Hitze
Es ist heiß an diesem Wochenende. Nach einem recht kühlen Frühsommer knallt uns eine unerbittlich heiße Sonne in den Juli hinein. Jede Bewegung treibt den Schweiß hervor und vor dieser Hitze gibt es kaum Fluchtmöglichkeiten. Über 40° Celsius an mehreren Tagen hintereinander – die Reporter sprechen bereits vom „Allzeithoch“. Wissen die etwa schon, dass die Zeiten bald enden werden? Was wissen sie denn schon von „allen Zeiten“? Sie werden sich genau wie jene blamieren, die gleich zu Anfang des Jahrhunderts von „Jahrhundertfluten“ schwätzten.

Natürlich wäre es nicht seriös, das Wetter einzelner Tage durch den Klimawandel begründen zu wollen. Bei letzterem geht es um Trends über Jahrzehnte hinweg und um Wahrscheinlichkeiten. Aber wenn sich Trends und Wahrscheinlichkeiten verschieben, ist eben die Wahrscheinlichkeit von Tagen mit höherer Temperatur und von mehr Tagen mit hoher Temperatur auch größer. Die ARD Wetterredaktion erläuterte diese statistische Verschiebung. Auf der y-Achse ist die jeweilige Wahrscheinlichkeit dargestellt, auf der x-Achse die Temperatur. Wenn sich die Wahrscheinlichkeitskurve ins Wärmere verschiebt, so steigt die Wahrscheinlichkeit für eine höhere Temperatur zu jedem Zeitpunkt, obwohl die Temperatur an jedem Zeitpunkt zufällig ist. Im Jahr 1901 konnte man deshalb in Frankfurt am Main nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,1% erwarten, dass die Temperatur im August über 22 Grad liegt. Jetzt liegt diese Wahrscheinlichkeit schon bei 15 %.
Klimawandel und Extreme
Dass dieser Prozess bereits begonnen hat, zeigt auch eine Karte vom Umweltbundesamt aus dem Jahr 2015. Sie zeigt die mittlere jährliche Anzahl von heißen Tagen mit einer Höchsttemperatur von mindestens 30°C:
UBA_1
Zwar hat der Anstieg der Temperaturen in den ersten 10 Jahren nach 2000 erst einmal eine Pause gemacht, aber vom Deutschen Wetterdienst wurde ermittelt, dass 7 der 10 wärmsten Sommer in Deutschland seit dem Jahr 2000 aufgetreten sind. Das Jahr 2014 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.
DWD 1a
Die Temperaturkurve seit 1880 zeigt einen langsamen Temperaturanstieg um insgesamt 1,4 Grad. Dabei folgt diese Klimakurve nicht der Kurve der Sonnenaktivitäten, sondern seit ca. 1960 entgleitet sie stärker nach oben – die Sonnenwärme stieg nicht in der gleichen Weise an (Quelle, mehr zu den damit verbundenen Debatten siehe z.B. hier und hier). Der Temperaturanstieg in Deutschland ist damit sogar etwas stärker als im globalen Mittel.

Deutschlandweit und auch global finden sich jeweils die wärmsten Wetterperioden in den Nach-2000-er Jahren. Die folgende Tabelle (Quelle) zeigt die 10 wärmsten Jahre im Zeitraum von 1880 bis 2013 (global):
10 wärmste Jahre

Trotzdem stabilisierte sich die globale Mitteltemperatur, wie man an der obigen Abbildung rechts (blau dargestellt) sieht.

DWD 1c

Aber diese zeitweise Stabilisierung befindet sich auf einem hohen Niveau und dies führt bereits zum Anstieg der Wahrscheinlichkeit von zeitweisen Temperaturhochs. Ein Video von der NASA (das auf dieser Website zu sehen ist), zeigt, wie sich mosaikartig die regionalen Trends ändern, aber letztlich doch in Richtung von mehr warmen und gar heißen Tagen.

Die abgeflachte globale Temperaturkurve, die von Klimawandelskeptikern schon fast triumphierend für ihre Leugnung des menschengemachten Klimawandels benutzt wird, zeigt nur, dass zwischen kurzfristigen (über Jahre hinweg) und langfristigen (über Jahrzehnte hinweg) Trends unterschieden werden muss, weil in den kurzfristigen Trends andere Meeres- und Wolkenströmungszyklen eine Rolle spielen.

Klimawissenschaft ist recht komplex. Nicht nur, dass sie von politischen Debatten förmlich überstrahlt wird, hat sie selbst durchaus das Problem, dass sie auch wissenschaftstheoretisch eine ganz besondere Wissenschaft ist. Sie versucht viel weniger als andere Wissenschaften, vergangene oder gegenwärtige Geschehnisse zu erklären, sondern wird insbesondere auf ihre Prognosen hin befragt. Und sie kann weniger als andere Wissenschaften auf klare Fakten und Gesetzmäßigkeiten bauen, sondern ist auf Wahrscheinlichkeitszusammenhänge verwiesen, die sich wissenschaftlich viel weniger genau „packen“ lassen. Man kann diese Besonderheiten als normaler Mensch als Ruhekissen nutzen, um die Gefahrenprognosen geflissentlich zu ignorieren. Aber wenn wir abwarten, bis uns die Wirklichkeit bis ins letzte „beweist“, dass die Menschen einen Klimawandel verursachen, der für unsere Lebensgrundlagen gefährlich wird, ist es zu spät.

Dabei sieht das, was wir erwarten, erst mal gar nicht so schlimm aus. Die heißen Tage können wir im Freibad oder dem Swimmingpool absitzen und etwas mehr Wärme und weniger Kälte ist sicher für viele nicht mal immer unerwünscht.

Das Umweltbundesamt macht auf einige Folgen des Temperaturanstiegs aufmerksam:

  • Die Fischarten in Nord- und Ostsee werden sich durch ihre signifikante Erwärmung verändern. Der kälteliebende Kabeljau verschwindet, wärmeliebende Arten rücken vor.
  • Allergene Pflanzen (wie die Beifuß-Ambrosie) und Tiere (Eichenprozessionsspinner) sowie exotische Mücken werden sich großflächig ausbreiten.
  • Die Frühsommerniederschläge nehmen ab (wobei die Frühsommertrockenheit Folgen für die Landwirtschaft hat). Sommerniederschläge kommen vor allem als Starkereignisse, so dass Sturm- und Hagelschäden sowie Bodenerosion durch zunehmende Niederschlagsintensitäten zunehmen.
  • Das Verschieben der Jahreszeiten (der Sommer kommt und geht früher) führt dazu, dass der Futtervorrat (Insekten) für Vögel nicht mehr ausreichend in der Brutzeit vorhanden ist.
  • Der Holzzuwachs nimmt ab, Holzschädlingen geht es gut.

Für viele der so erkannten Veränderungen werden seit gewisser Zeit sog. „Anpassungsmaßnahmen“ untersucht und vorgeschlagen. Die Waldbepflanzung soll sich ändern, in der Landwirtschaft kann Mulchen den Boden vor Erosion schützen und bestimmte Fruchtfolgen können die Folgen der Frühjahrstrockenheit dämpfen. Gegen die Hitze soll es Alarmketten für Seniorenheime und Schulen geben. Städtebaulich kommt es auf Belüftungsschneisen und viel Grün an. Es gibt viele Möglichkeiten, wie sich eine gut entwickelte Zivilisation auf Veränderungen in der Umwelt einstellen kann. Aber nur, wenn diese Veränderungen ein gewisses Maß nicht überschreiten.

Sogar wenn der mittlere globale Temperaturanstieg auf 2 Grad begrenzt werden könnte, ist zu erwarten, dass es jeweils regional und in kürzeren Zeiträumen eine Erhöhung von Extremwetterlagen geben wird. Die „Jahrhundertfluten“ waren nur ein Vorgeschmack auf die Normalität der nächsten Jahrzehnte, auch Tornados gehören dazu und das gegenwärtige Hitze-„Allzeithoch“ wohl auch.

Dabei deutet nichts darauf hin, dass die auf Grundlage der seit 1992 diskutierten bzw. beschlossenen internationalen Vorhaben zur Senkung der CO2-Emissionen wie durch ein Wunder plötzlich Erfolge zeitigen würden. Im Gegenteil, der Ausstoß klimarelevanter Gase ist beschleunigt gewachsen (Quelle).
CO2

Während im Zeitraum von 1990 bis 1999 nur ein einprozentiges jährliches Wachstum zu verzeichnen war, erreichte das Wachstum zwischen 2000 und 2009 eine Wachstumsrate von 3,3 %. Nur das Ende der wirtschaftlichen Bedeutung der vorher realsozialistischen Länder nach 1990 und die große Wirtschaftskrise von 2008 ff. konnte diesen Anstieg bremsen. Mit den Imperativen des derzeit herrschenden Wirtschaftssystems ist also beim besten Willen und dem Einsatz aller möglichen, nicht die Imperative gefährdenden, Steuerungsmittel (wie „Bepreisung“ der Emissionen durch Zertifikate etc.) kein Umsteuern zu erreichen (zum aktuellen Trauerspiel in der Energiepolitik siehe hier). Es hat keinen Zweck, an die grundsätzliche Machbarkeit dieser Quadratur des Kreises festzuhalten und nur auf mehr Einsicht oder mehr Moral oder irgend etwas anderes zu hoffen.

Die befürchteten Folgen bereits relativ geringer globaler mittlerer Temperaturerhöhungen sind heute schon zu beobachten. Das Ausmaß des Meereises (jeweils im September mit anderen Jahren verglichen) sinkt stärker als in den pessimistischsten Prognosen, auch die Albedo (das Rückstrahlungsvermögen) des Eises in Grönland, ein „Marker“ für die Folgen der Temperaturerhöhung, nahm stärker ab als erwartet. Bis 2011 stieg die Albedo ab Ende Juli, im Jahr 2012 nicht mehr. (Rockström 2012)
Rockström 2012

Es ist überhaupt keine gesellschaftliche Kraft auszumachen, die nicht nur hilflose moralische Appelle produziert oder global wirksam ein neues, ökologisch verträgliches Wirtschaftssystem einführen könnte (wobei China sich sehr bemüht, seine Wirtschaftsentwicklung durch ökologische Maßnahmen zu flankieren – dieses Land wird in die vielleicht noch entstehenden Annalen eingehen als eins, „das es wenigstens versucht hat“.). Es wird also weiter gehen. Die Beschwörung, das 2-Grad-Ziel einzuhalten gleicht dem Pfeifen im Walde, in dem längst die Stürme toben.

Aber auch von wissenschaftlicher Seite zeigt sich die Situation noch ernster als bisher angenommen. Ich erwähnte vorhin die besonderen Schwierigkeiten der Klimawissenschaft. Nach intensiven und vielfältigen Abstimmung einigen sich die allermeisten Klimaforscher jeweils im Rahmen des Interngovernmental Panel on Climate Change (IPCC) auf eine Zusammenfassung ihrer Arbeitsergebnisse, bei denen sie auch die Gewissheit ihrer jeweiligen Voraussagen sehr transparent machen. Und Irrtümer werden korrigiert, auch wenn diese durch langwierige und heftige Streitdebatten begleitet werden. Man kann sich hier wiederum auf die Seite jener schlagen, die eher beruhigend so tun, als wäre alles Hokuspokus – oder man kann das Problem ernst nehmen. Wenn man dies tut, wird man leider immer weniger Beruhigung erfahren. Denn neue Erkenntnisse zum Zusammenhang der Treibhausgasemissionen, speziell der CO2-Emissionen, weisen darauf hin, dass eine Verdopplung der CO2-Konzentration nicht nur zu einer Erwärmung um 3 Grad (innerhalb der Unsicherheitsgrenzen von 2…4,5 Grad) führen wird, wie vorher angenommen, sondern um 6 Grad (innerhalb der Unsicherheitsgrenzen von 4…8 Grad). (Rockström 2009a )

Und nicht genug damit, es kommt noch schlimmer. Auch die Auswirkungen der Temperaturerhöhung werden nun ernsthafter eingeschätzt als vorher. Bei der Begründung des 2-Grad-Ziels nahm man noch an, bei einer Erhöhung der globalen mittleren Temperatur um 2 Grad würde das Klimasystem zwar wärmer werden und mehr Extremereignisse würden auftreten, aber die Menschheit könnte immer noch in einem ziemlich „sicheren“ Zustand leben. Erst über 2 Grad hinaus würden die Veränderungen „gefährlich“ werden. Jetzt wird diese Grenze zwischen „sicher“ und „gefährlich“ schon bei 1,5° gesehen. Bei 2 Grad sind wir schon mitten in wirklich gefährlichen klimatischen Verhältnissen, die nicht nur lokal Katastrophen auslösen können, sondern in weiten Regionen Biosysteme zusammenbrechen lassen und damit die Versorgung und Lebenssicherheit vieler Menschen zerstören.

Da die Temperaturzunahme fast proportional entsprechend der CO2-Zunahme verläuft, kann prognostiziert werden, wie sich die kumulativ angehäuften CO2-Mengen in den nächsten Jahren auswirken werden. Letztlich gibt es ein Budget an Treibhausgasen, das nicht überschritten werden darf, damit die Temperatur (voraussichtlich) wenigstens nicht stärker als 2 Grad steigt. Je mehr wir jetzt in kurzen Zeiträumen emittieren, desto schneller müsste später „gebremst“ werden.

Kevin Anderson zeigt, dass sogar, wenn ab dem Jahr 2015, also heute, der CO2-Ausstoß nicht mehr wachsen, sondern sinken würde, bereits so viel CO2 in der Atmosphäre ist, dass für das Einhalten des 2-Grad-Ziels die Emissionen aus den Industriestatten fast sofort auf ein sehr geringes Maß (das für die Ernährung der Menschen unbedingt notwendig ist) fallen müsste.

Seit wir uns als Zukunftswerkstatt Jena mit den sog. Globalen Problemen der Menschheit und auch speziell dem Klimawandel beschäftigen, haben sich also die Einschätzungen der Gefährdung und die Fakten zur Gefahrenlage extrem verschlechtert. Während schon in den 90er Jahren begründet zu bezweifeln war, dass eine kapitalistische, d.h. auf Profit angewiesene Wirtschaftsweise (ebenso der zwar nicht auf Profit aber auf Wirtschaftswachstum angewiesene Realsozialismus) keine Eingrenzung ihrer fatalen „Nebenwirkungen“ erreichen kann, so ist dieses Wissen nun um eine Vierteljahrhundert trauriger Erfahrungen bereichert.

Man kann dabei zynisch oder defätistisch werden, man kann wiederum auf technologische „Lösungen“ wie das Geoengineering hoffen. Es gibt zwar viele Gründe z.B. gegen Letzteres, aber wenn wir nicht das Vorstellungsvermögen zugunsten einer nicht auf Profit und ständiges quantitatives Wachstum angelegten Wirtschaft und Lebensweise entwickeln und die Kraft, das Vorgestellte zu verwirklichen, so werden wir das Ende einer einigermaßen lebenswerten menschlichen Zivilisation einläuten. Und auch wenn uns in den nächsten Jahrzehnten eine Wende dahin gelingt, wird diese neue Zivilisation mit den bereits angeschobenen Folgen einer wärmeren, wetterextremeren Welt und deshalb gefährdeten Lebensgrundlagen umgehen müssen. Durch diesen Crashtest müssen alle Utopien hindurch, sonst werden sie nie konkret, sondern bleiben abstrakt.

Es gibt sicher auch gute Gründe, das Wissen um diese gefährlichen Trends zu verdrängen und zu verleugnen. Vielleicht stimmen ja die Prognosen der Klimaforscher nicht? Vielleicht gibt es gar keine Wirklichkeit, deren Gesetzmäßigkeiten wir erforschen können (auch diese Haltung hat sich seit einigen Jahrzehnten als „postmodern“ kultiviert)? Aber letztlich ziehen wir wohl doch alle einen Fallschirm vor, wenn wir aus einem Flugzeug springen und wir fahren (wenigstens meistens) so Auto, dass wir einen Crash vermeiden, weil wir es nicht auf einen Versuch ankommen lassen wollen, ob die Physik recht hat.

Wahrscheinlich sind nur jene nicht oft verzweifelt, bei denen die Botschaft noch nicht angekommen ist. Aber ohne ein großes Maß an Ent-Täuschung wird uns nicht bewusst werden, wie groß der Sprung ist, den wir zu bewältigen haben. Menschen sind in der Lage, fast unerträgliche Zustände auf sich zu nehmen und lieber auf eine gesellschaftliche Befreiung zu verzichten, als das Risiko einzugehen, die gerade vorfindlichen Lebensbedingungen auch noch zu verlieren. Die Folgen der Veränderungen jedoch, die die expansionistische Wirtschafts- und Lebensweise in der Natur ausgelöst haben, lassen sich nicht „aussitzen“. Menschen haben die Möglichkeit, ihre Wirtschafts- und Lebensweise zu ändern – sie haben es in der Geschichte oft genug getan, wahrscheinlich auch nur, wenn es absolut not-wendig war, um eine Not zu wenden. Menschen können ihre Praxis ändern – sie können ihr Verhältnis zur Natur und untereinander ändern.

Vielleicht ist es normal, dass jede Zivilisation auf einem Planeten in diesem Universum erst mal alle Möglichkeiten auskostet. Ressourcen verbraucht, die Atmosphäre verseucht und erwärmt. Wie sie da durchkommt, entscheidet vielleicht darüber, ob sie eine Zivilisation „höherer Ordnung“ werden kann, nämlich eine, die tatsächlich angemessen vernünftig über ihr Handeln in natürlichen Zusammenhängen zu entscheiden gelernt hat. Vielleicht ist es auch normal, dass es nicht alle schaffen, so wie auch schon bei der biotischen Evolution manche Art nicht weiter existiert. Das Ende der Menschheit ist wohl eher nicht durch Kämpfe mit Aliens in einer Art kriegerischer Zivilisations-Selektion zu erwarten, sondern wird herausgefordert durch Widersprüche, die wir ganz allein in die Welt gesetzt haben. Also sollten wir sie auch lösen.

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