Sven Birkerts, über dessen „Gutenberg Elegien“ ich seit einigen Tagen schreibe, bemerkte die Veränderungen zuerst als Literaturdozent mit seinen Studenten. Diese hatten schon in den frühen 90ern immer mehr Probleme, romanhafte Literatur in dem Maße zu verstehen, wie er es von früheren Studierendengenerationen kannte. Der Kulturkritiker Morris Berman beschreibt ähnliche Erfahrungen und fasst zusammen, dass auch höhere Ausbildungsgrade inzwischen zur bloßen Unterhaltung degradiert und Collegedozenten nach dem Maß ihrer Unterhaltsamkeit geschätzt werden und auch von Kollegen und Vorgesetzen ein zu hoher Anspruch an die Lernenden abgelehnt wird.

„“Denken“ bedeutet jetzt nichts anderes als den letzten mentalen Vergnügungspark zu durchstreifen.“ (Berman 2003)

Das führt natürlich dazu, dass Studierende mit komplexer Literatur nicht mehr zurecht kommen. Birkerts schreibt dazu:

„Unbehagen bereiteten ihnen zumal reflexive Textstellen und solche, die innere Zustände wiedergaben, wie überhaupt alle Abschweifungen von der nackten Handlung; und ironischer Stil irritierte sie, weil er Überlegenheit signalisierte und ihnen das Gefühl gab, nicht mitzukommen.“

Dabei geht es ihm nicht um Stil und Satzbau als Selbstzweck, sondern als Träger von Inhalten, die mit der Form verloren gehen. Es geht darum, dass mit einer bestimmten Weise zu sprechen und zu denken ein „ganzes System von Überzeugungen, Werten und kulturellen Strebungen“ verschwindet.

„Denn unsere gesamte kollektive Bewußtseinsgeschichte – die Seele des Gesellschaftskörpers – ist ja in gedruckten Zeichen kodiert“. […] es sind „Botschaften, die uns sagen, wer wir sind und wer wir waren“.

Birkerts erwähnt selbst, das die Geschichte des Lesens bereits vielfache Wandlungen erlebt hat. Zu Sokrates Zeiten begann die vorherrschende gesprochen weitergegebene Kultur ihre Bedeutung gegenüber dem Verschriftlichten zu verlieren. Dieser „Wechsel von der oralen Kultur zur Schriftkultur – krempelte die geistigen Verfahrensregeln vollständig um.“ Dabei blieb das Lesen noch lange mit dem Vorlesen, d.h. dem Laut verbunden. Erst aus dem 7.Jhd. wird eher erstaunt berichtet, dass jemand leise vor sich hin liest. Die maschinelle Buchproduktion veränderte den Grundcharakter des Lesens wiederum grundlegend. Und es gab auch immer unterschiedliche Arten zu lesen, entweder „intensiv“, d.h. dasselbe immer und immer wieder – aber auch „extensiv“, immer wieder etwas Neues. Auch innerhalb der Schriftkultur, sogar der Romankultur gab es immer wieder neue Epochen, so vollzog sich zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert eine Trendwende von der vorherigen Darstellung einer „verwickelte[n] soziale[n] Choreographie einer geschichteten Gesellschaft“ hin zu eher psychologischen Untersuchungen. Auch heutzutage, das sieht Sven Birkerts ein, gibt es noch eine Chance für den Roman, aber nur, wenn er etwas anders nicht Erfahrbares bietet:

„Der Roman wird nicht aufgrund seines Unterhaltungswerts überleben (wenngleich er gewiß auch den hat), sondern weil er eine unverzichtbare Erfahrung bietet, die nirgendwo sonst zu haben ist.“

Birkerts dreht sich ein wenig im Kreis. Er leitet aus dem Verlust der Bedeutung der klassischen Romane ab, dass sich Individualität, Subjektivität und „Selbstsein“ auflösen. Es bleibt aber unterbestimmt, dass neben der Literatur die vorherrschende gesellschaftliche Lebenspraxis die Formung der Individualitäten und der Arten des „Selbstseins“ wesentlich bestimmt. Es mag eine Korrelation geben zwischen dem verändertem Leseverhalten und Veränderungen in der Art der Subjektivität, der Individualität und der sozialen Beziehungsgestaltung. Wie stark das Erste für das Zweite tatsächlich bestimmend ist, oder inwieweit eine gemeinsame Basis, nämlich die gelebte Praxis in Beruf und Freizeit als Wurzel beider anzusehen ist, wird nicht gefragt.

Die Postmoderne wird mehrmals erwähnt. Gerade weil sie sich als philosophisches Konzept nicht in der Art der gewohnten kohärenten Theoretizität fassen lässt, spricht sie die Wahrheit der seit den 80ern aufgekommenen kulturellen Praxen aus.

„Kennzeichen unserer postmodernen Kultur ist ein „wurschtiges“ Bewußtsein von Anarchie, von Elementenkombinationen, die sich ohne ersichtlichen Grund herausbilden und wieder auflösen. […] Unser kollektiver Glaube an die Literatur, diesen Sammelplatz von Gefühlen und Ideen, hat sich verflüchtigt.“

Dazu gehören die „Demontage der Textautonomie“ und die „Ablehnung des Konzepts der Autorschaft“ ebenso wie der Schrecken eines „grenzenlosen Relativismus“. Auch hier wird nur der Aspekt des Geistigen goutiert, die wirkliche Lebenspraxis im High-Tech-Spätkapitalismus nicht in den Blick genommen. Deshalb bleibt auch offen, ob die nun einziehende Kultur nicht den Individuen in dieser Praxis tatsächlich besser hilft, sich zu orientieren als das Festhalten an den kohärenten Gesamtzusammenhängen der klassischen Romanwelten.

Morris Berman thematisiert in seinem Buch „Kultur von dem Kollaps?“ nicht nur das fallende Niveau in Bezug auf Lesefähigkeit und kritisches Denken und die Aushöhlung des kulturellen Inhalts, sondern verbindet sie, dem Historiker Joseph Tainters folgend, mit zwei weiteren typischen Faktoren von zusammenbrechenden Zivilisationen. Die ökonomischen Faktoren sind die sich beschleunigende gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheit, die gegenwärtig augenfällig vorliegt und die sich verringernden Mindesterträge in Hinblick auf die Lösung soziökonomischer Probleme, was ebenfalls offensichtlich stattfindet.

Er zieht Parallelen zum Ende der antiken Kultur, der ein mehrhundertjähriges dunkles Zeitalter folgte, bis wirtschaftliche und kulturelle Neuanfänge das in Klöstern tradierte alte Erbe aufgriffen und für ihre neue Zeit umarbeiteten.

Weitere Fragen drängen sich auf:

6. Gehört das Aufkommen der digitalen Vernetzung schon zu einer neuen Kultur, oder begleitet sie erst mal nur die weitere Verelendung der natürlichen stofflichen, energetischen, sozialen und kulturellen Verelendung und Zerstörung? Wachen diejenigen, die sich in virtuelle Räume statt in Bücher oder noch in Bücher flüchten, am Ende auf, wenn der Klimawandel zuschlägt?

7. Wie hoch war eigentlich die Bedeutung des Bücherlesens in der normalen Bevölkerung? Wahrscheinlich gibt es hier eine deutliche Abhängigkeit von der sozialen Schicht. Etwas eingeebnet wurden die kulturellen Klüfte zwischen diesen Schichten durch die gemeinsame Schulbildung in der DDR, dieses Land galt auch als „Leseland“. Viele Kinder nannten als ihr Hobby das Lesen, für viele Erwachsene galt das auch – ich kenne aber auch breite Schichten, die mit Büchern nie was anzufangen wussten und trotzdem ein zufriedenes Leben leben. Brauchen diese Menschen die „Botschaften, die uns sagen, wer wir sind und wer wir waren“ eh nicht?

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