Sven Birkerts Buch „Die Gutenberg Elegie“ über das „Lesen im digitalen Zeitalter“ beschreibt vor allem, was verloren geht, wenn wir kaum noch Bücher lesen, sondern uns an die digitalen Medien gewöhnen. Wir sind jetzt, über 20 Jahre nach dem Schreiben dieses Buches noch viel weiter drin in dieser Situation . Junge Leute kennen die „Nur-Lese-Zeit“ gar nicht mehr und auch unsereins sitzt auch in der Freizeit mehr am Computer als über Büchern.

Ich beziehe mich mal nicht auf die reine Unterhaltungsfunktion, die Bücher oder digitale Medien haben können, sondern ich konzentriere mich auf wort- und textbezogene Informationen.

Was passiert da eigentlich? Zuerst einmal konkurriert das Buch mit den vielen anderen Informationsquellen. Wenn ich etwas zu einem Thema ausarbeite, macht es ziemliche Mühe, mich auf 300 Seiten Text zu konzentrieren, sie zu exzerpieren, mir Gedanken über Argumentationszusammenhänge zu machen. Es ist viel einfacher, mit den richtigen Stichworten über die Google-Ergebnisse zu scannen und aus den Ergebnissen das aufzupicken, was mir interessant erscheint. Birkerts schreibt dazu:

„Solches Lesen bleibt seicht, aber es erfaßt einen riesigen Gegenstandsbereich: Die Quantität triumphiert über die Qualität. Die Möglichkeit, sich in einen Text zu versenken, wird annulliert durch das Bewußtsein, daß da noch zahllose ungelesene Texte sind, die gelesen sein wollen.“

Auch wenn ich nicht nur mit Ctr C+Ctr V arbeite, habe ich im Internet das Gefühl, mehr und vor allem aktuellere Informationen zu erhalten. Wichtig, Wichtig, Wichtig… ich habe zu tun, alles zu erhaschen und langatmiges Bücherlesen klaut mir nur die Zeit dazu… Und irgendwie befindet man sich am Computer in einer ganz anderen Position als vertieft übers Buch. Sigurd Martin schreibt im Nachwort zur „Gutenberg Elegie“, dass man bei der Lektüre am Computer die Habitusform des Voyeurs, des Detektivs und des Kunden annimmt.

Wenn ich mich dann mal in den Lesesessel zurückziehe, lockt weiter vorn im Raum doch immer die Alternative, drängt sich in mein enges Zeitbudget. Sogar beim Bücherlesen wechsle ich die Bücher jetzt öfter mal, weil ich die eher „surfende“ Informationsaufnahme verinnerlicht habe.

Sven Birkerts schreibt schon 1994, dass sich angesichts der elektronischen Medien die „Stimmungslage“ und „Erlebnisqualität“ der Beschäftigung mit Literatur ändert. Sogar bei mir Bücherliebhaberin setzt sich der Verdacht fest:

„Das Medium gestaltet die Botschaft. Was sich nicht digitalisieren läßt, kann nicht viel wert sein.“

Wenn ich über meine Bibliothek rede, dann oft fast „entschuldigend“, dass da viel Wertvolles z.B. aus der DDR-Zeit ist, was wohl sicher nie für Wert gefunden wird, zu digitalisieren. An dieser einen Stelle behält das Alte in Buchform seinen Wert (für die wenigen, die es zu schätzen wissen).

Die Form des Hypertextes war für mich vor zwanzig Jahren so faszinierend, dass ich nur, um die eigenen Gedanken vernetzt festhalten zu können, die ersten beiden Disketten von Netscape von einer Internetmesse mitbrachte. Später schrieb ich auch einen Text darüber, was ich mir vom Hypertext erwartete. Sven Birkerts war da von vornherein skeptischer:

„Denn mit ihrem ständig erneuerten Angebot von Wahlmöglichkeiten, ihrem ständigen Zwang, eine Option anzunehmen oder abzulehnen, raubt die Hypertext-Umgebung mir jegliche Möglichkeit, mir einen Besinnungsraum zu schaffen.“

Insgesamt führt die visuelle Darstellung auch zu einer anderen Rezeption:

„In visuellen Medien […] haben Bildkomposition und auf Blickfang angelegte Aufmachung Vorrang vor Logik und Begriff; Detailgenauigkeit und logische Aufeinanderfolge bleiben auf der Strecke. […] die Grundbewegung [ist] mehr ein horizontales Assoziieren als ein vertikales Kumulieren.“

Für mich war und ist die Möglichkeit der horizontalen Vernetzung nur eine erweiternde Möglichkeit gegenüber der tiefergehenden Analyse. Dass ich mit solcherart komplexerem Vorgehen an die Grenzen meiner Rezipienten im Internet stoße, wird mir immer wieder bewusst. Die Formen, die sich als die Nutzungsformen herausentwickelt haben, reduzieren sich auch immer mehr auf bloße Informationsfetzen. Blogs lassen keine tiefgestaffelten Gliederungen zu, sondern provozieren bloße schwätzende Meinungsäußerungen. Auch Webseiten werden neuerdings so gestaltet, dass nur kurze Aufreißer auf der Titelseite erscheinen und nach einem Klick auf etwas Interessierendes maximal zwei Bildschirmseiten Inhalt folgen, bevor wieder weggeklickt wird. Twitter und SMS verwirklichen erst recht einen „Primitiv-Sprech im Telegrammstil“ ( Birkerts).

Während Inhalte in Büchern dem Geist noch Widerständigkeit entgegen bringen, weil die textliche Struktur Arbeit an ihrem Verständnis erfordert, buhlen elektronische Inhalte von vornherein um die knappe Ressource Aufmerksamkeit. Lernen jedoch funktioniert nur gegen Widerstände. Erst durch die Anstrengung der Bewältigung einer Aufgabe erweitern wir die Fähigkeiten unseres Geistes. Bewegen sich Argumente oder Geschichten in Büchern bevorzugt in die Tiefe, so stehen die digitalen Inhalte für Horizontalität und Verflachung. „Die Digitalisierung verändert, was und wie wir wissen.“ (Bunz 2012) Dazu kommt noch, dass die automatisch algorithmierte Zuweisung von Informationen in Abhängigkeit von unserem früheren Rechercheverhalten nicht etwa das Versprechen einer „Vielzahl miteinander konkurrierender Ergebnisse“ (Bunz) erfüllt, sondern uns in eine „Filter-Bubble“ (Pariser 2011) einsperrt.

„Die Personalisierung gibt uns etwas ganz anderes: einen durch Algorithmen sortierten und manipulierten öffentlichen Raum, der absichtlich fragmentiert wird und dem Dialog entgegensteht.“ (Pariser 2011)

Im Gegenzug wird unser digitales Verhalten, unser „digitaler Schatten“, in Form von „Big Data“ zu einer neuen handelbaren Ware, um die sich letztlich die gesamte Gestaltung der digitalen Angebote dreht. Einen Ersatz für Öffentlichkeit, der durch die „alte“ Medienwelt gestaltet wurde, haben die digitalen Medien jedenfalls nicht geschaffen (vgl. Pariser 2011).

Und dass jede und jeder alles veröffentlichen kann, erhöht nur in den Fällen seine öffentliche Wahrnehmung, wenn der Inhalt so gestaltet ist, dass er oft genug weitergesendet wird und sich dadurch lawinenartig verbreitet. Ansonsten herrscht ein „wild wuselndes Stimmengewirr“ (Bunz):

„Publizieren wird zu einer radikal privaten Angelegenheit und verliert so seinen öffentlichen Anspruch.“ (Bunz)

Dies ist auch bei solchen eher anspruchsvollen Blogs wie meinem deutlich zu merken. „Besser“ werden bedeutet hier nicht mehr Wissen in besserer Weise anzubieten, sondern sich dem allgemeinen Trends anzupassen und stromlinienförmit jene Gags zu liefern, die als „Meme“ vervielfältigt werden.

„Das Internet manifestiert sich heute nicht mehr als öffentlicher Raum, als ein Raum des gemeinsamen, kommunikativen Handelns. Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich.“ (Han 2913)

Leider kann sich die Buchkultur wohl nicht einfach die Vorteile der digitalen Welt verbinden, sich durch sie ergänzen lassen: „Jedes Öffnen neuer Möglichkeiten verschließt gleichzeitig andere, und das gilt insbesondere für die Einführung neuer Technologien“ – schreiben Winograd und Flores (1992) .

Dass ich auch in längeren Lesephasen öfter mal die Bücher wechsle, habe ich schon erwähnt. Wahrscheinlich liegt das tatsächlich auch an der verringerten Aufmerksamkeitsspanne, die bei mir inzwischen vorherrscht:

„Muß nicht die anhaltende Berieselung mit aufgepeppter Erkenntnis-Collage allmählich die Aufmerksamkeitsspanne beeinträchtigen und die Fähigkeit, wenn nicht sogar die Bereitschaft mindern, längere Zeit über einem einzelnen Text zu sitzen, sich an seinen Schwierigkeiten die Zähne auszubeißen und ihm die Anstrengung zu widmen, die es kostet, aus seinen Rhythmen und seiner Syntax in ihrer originalen Form den Sinn herauszuschälen?“

Sven Birkerts versteht also ziemlich gut, wie schwer es gegen die lockenden Alternativen ist, die Buchkultur aufrecht zu erhalten. Für ihn ist das nicht nur eine Frage der individuellen Bildung, sondern der gesellschaftlichen Kultur:

„Meine größte Befürchtung ist, daß wir als Kultur, als Spezies verflachen; daß wir uns von der Tiefe […] abgekehrt haben und uns in der Ersatz-Sicherheit einer weitgespannten horizontalen Verbundenheit in Kommunikationsnetzen einrichten.“

Als Verluste der elektronischen Postmoderne befürchtete er folgende Trends:

  • Fragmentierung des Zeitgefühls und Verlust der sogenannten Erfahrung von Dauer, jenes Tiefenphänomens, das für uns mit der Träumerei verbunden ist,
  • Verkürzung der aufmerksamkeitsspanne und generell zu wenig Geduld für lange dauernde Untersuchungen
  • Zerstörung des Glaubens an Institutionen und explikative Erzählformen, die früher den subjektiven Erfahrungen Form und Gestalt gaben
  • Loslösung von der Vergangenheit, vom lebendigen Bewußtsein der Geschichte als eines kumulativen oder organischen Prozesses
  • Entfremdung vom eigenen geographischen Ort und von der Gemeinschaft
  • Das Schwinden jedweder befeuernden Vision von der persönlichen oder kollektiven Zukunft

Die Frage ist, ob die Gewinne der elektronischen Postmoderne demgegenüber in eine lebenswerte Zukunft weisen:

  • Zunehmendes Gewahrwerden des „Gesamtbildes“, eine Globalsicht, die mit dem anerkennen der außerordentlichen Komplexität bestehender Wechselbeziehungen einhergeht,
  • Erweiterte Leistungsfähigkeit des Nervensystems, die Fähigkeit, ein breites Spektrum von Reizen simultan zu verarbeiten,
  • Relativistisches Auffassen von Situationen, das alte Vorurteile abtragen hilft und oft in Gestalt von Toleranz zum Ausdruck kommt
  • Nüchterne, unvorbelastete Offenheit, die Bereitschaft, sich auf neue Situationen einzulassen und neue Konstellationen zu erproben.

Sven Birkerts vermutet, da er letztlich davon ausgeht dass uns Menschen zu jeder Zeit und unter allen Bedingungen das Bedürfnis haben, „unserer Erfahrung Sinn zu verleihen“, d.h., dass wir „ein Sinnbedürfnis in uns tragen“, dass es bei der Oberflächlichkeit nicht bleiben kann.

„Nach meinem Dafürhalten schlittern wir in typisch amerikanischer Manier in eine neue Krise. Eine Sinnkrise. […] Und wenn die Krise eintritt, wird kein Chip und kein Monitor ihr abhelfen können. Sie wird sich als ein jäh aufflammendes Bedürfnis manifestieren, als ein Seelenbrand, den keines unserer digitalen Wundermittel wird löschen können.“

Hier kommen nun meine daran anschließenden Fragen:

8. Stimmt das mit dem allgemein-menschlichen „Bedürfnis nach Sinn?“

9. Welche wirkliche Lebenspraxis ist die Wurzel der postmodernen Kultur?

10. Ist diese Praxis und auch ihre kulturelle Seite nur eine Verfallserscheinung? Zwar ist den euphorischen Befreiungsversprechen der Postmoderne längst nicht mehr zu glauben, wenn im Einzelleben wie in der großen Politik sogar normalste demokratische Mitbestimmungspraxen direkter ökonomischer Erpressung zu weichen beginnen, aber was steckt an Emanzipation trotz alledem noch darin?


Ich habe zu der Digitalisierung schon einmal einige Texte geschrieben. Sie sind unter dem Titel „Online sein oder Nichtsein“ zu finden.


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