Im letzten Beitrag wurde beschrieben, wie Literatur zu einer „inneren Orientierung“ verhelfen kann. Zumindest in einem bedeutsamen Teil der Romanliteratur finden alle geschilderten Geschehnisse ein Ganzes, sie entfalten sich zu einem Panorama, in dem etwas Kohärentes vorausgesetzt ist: „Denn über Handlung und handelnde Personen hinaus transportiert der Roman des bestechende Postulat der Logizität. Der Zielgerichtetheit. Der Sinnhaftigkeit. Die Personen und Situationen, dem schöpferischen Wollen des Autors entsprungen, sind zu einer höheren Ganzheit verbunden. Die kleinste Bewegung oder Handlung geht in eine Richtung; jede Handlung steht in einem übergreifenden Zusammenhang, in dem sich eine unausdrückliche künstlerische Absicht manifestiert“ – schreibt Sven Birkerts. „Wir Leser registrieren das unbewußt und beginnen unter Umständen unser eigenes Handeln unter demselben Aspekt der Schicksalhaftigkeit zu betrachten.“ Trivialliteratur

Ich kenne eine ältere Frau, die als junges Mädchen begann, heimlich die trivialen Schmöker von W. Heimburg zu lesen. Angesichts ihres von Strenge und Arbeit bestimmten Alltags überließ sie sich gern der „überspannten Empfindsamkeit“ (Plaul 1983: 106). Da ich vor lauter Langeweile auch mal reingelesen habe, kenne ich die ewig wiederkehrende Story: Armes Mädchen und Sohn ihrer Herrschaft lieben sich, sie wird unschuldig verleumdet, leidet schweigend und erlebt, manchmal jedenfalls, am Ende die Genugtuung, dass die Verleumdung aufgeklärt wird und sie ebenfalls als Tochter eines Hochgestellten entdeckt wird…
Die Frau jedenfalls inszenierte, sicher absolut nicht bewusst, ihr eigenes Leben so, dass sie sich immer als die unschuldig leidende Märtyrerin sehen konnte. Und wehe, es drohte mal ein Fünkchen Glück und Freude, das musste heruntergespielt werden. Und wehe, die anderen würden ihr nicht weh tun, dann würde ihr Selbstbild ja nicht mehr stimmen…

So extrem ist es sicher selten. Sven Birkerts beschreibt, dass sich das eigene Ich, von dessen Beeinflussung durch die Literatur ich schon berichtete, innerhalb der Vorstellung eines Lebens bildet, das „als einheitliche Ganzheit gelebt und erkannt werden kann“ und bei dem dessen Sinnhaftigkeit nach und nach sichtbar wird.

„An dieser Sinnhaftigkeit teilzunehmen bedeutet, in bezug auf sich selbst nicht minder als in bezug auf die Romanfiguren von der radikalen Annahme auszugehen, daß noch das geringfügigste Moment seinen ihm zugedachten Platz im Ganzen finden wird und daß zu guter Letzt alle Teile des Ganzen ihren Sinnzusammenhang offenbaren werden.“

Das Leben wird demnach nicht bloß als eine „Folge gelebter Augenblicke“, sondern als „Schicksalszusammenhang“ gesehen.

Sven Birkerts geht davon aus, dass die „Fähigkeit, unserer Erfahrung Sinn zu verleihen und in der Welt um uns herum Aufschlüsse über unseren Daseinszweck zu vermitteln“ Menschen über alle Zeiten hinweg kennzeichnet und nicht nur ein spezifisches Merkmal einer bestimmten Zeit und Weltgegend ist.

Er vermerkt, dass es auch ihm nicht immer leichtfällt, an dieser Vorstellung festzuhalten:

„Ich gebe zu, mit zunehmenden Jahren fällt es schwerer, sich dieses Bewußtsein zu bewahren – das Leben wirkt zusammenhangloser, zerfahrener, je weiter man das Feuer der Jugend hinter sich läßt – , aber ich denke nicht im Traum daran, es aufzugeben. Ohne diesen Glauben, dieses Gefühl einer bevorstehenden Auflichtung, gliche das Alltagsgeschehen einem Haufen bunter Perlen ohne zusammenhaltende Schnur.“

Hier gehen meine Fragen weiter:

4. Vielleicht lebt es sich ohne diesen Glauben, ohne das Warten auf eine „bevorstehende Auflichtung“ besser? Vielleicht ist die Annahme eines „einheitlichen Ganzen, des „Schicksalszusammenhangs“ und seiner „Sinnhaftigkeit“ ja nur ein Artefakt der Romanschriftstellerei? … und mit der Postmoderne längst Schnee von gestern?

5. Oder, wenn diese Annahme doch langlebiger ist, lässt sich diese Vorstellung auch durch andere Inhalte und Medien vermitteln? Haben nicht auch die Computerspielewelten eine gewisse Geschlossenheit und Kohärenz? Fördern die auch eine ähnliche Übertragung der Erwartungen an das wirkliche Leben? Wenn die Digital Natives vielleicht doch auch das Bedürfnis nach dieser kohärenten Sinnhaftigkeit in ihrem Leben haben, wie erleben sie einen Vor-Schein davon, bevor das Leben fertig, abgerundet oder abgerissen, ist? Oder entsprechen die Inhalte dieser Medien nur dem, was in der Literatur als Trivialliteratur bekannt ist?

Hier gehts weiter:

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