur Richtigkeit der sinnlichen Wahrnehmung recht naiv:

„So ist Liebe der wahre ontologische Beweis vom Dasein eines Gegenstands außer unserm Kopfe – und es giebt keinen andern Beweis vom Sein, als die Liebe, die Empfindung überhaupt.“ (Feuerbach 1846/1967: 90)

Folgende Differenzen des Feuerbachschen Denkens gegenüber Hegel sind festzustellen:

Hegel Feuerbach
Religionsphilosophie Religion als notwendiges, wenn auch aufgehobenes Moment des absoluten Geistes Kritik an der Religion durch ihre Erklärung als Entfremdungserscheinung
Verhältnis von Logik und Natur Im System entwickelt sich der Begriff der Natur aus dem Begriff der Idee, d.h. am Übergang von der Wissenschaft der Logik zur Naturphilosophie „Gäbe es keine Natur, nimmer mehr brächte die unbefleckte Jungfer „Logik“ eine aus sich hervor.“
Ontologie Beginn der Entwicklung der Begriffe beim abstrakten „Sein“ Interpretation des „Seins“ als sinnlich gegebene Wirklichkeit.
Zukunft Hegel sieht die Gegenwart „mit der Zukunft schwanger“, beschäftigt sich aber (zumindest in den gedruckten Schriften, ev. auch wegen Zensurrücksichten) nicht explizit mir ihr. Mit Feuerbach beginnt die explizite Aufforderungen, das Gedachte für die Zukunft zu verwirklichen.

Beim Verhältnis von Logik und Natur sowie der Ontologie lässt sich das Verhältnis von Hegel und Feuerbach durch folgendes Bildchen erklären:

Hegel thematisiert immer nur den Inhalt des Denkens (im Kopf als Versinnbildlichung nicht eines einzelnen Menschen, sondern des durch die gesamte Menschengattung Gewussten). Er schreibt nicht über die Natur, sondern über die Philosophie der Natur, nicht über den Geist, sondern die Philosophie des Geistes. Würde man diese Texte als Aussagen über die natürlichen Gegenstände oder den Geist selbst lesen, so wäre das eine Fehlinterpretation. Deshalb bedeutet die Entwicklung des Begriffs der Natur aus dem Begriff der Idee überhaupt nicht, dass die existierenden natürlichen Dinge aus den logischen Gedanken herausgesprungen wären.

Und dass das „Sein“ als philosophische Kategorie bei Hegel eben nicht das ist, was irgendwie faktisch existiert, sondern das, was in abstrakter Weise über alles, was ist, gedacht wird, äußerte auch Hegel sich selbst in ausführlicher Weise.

Feuerbach forderte anstatt der von Hegel vorausgesetzten Identität von Denken und Sein ihre Nichtidentität. Das „Sein“ ist dabei einmal das gedachte Sein bei Hegel und das Existierende in der „Welt da draußen“ bei Feuerbach.

Natürlich entsteht da die Frage: Was hat dieses Gedachte mit dem zu tun, was außerhalb des Kopfes ist, mit den Tatsachen „draußen in der Welt“? Indem Feuerbach einfach das Hegelsche „Sein“ in das sinnlich Wirkliche uminterpretiert, umgeht er die Problemstellung, die darin liegt und lässt das von Hegel Ausgearbeitete liegen. Dadurch entsteht die Gefahr, dass der Kampf gegen die „alte Philosophie“ leicht umschlagen kann „in den Kampf gegen die Philosophie selbst.“ (Schmidt 1967: 19).

Warum hatte denn Hegel und vor ihm Schelling auf der Identität von Denken und Sein bestanden? Der Hintergrund dieses Prinzips ist auf keinen Fall ein Bemühen um die Rechtfertigung von Gegebenem. Im Gegenteil: Am Beginn der klassischen deutschen Philosophie stand die Aufgabe, Freiheit zu denken. Auch wenn uns heute sofort die Kritik einfällt, dass es doch nicht nur um das Denken der Freiheit, sondern ihre Verwirklichung gehen müsse, so können auch wir vor und bei der Verwirklichung der Freiheit das Denken nicht aufgeben. Zuerst gilt es zu denken, wenigstens zu denken; anstatt nur zu glauben oder zu postulieren oder uns in Versuchs-Irrtums-Irrgärten zu verlaufen.

Freiheit besteht für diese Philosophen darin, durch nichts anderes außer sich selbst bestimmt zu sein. Jedes endliche Wesen hat eine Schranke gegenüber anderem Endlichen; alles was nur endlich ist, bestimmt anderes (als Subjekt) und wird durch anderes bestimmt (als Objekt). Sich selbst bestimmen kann letztlich nur etwas, das gleichzeitig Objekt und Subjekt ist, wobei das, was auf es einwirkt, und worauf es selbst einwirkt, nichts ihm Fremdes ist, sondern das Eigene. So kommen Schelling und Hegel auf den Begriff einer Totalität, d.h. eines konkreten Allgemeinen, dessen Besonderungen, die es bestimmt und von denen es bestimmt wird, seine eigenen und keine fremden sind. Als Philosophen stellen sie sich die Aufgabe, solch Allgemeines zu denken. Erst auf Grundlage der so erkannten Vernunft „geht die Freiheit im Handeln darauf aus, daß die Vernunft des Willens Wirklichkeit erlange“ (HW 13: 136).

Hegel äußert sich explizit gegen die, von seinen linken Nachfolgern wiederentdeckte Anrufung eines Sollens und eine Orientierung auf die Zukunft. Er betont dagegen, dass das, was gesollt werden kann, nicht fremd gegenüber dem Wirklichen ist und auch mit dem Zukünftigen ist das gegenwärtig-Wirkliche sowieso schon trächtig, es braucht nicht zusätzlich beschworen zu werden. In seiner Begriffsbildung ist Hegel kritischer als Feuerbach. Feuerbach beschwört das unmittelbar sinnlich-Wirkliche. Hegel dagegen setzt das Wirkliche, das bei ihm das Vernünftige enthält, explizit gegen das bloß vernunftlos Existierende. In einer erst jetzt editierten Vorlesungsmitschrift zur „Philosophie des Rechts“ wurde folgende Aussage von Hegel notiert:

„Das Vernünftige soll gelten“ (PR 1821/22: 234).

Hegel sah seine Aufgabe darin, das Vernünftige z.B. am Staat zu entwickeln:

„Im wahrhaft vernünftig gegliederten Staat sind alle Gesetze und Einrichtungen nichts als eine Realisation der Freiheit nach deren wesentlichen Bestimmungen. Ist dies der Fall, so findet die einzelne Vernunft in diesen Institutionen nur die Wirklichkeit ihres eigenen Wesens und geht, wenn sie diesen Gesetzen gehorcht, nicht mit dem ihr Fremden, sondern nur mit ihrem Eigenen zusammen.“ (HW 13: 136)

Daran muss sich dann jeder existierende Staat messen lassen. So funktioniert Kritik bei Hegel und noch beim frühen Marx. Schön ist auch der Satz bei Schelling in diesem Sinne:

„Gebt dem Menschen das Bewußtseyn dessen, was er ist, er wird bald auch lernen, zu seyn, was er soll…“ (Schelling 1795, 70)

Aus materialistischer Sicht sieht Feuerbach es als die Aufgabe an, „das Reale, das Sinnliche zum Subjekt seiner selbst [zu] machen“ (Feuerbach 1846/1967: 87). Diese Aufgabe ist zweifellos richtig gestellt. Den gegenüber der Hegelschen Vorstellung verlorengegangenen Verlust des Geistig-Vernünftigen als inneren Antrieb kompensiert Feuerbach durch Verweise auf das Herz:

„Die neue Philosophie stützt sich auf die Wahrheit der Liebe, die Wahrheit der Empfindung. […] Die neue Philosophie […] bejaht nur in und mit der Vernunft, was jeder Mensch – der wirkliche Mensch – im Herzen bekennt. Sie ist das zu Verstand gebrachte Herz“ (Feuerbach 1846/1967: 90)

Genau dies bringt Feuerbachs Philosophie eine große Resonanz vor allem in künstlerischen Kreisen, so bei Gottfried Keller oder Richard Wagner. Analytisch jedoch bringt dieser Rückführung des Geistigen als Triebkraft auf Empfindungsmäßiges nicht viel weiter. Marx ging später den notwendigen zusätzlichen Schritt, indem er die Einbeziehung des Sinnlich-Wirklichen bei Feuerbach präzisierte in Hinsicht auf die politökonomischen Verhältnisse, in denen die Reproduktion des Menschen als gegenständliches, nicht nur denkendes Wesen, erfolgt.

In der Bestimmung der Menschen als historisch-konkrete muss aber der Gefahr begegnet sein, dass diese Bestimmung eine individuelle Möglichkeitsbeziehung gegenüber den politökonomischen Bedingungen verleugnen kann. Aus der möglichen Vereinseitigung dieser Bestimmung entstand ökonomischer Determinismus. Gegenüber diesem Determinismus auf das jeweils historisch-konkret Besondere gilt es, auf die Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten und Möglichkeiten des menschlichen Lebens zu verweisen, denn nur aus diesem Über-das-gegebene-Besondere-Hinausgehen kann eine progressive Geschichte entstehen.

Anthropologisierung der Religion und der Philosophie

Feuerbach entschlüsselt vor allem die religiöse Weltsicht als Erscheinung einer Entfremdung der Menschen „mit sich selbst“.

„Die Religion ist die Entzweiung des Menschen mit sich selbst: er setzt sich Gott als ein ihm entgegengesetztes Wesen gegenüber.“ (Feuerbach 1841/1956, Bd.1: 81)

Damit vergegenständlicht der Mensch in der Religion „sein eignes geheimes Wesen“ (ebd.).

„Gott ist, was der Mensch sein will – sein eigenes Wesen, sein eigenes Ziel, vorgestellt als wirkliches Wesen.“ (Feuerbach 1846/1967: 84)

Was ist dieses Wesen des Menschen, wenn es nicht mehr als von ihm Getrenntes vorgestellt werden muss? Das Wesentliche des Menschen sieht Feuerbach in seiner Universalität. Während Tiere in ihrer gegebenen Besonderheit sich unmittelbar auf ihre jeweils besonderen Umweltgegebenheiten einlassen, verhalten sich Menschen in allgemeiner, universeller Weise gegenüber ihrer Umwelt. Der Mensch ist beispielsweise ein „universales, nicht auf bestimmte Arten von Nahrungsmitteln eingeschränktes Wesen“ (Feuerbach 1846/1967: 108).

Insofern Gott als das Höchste vom Menschen abgelöst wird, ist der Mensch nun Träger dessen, was vorher Gott zugeschrieben wurde: absolutes Selbstbewusstsein, durch Denken gekennzeichnet – aber vervollkommnet durch eine sinnlich-leibliche Wirklichkeit. Außerdem ist, wie auch schon bei Hegel, das „Wesen des Menschen […] nur in der Gemeinschaft, in der Einheit des Menschen mit dem Menschen enthalten“ (Feuerbach 1846/1967: 110).

Feuerbach bestimmt die Menschen als selbstbewusst-denkende, sinnlich-leibliche und gemeinschaftliche Wesen. Aus marxistischer Sicht wird immer wieder kritisiert, dass der Mensch damit nur abstrakt gefasst würde, und nicht als historisch-konkretes Individuum (z.B. Marx TF; Höppner 1975: 383; Biedermann 1986: 82). Feuerbach würde darauf wohl in dem Sinne antworten, in dem er auch den nationalen Partikularismus kritisierte:

„Aber der Mensch im Heidentum war nicht der Mensch schlechtweg, sondern der nationell bestimmte Mensch […] ein Wesen also im Widerspruch mit dem Geiste, welcher das Wesen der Menschheit und als ihr Wesen die allgemeine Einheit aller Völker und Menschen ist.“ (Feuerbach 1833/1975: 5)

Gegenüber allen Besonderungen, ob in Nationen oder Klassen oder anderen soziologischen Schichtungen, muss das Allgemeine doch bestimmt und festgehalten werden: Menschen produzieren ihre Lebensmittel und damit „indirekt ihr materielles Leben selbst“ (Marx, Engels DI: 21). Man kann letztlich sogar diese Allgemeinheit in kritischer Absicht gegen die schlechte Existenz stellen: Indem die derzeitige kapitalistische Wirtschafts- und Lebensweise die ökologischen Grundlagen und das Leben vieler Menschen zerstört, entspricht sie diesem Anspruch des Menschlichen nicht.

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Dass diese rein gedachte Kritik nicht ausreicht, um diese Zustände zu beseitigen, wissen wir im Unterschied zu den Junghegelianern. Auch dadurch lassen sich deren zukunftsgewisse Zeilen heute kaum noch ertragen. Auch in schweren Zeiten schrieb damals Arnold Ruge der Herausgeber der „Deutschen Jahrbücher“:

„Eröffnen wir die Deutschen Jahrbücher nicht mit niederschlagenden Gedanken über die Verhältnisse, aus denen sie entspringen, sondern lieber mit der Aussicht, der wir nichtsdestoweniger mit sicheren Schritten entgegengehen und die uns heitere, lichte Höhen in naher Ferne und ein belohnendes Ziel des mühevollen Weges verheißt. Wie dem Wanderer mit dem neuen Morgen die alte Sonne wieder aufgeht, so auch uns. Es gibt nur ein Himmelszeichen, welches der geistigen Welt leuchtet und warm macht, das ist die Wahrheit, und der Name dieses Gestirnes heißt – Philosophie.“ (Ruge 1841: 222)

Heute kann man darauf nicht mehr hoffen. Müssen wir überhaupt durch den ganzen alten Kram nochmal durch? Ich denke, es geht uns ähnlich wie Feuerbach, der aus der systematischen Sicherheit Hegels heraus die Suche nach der Verbindung mit dem realen Leben beginnen musste. Ebenso sind wir aus den scheinbaren Marxschen Sicherheiten herausgeworfen. Wir können die Umwege auf unserer Suche vielleicht abkürzen, wenn wir die Trampelpfade, die andere uns gebahnt haben, nutzen.

Über Feuerbach steht in einer Biographie:

„Am meisten aber liebt er […] auch seine Hauskatze, die stets um ihn war, ihren angestammten Platz am Schreibtisch mit ihrem behaglichen Schnurren behauptete…“ (Biedermann 1986: 88)

Die Katzen scheinen ihm treu geblieben zu sein:

Moritz und Feuerbach

Literatur:

Biedermann, Georg (1986): Ludwig Andreas Feuerbach. Leipzig, Jena, Berlin: Urania-Verlag.

Descartes, René (PW): Philosophische Werke. Übersetzt, erläutert und mit einer Le-bensbeschreibung des Descartes versehen von J. H. von Kirchmann, Abteilung I-III, Berlin: L. Heimann, 1870 (Philosophische Bibliothek, Bd. 25/26).

Feuerbach, Ludwig (1833/1975): Geschichte der neuern Philosophie von Bacon bis Spinoza. Leipzig: Reclam 1975.

Feuerbach, Ludwig (1841/1956): Das Wesen des Christentums. Ausgabe in zwei Bänden. Herausgegeben von Werner Schuffenhauer, Berlin: Akademie-Verlag, 1956.

Feuerbach, Ludwig (1846/1967): Grundsätze der Philosophie der Zukunft. Frankfurt am Main: Klostermann 1967.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (PR 1821/22): Die Philosophie des Rechts. Vorlesung von 1821/22. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 2005.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 13): Vorlesungen über die Ästhetik. In: G.W.F. Hegel: Werke in 20 Bänden. Band 13. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 1970.

Marx, Karl, Engels, Friedrich (DI): Die deutsche Ideologie. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Band 3. Berlin: Dietz Verlag 1990. S. 9-530.

Höppner, Joachim (1975): Nachwort zur Neuausgabe. In: Ludwig Feuerbach: Geschichte der neuern Philosophie von Bacon bis Spinoza. Leipzig: Reclam 1975. S. 374 -392.

Marx, Karl (TF): Thesen über Feuerbach. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Band 3. Berlin: Dietz Verlag 1990. S. 5-7.

Ruge, Arnold (1841): Vorwort zum Jahrgang 1841 der Deutschen Jahrbücher. In: Die Hegelsche Linke. Dokumente zu Philosophie und Politik im deutschen Vormärz. Hrsg. Von Heinz und Ingrid Pepperle. Leipzig: Reclam 1985. S. 222-235.

Schelling, F.W.J. (1795): Vom Ich als Princip der Philosophie oder über das Unbedingte im menschlichen Wissen. In: Ausgew. Schriften. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985. Band 1.

Schmidt, Gerhart (1967): Einleitung. In: Ludwig Feuerbach: Grundsätze der Philosophie der Zukunft. Frankfurt am Main: Klostermann 1967. S. 11-31.