„Ich war ein Träumer, und Bücher waren für mich das Sprungbrett meiner Träume“ – so kennzeichnet er sich. Die Bücherwelt ist „ein Ort fernab vom Alltagstrott…, ein Ort, wo Träume und Phantasien zu Hause sind“. Das Lesen in seiner Funktion als Flucht vor der grauen Wirklichkeit wird auch Eskapismus genannt. Irgendetwas muss jemanden, der freiwillig liest und seine Zeit damit verbringt, statt draußen rumzutoben oder was andres zu tun, ja dazu bewegen, das Buch der Wirklichkeit vorzuziehen. Lesen ist deshalb auch „ein Urteilsspruch. Es brandmarkt die Denk- und Wertungsschemata, die das alltägliche Leben beherrschen, als unzulänglich.“
Lesen

Wahrscheinlich haben Menschen in meinem Umfeld das auch gespürt und auf sich bezogen. Denn das Lesen wurde häufig kritisiert. Eine Tante schrieb mir nicht ohne erzieherische Absicht ins Poesiealbum: „Ein Blick ins Buch hinein und zwei ins Leben, das mag die rechte Form dem Geiste geben.“ Ich konnte damit nicht viel anfangen. Das „Leben“ erlebte ich doch genug. Wenn ich täglich zwei Stunden zum Lesen abknapsen konnte, blieben immer noch 22 Stunden echtes Leben, langweiliges Leben. Heute lese ich das auch anders herum: Wer schon richtig und gerne lebt, sollte auch ab und an mal ins Buch schauen, wenigstens mit „einem Blick“ – und das taten ja noch nie wirklich alle Menschen.

Das Versinken ins Buch war für Sven Birkerts zuerst vor allem „Schutzschild oder Fluchtweg“:

„Eine Welt innerhalb der Welt, verschwiegen und leicht zu verbergen. Eine Welt, die ich auch während der Zeit, in der ich nicht las, als heimlichen Nachhall, als Tagtraum in mir tragen konnte.“

Dabei führte die Flucht aber nicht aus dem Leben heraus, sondern in ein eigenes Leben hinein. Aus der Distanz heraus kann man nicht einfach nur unbedacht einfach den Alltagstrott wiederholen. Die Frage drängt sich auf: Wie will ich denn leben, wenn nicht so, wie es mir vorgelebt wird? Wie will ich leben, wer bin ich denn überhaupt?

Bei der Beantwortung dieser Fragen begegnen wir in den Büchern vielen Vorbildern und es ist irgendwie auch kein Zufall, welche Art Bücher wir uns in der Bibliothek ausleihen, schenken lassen und später kaufen. Es stellt sich ein Gefühl ein, ein „.Gefühl, daß ein bestimmtes Maß an Kontakt mit den in sich stimmigen, sinnerfüllten Wirklichkeiten, wie sie sich auf den Seiten von Romanen darstellen, mir die Keime meiner Zukunftserwartungen einpflanzte. Es rief einen ganzen Katalog von persönlichen Entschließungen in bezug auf meine Zukunft – das Leben, das ich leben musste – in mir wach.“

Die „Keime meiner Zukunftserwartungen“, da das war es. Bücher können als Lupe dienen, „die mir zu einer anderen Orientierung in bezug auf meinen schon damals – wenn auch vorerst nur im Keim – vorhandenen Lebensentwurf verhelfen sollte.“ Bei mir war das die utopische Literatur und die neugierige Suche im Universum nach neuem Wissen. Dieses Modell wollte ich leben, deshalb studierte ich Physik, um Astronomin zu werden. Dies prägte meine Persönlichkeit. Dies machte mich zu dem Menschen, der ich immer noch bin, auch wenn ich nicht direkt Astronomin wurde.

Ich bin nun mal nicht in einem intellektuellen Elternhaus mit humanistischer Bildung aufgewachsen, wenn auch viel gelesen wurde. Ich kannte niemanden in meinem Umfeld, außer den Lehrern, die studiert hatten. Wie hätte ich auf die Idee kommen sollen, das Abi zu machen zu wollen (zu einer Zeit, als aus einer Schulklasse von ca. 30 Kindern nur 2 auf die Erweiterte Oberschule gingen)?

Ja, das Lesen lieferte auch mir die „Aufbaustoffe… für die Ausbildung einer eigenen, selbstsicheren Identität“. Wenn man annimmt, dass es so etwas wie einen „Ichkern“ gibt, so kann er sich nach Birkerts durchaus „größtenteils in der Auseinandersetzung mit Büchern“ formen. „Lesen verhilft diesem Ich zu verstärkter Präsenz.“

Später merkte ich, dass ich auch im politischen Engagement Vorbildern aus den Büchern nachlebte. Da ist Bernhard Seeger zu nennen, ein gar nicht so bekannter DDR-Schriftsteller, der Menschen schilderte, die sich allen möglichen Widerständen zum Trotz für einen besseren Sozialismus einsetzten. An mir selbst kann ich bestätigen, dass Schriftsteller nicht immer umsonst schreiben, sondern dass ihre Arbeit Wirkung zeigen kann.

Das funktioniert wahrscheinlich vor allem dann, wenn jemand noch auf der Suche ist nach seinem Ich und einer Orientierung. Beim Lesen geht es nicht nur um eine „schlichte Erweiterung des Bildungshorizonts“, sondern um „eine Zustandsänderung und ein[en] Wechsel der inneren Orientierung“. Diese Veränderung erfolgt in diesem Fall nicht einfach nur spontan und willkürlich, sondern bedacht, auch wenn viel Gefühl und Stimmung damit verbunden ist.

Da ich nicht einfach urteilen will, dass das Fehlen solcher Lese- und Identitätsbildungsprozesse heutzutage nur als Verlust zu betrauern ist, habe ich nun mehrere Fragen, zu denen mich die Meinung der Leserinnen und Leser interessiert.

1. Wenn man sich anschaut, welche Bücher heute noch verschlungen werden, so ist das z.B. Phantasy. Was passiert hier mit der Individualität der Lesenden? Was suchen sie darin, was finden sie? Und was hat das mit den heutigen Lebensbedingungen zu tun?

2. Gibt es solche eine Suche nach einer relativ festen, sich immer weiter entfaltenden Identität heutzutage überhaupt noch, wo es anscheinend nur um Performance geht, wo es als Befreiung verkündet wird, keine solche Identität haben zu müssen, sondern dass man sich tagtäglich beliebig wandeln kann? Geht das überhaupt und lebt es sich damit auch gut, oder fehlt der „rote Faden“ irgendwann doch?

3. Falls es noch solch eine Suche gibt, gibt es heute dafür andere erfolgreiche „Aufbaustoffe“ als das Buch. Können etwa Computerspiele dies ersetzen? Wie vielfältig sind hier die Identitätsfiguren/Projektionswelten?

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