„Durchwursteln ist das, was wir im Augenblick in Wahrheit tun, aber wir können nicht davon ausgehen, daß wir dies auf unbestimmte Zeit tun.“ (Berman)

Wir leben in einer innovationsträchtigen Zeit. Nie hat sich das Alltagsleben so rasant verändert, wie heutzutage. Wir halten uns immer öfter in digitalen Umwelten auf, das Arbeitsleben und insgesamt die Lebensplanung verlangen eine für frühere Generationen unglaubliche Flexibilität. Wir haben unerhörte Möglichkeiten des weltweiten Reisens und der Informationsbeschaffung und gleichzeitig werden früher selbstverständliche kulturelle Maßstäbe der Gesellschaft durch ökonomische „Sachzwänge“ und technische Regulierungen außer Kraft gesetzt. Wir sind ganzaußer Atem und kommen in dem ganzen Prozess des „Schneller – Höher – Weiter“ gar nicht mehr dazu zu fragen, WOHIN wir rasen…

Denn bei aller Dynamik ist den westlichen Industrieländern längst ein Ziel abhanden gekommen, das in verbessertem Wohlstand oder Emanzipation bestehen könnte. Während das ökonomische „Wachstum“ auf Kosten der ökologischen Selbstregulationsmechanismen für die Menschen in den entwickelten Industriestaaten den Human Development Index nicht weiter erhöhen kann, kommen die Menschen in den abgehängten Ländern der sog. „Peripherie“ nicht hinterher und werden immer tiefer in ihr Elend gedrückt.

HMI 3

Der real existierende Kapitalismus verändert sich bis zur Kenntlichkeit: Es geht nur noch um die Selbstverwertung des Werts, die Akkumulation des Kapitals, um Profite – koste es, was es wolle.

Kann unter diesen Umständen noch jemand glauben, im Großen und Ganzen ginge es doch letztlich aufwärts mit der Menschheit in Richtung eines irgendwie bestimmten Fortschritts? Seit nun inzwischen einem Vierteljahrhundert geht es nur noch für eine kleine Minderheit Vermögensbesitzer aufwärts mit ihrem Vermögen und Status – die Mehrheit der Menschen geht leer aus, so aus dem Mittelstand; oder wird verstärkt in die absolute Verelendung gedrückt, wie jetzt die meisten Menschen in Griechenland.

Kann ein Vierteljahrhundert „rasender Stillstand“ (Virilio) oder gar „rasender Rückschritt“ noch als historisch kurzfristiger Rückschlag gewertet werden oder deutet sich hier an, dass der Fortschrittsglaube letztlich doch grundlos ist, wie die Postmoderne seit vielen Jahrzehnten behauptet? Einst hätten marxistische Theoretiker schnell behauptet, dieser skeptische Pessimismus entspräche lediglich der Selbstbeschreibung des verfallenden Spätkapitalismus. Aber dieser Verfall dauert verdammt lange. Und er reißt vieles mit in den Abgrund, was für einen Neuanfang benötigt würde, wie stabile ökologische Lebensbedingungen und auch die errungenen Kulturleistungen.

Dass diese gefährdet sind, zeigt sich nicht nur daran, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen Hegel verstehen können oder überhaupt noch wollen, von Jahr zu Jahr eher sinkt als angesichts des angeblich durchschnittlich steigenden IQs und verfügbarer freier Zeit zu erhoffen wäre.

Morris Berman hat ein ganzes Buch zum Thema „Kultur vor dem Kollaps?“ geschrieben. Als geschichtsphilosophischen Hintergrund verwendet er das „oszillatorische Modell“ von Joseph Tainter („Collaps of Complex Societies“). Demnach müssen komplexe Zivilisationsstrukturen immer durch einen relativ großen Aufwand stabil gehalten werden. (Dies kann man sich auch mit den Begriffen der Selbstorganisation vorstellen: Komplexe, sich selbst organisierende Systeme benötigen immer eine Zufuhr von freier Energie für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Ordnungsstruktur und erhöhen dabei die Entropie in ihrem Umfeld.)

Geschichtsphilosophie des „abnehmenden Grenznutzens“

Nach Tainter nimmt dabei die Komplexität innerhalb einer Organisationsstufe (d.h. für eine bestimmte Zivilisation) immer mehr zu, bis schließlich die „Kosten“ so groß werden, dass sie für die jeweilige Zivilisationsform nicht mehr zu tragen sind. Der „Grenznutzen“ der Organisationsleistung nimmt immer mehr ab. Das dabei wirksame „Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen“, auch „Sättigungsgesetz“ genannt, ist aus der Ökonomie bekannt. Als Beispiel gilt z.B. der Nutzen eines Glases Wassers. Für einen Durstigen hat der erste Schluck Wasser sicherlich einen sehr hohen Nutzen (im folgenden Bild dargestellt durch die viereckige Fläche für die Stückzahl 1). Der zweite Schluck auch noch, aber mit den weiteren Schlucken bis hin zur Sättigung nimmt der Nutzen jedes zusätzlichen Schlucks Wasser immer weiter ab. Im folgenden Bild wird die Entstehung der sog. „Nutzenfunktion“ dargestellt (Quelle):
Nutzenfunktion

Wir kennen diese Kurve schon von der Abhängigkeit des Human Development Index in einem Land vom „ökologischen Fußabdruck“ der entsprechenden Volkswirtschaft.

Für komplexe Gesellschaften arbeitet Tainter heraus, dass ihr Kollaps jeweils von vier typischen Faktoren bestimmt war.

  1. Eine sich beschleunigende gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheit
  2. Sich verringernde Mindesterträge in Hinblick auf die Investitionen in organisatorische Lösungen für sozioökonomische Probleme
  3. Ein rapide fallendes Niveau in Bezug auf Lesefähigkeit, kritisches Denken und allgemeine intellektuelle Bewusstheit
  4. Geistiger Tod: Aushöhlung des kulturellen Inhalts und seine Erstarrung in Formeln (Kitsch)

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