anonymous

Nach dem täglichen Werk beim Auffüllen meiner Bibliotheksregale lande ich dann doch öfter nicht über Büchern, sondern vor der Glotze. Und es gibt genug Sender, bei denen man wirklich wichtige Sachen erfährt und Trends mitbekommt, über die man sich dann auch wieder Bücher anschafft.

Vorgestern waren es zwei Dokumentationen bei zdf.neo, die mich gefesselt haben. Das war zuerst eine Reportage über das Schicksal des Netzaktivisten Aaron Swartz, der sich mit 26 das Leben nahm; danach über die Bewegung „Anonymous“. Gestern dann folgte eine Reportage und eine Scobel-Sendung über die Zukunft und die Gefahr für die Privatheit durch Big Data.

Im Film „Tod eines Internet-Aktivisten“ (hier bei Youtube) wurde über Aaron Swartz berichtet. Ich kann mich auch schattenhaft erinnern, dass mich vor einiger Zeit so eine Information erreichte, dass ein recht junger Mann aus der progressiven Internetszene seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Es wurde auch von Depressionen gesprochen. Der Film zeigte nun tiefere Zusammenhänge. Aaron Swartz war eins der Wunderkinder – er arbeitete schon mit 13 an dem RSS-Tool mit. Seine Mitstreiter waren total baff, als sie nach längerer Onlinekommunikation erfuhren, dass er für die Reise zu einem Treffen noch die Erlaubnis seiner Eltern brauchte! Und er war eins der wenigen digitalen Genies, der es ganz ausdrücklich ablehnte, sein Können fürs Geldscheffeln einzusetzen, sondern der alles was er tat, im Interesse aller einbrachte, um „die Welt zu verbessern“. Spannend waren seine Erfahrungen im schließlich erfolgreichen Kampf gegen Gesetzesentwürfe in den USA, die das freie Internet stranguliert hätten. Da laufen die Kämpfe ab, für die sich ein Marx heute sicher sehr interessieren würde!

Aaron Swartz, der immer mehr zum poltischen Aktivisten wurde, konnte nicht anders, als für seine Positionen einzustehen und sich zu bewegen und dabei immer wieder neue Netzwerke zu gründen. Wenn er die Tatsache kritisiert, dass wissenschaftliche Informationen, die auf Kosten der Öffentlichkeit durch WissenschaftlerInnen erarbeitet werden, danach von der Öffentlichkeit teuer von Verlagen gekauft werden müssen, so trifft er damit voll meine Erfahrung. Immer öfter stehe ich, bei meinen vielfältigen Recherchen in Freizeit und Beruf vor der verschlossenen Tür des bezahlpflichtigen Zugangs zu wissenschaftlchen Veröffentlichungen und Datenbanken. Ich habe ja damit seit Beginn des Internets Erfahrungen. Zuerst war das Internet eine unermesslich wertvolle Quele zusätzlicher Informationen, heute, da die Unibibliotheken viel weniger der wichtigen Zeitschriften vorrätig haben und auch nicht mehr alle Online-Datenbankzugänge bezahlen können, bleibt mir vieles verschlossen, was ich früher wenigstens über Unibibliotheken bekam (dabei ist der Zugang zu wichtigen Onlinequellen für Nur-Gast-UnibibliotheksleserInnen grundsätzlich auch verschlossen, viele Zugangsmöglichkeiten der Unibibliotheken gelten „nur für Institutsangehörige“.)

Aaron Swartz 2

Aaron Swartz jedenfalls wollte das nicht gelten lassen. Zumindest für sich fand er eine Möglichkeit, über seine MIT-Anmeldung, und als das MIT die Quellen sperrte, auch eine andere Möglichkeit, über die der Film berichtet, Millionen von Artikeln aus dem kostenpflichtigen Onlinarchiv JSTOR, an deren Sperren auch ich regelmäßig lande, runterzuladen. Dabei wurde er aber ertappt. Nun begann ein Horror für diesen empfindsamen Menschen. Ihm wurden bis zu 35 Jahren Gefängnis angedroht. Dabei war noch nicht mal erwiesen, dass er diese Dokumente in dem Sinne „befreien“ wollte, dass er sie nach dem Download veröffentlichen wollte, was vielleicht als „Diebstahl“ hätte gelten können. Er hatte schon mal aus einer Menge von Veröffentlichungen selbst eine Datenanalyse erstellt, die wichtige Zusammenhänge über wirtschaftliche Interessen in der anscheinend rein wissenschaftlichen Arbeit offenlegte. Diesmal soll er an der Frage interessiert gewesen sein, wie die Klimawandel-Leugner lobbyistisch die wissenschaftliche Arbeit beeinflussen. Vielleicht hätte dies im Prozess gereicht, ihn zu entlasten, wie sein Anwalt auch jetzt noch glaubt. Allerdings hatte er starke Gegner. Es war bekannt, dass an ihm ein Exempel statuiert werden sollte. Sein „Fall“ wurde eingereiht in die „Fälle“ anderer Hacker, die im Zusammenhang mit der „Terrorbekämpfung“ gerade verfolgt wurden und in denen es schon schlimme Verurteilungen gegeben hatte. Da braucht man wirklich nicht depressiv zu sein, um dem auf dem letzten Weg, der noch offen scheint, entgehen zu wollen…

Außerdem ließ Aaron Swartz natürlich nicht ab, im Sinne seiner Überzeugungen aktiv zu sein, wobei er der Gegenseite natürlich auch unbeabsichtigt Munition lieferte. So gilt er als der Autor des Guerilla Open Access Manifests, obwohl das Ganze nicht nur in seinem Kopf, sondern in einer gemeinschaftlichen Diskussion entstanden war.

Darin steht u.a.:

Wir müssen Informationen, wo auch immer sie gespeichert sind, nehmen, unsere eigenen Kopien machen und sie mit dem Rest der Welt teilen.

Dafür sollte sein Leben zerstört werden und ich denke schon, dass es dieser Druck war, der ihn verzweifeln ließ. Was er alles bewegte, in einer Zeit, in der so viele den Kopf in den Sand stecken mit der Meinung, dass „man ja sowieso nichts tun“ könne – das ist beispielhaft.

Aaron Swartz 3

Die in zdf.neo folgende Reportage über Anonymous schloss folgerichtig an dieses Beispiel an. Die Geschichte dieser Bewegung, bzw. dieses „Kollektivs“ zeigt, wie sich ziemlich revolutionäre Bewegungen heutzutage bilden und entwickeln. Nichts mehr von „geführter Vorhut“ oder „Avandgarde“, nichts mehr von zentraler Leitung und Planung, sondern ein ziemliches Chaos. Aus zuerst nur von Spaß getriebenen Netzaktivitäten wurde eine Gegnerschaft gegen alles, was den Prinzipien der Offenheit und Freiheit entgegensteht, und damit durchaus eine geschichtlich wirksame Kraft. Diese Wirkung ist nicht in Stein gemeißelt, nicht mit Mitgliedsausweisen institutionalisiert, aber sie ist eine durchaus zeitgemäße Form der Selbstorganisierung engagierter Menschen. Wie ein „Schwarm“, mit keiner Führerschaft, aber durchaus zeitweise richtungshaltend, sich gegenseitig stärkend und nicht nur sich, sondern auch ihrer Umgebung durchaus bewegend.

anonymous expect us

Nun sind nicht alle von uns in diesem Maße und in dieser Form aktivierbar. Auch ich renne nicht mit Anonymous-Maske herum und möchte mit dieser Erwähnung in meinem Block nur darauf aufmerksam, dass ich dieses Form der Organisierung und Bewegung von engagierten Menschen grundsätzlich spannend finde.

Was uns aber alle angeht, die irgendwie online zugange sind, ist das Thema der gestrigen Scobel-Sendung in 3Sat mit dem Titel „Die letzte Kränkung des modernen Menschen“. Obwohl die „Privatheit“ als schützenswertes Gut eigentlich erst in der Moderne entstand, scheint sie nun schon wieder in Gefahr zu geraten durch überbordende offline- und online-Überwachungen und damit verbundene „Zukunftsprognosen“ des Verhaltens von jedem einzelnen und uns allen als Gemeinschaftswesen.

Leider ist die inhaltlich und sprachlich wunderbare Anmoderation von Gert Scobel nicht online, dafür aber eine das Thema umreißende Kolumne. Inhaltlich war für mich das Meiste eigentlich nicht neu. Aber für jene, die sich bisher noch nicht damit beschäftigt haben, wo und wobei wir eigentlich überwacht werden und was mit diesen Daten alles gemacht werden kann sowie auch, wie man sich einigermaßen individuell vor vielem auch schützen kann, stellt diese Sendung eine Gesamt-Infopaket bereit. Es kann eigentlich keine/r mehr sagen, sie oder er hätte es nicht gewusst. Aber natürlich ist dieses Niveau für die Boulevardsender, die mit ihren Sendungen eher selbst Vorreiter in der Selbst-zur-Schaustellung sind, nicht erreichbar.

Entscheidend fand ich einen Hinweis des Sprechers des Chaos-Computer-Clubs. Alle GesprächsteilnehmerInnen hatten festgestellt, dass erstens die Überwachung unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung enorm zugenommen hat und dass sie zweitens die folgenden Terroranschläge in Madrid, London, Paris, Kopenhagen usw. überhaupt nicht verhindern konnte. Frank Rieger vermutete darauf hin, dass das Ziel der ganzen Überwachungsaktionen letztlich gar nicht in der Bekämpfung des Terrors im Sinn von Anschlägen gegen Menschen besteht, sondern in der Vorbereitung auf die kommenden Zeiten, in denen überall in der Welt vermehrt um die letzten Ressourcen gekämpft werden wird und in diesem Zusammenhang bürgerkriegsähnliche Zustände sich ausbreiten werden. Auf diese Zustände sind die Techniken und Mechanismen der Überwachung zugeschnitten, um dann die eigene Macht ausspielen zu können, wenn die rein ökonomischen und normal-militärischen Machtmittel nicht mehr ausreichen.

Und hier schließt sich der Kreis zu den beiden anderen Beiträgen, über die ich berichtet habe. Nein, es ist nicht mehr nur unsere Privatsache, ob wir uns sorgen über die eigene Datenfreigabe. Es ist nicht mehr nur meine Privatmeinung, wenn ich mich um Datenschutz nicht kümmere, weil „ich ja nichts zu verbergen habe“. Diese Passivität wäre mein Beitrag zur Barbarisierung der menschlichen Kultur in den nächsten Jahrzehnten. Und ich kann nicht sagen, dass ich es nicht gewusst habe…