Morris Berman geht nun davon aus, dass die derzeit auf der Erde vorherrschende Kultur „seine Grundlagen verloren hat und – ähnlich wie das antike Rom – immer stärker ins Dysfunktionale driftet.“ Zu dem Vergleich mit dem alten Rom kommen wir später noch zurück. Bermann nimmt sich alle 4 Kollapsfaktoren nach Tainter vor und findet sie auch für die Gegenwart, speziell in US-Amerika, vor:

1. Eine sich beschleunigende gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheit

Zu diesem Thema machte gerade das Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty Furore. In ihm wird die Schere zwischen den steigenden Einkommen der wenigen Superreichen und des sinkenden Einkommens der großen Mehrheit diskutiert.

Die folgende Abbildung zeigt diese Schere:

share of capital
(Quelle)

Als Beispiel: Das Nettovermögen von Bill Gates (46 Milliarden Dollar) war 1998 größer als das Nettovermögen der unteren 40% der amerikanischen Haushalte. (Berman)

2. Sich verringernde Mindesterträge in Hinblick auf die Investitionen in organisatorische Lösungen für sozioökonomische Probleme

Hierzu habe ich mir aus Berman wenig notiert. Letztlich ist aber deutlich wahrnehmbar, dass sich in sozialpolitischer Hinsicht im letzten Vierteljahrhundert nichts Wesentliches mehr verbessert werden konnte. Im Zuge des sich durchsetzenden neoliberalen „There-is-no-Alternative“-Ökonomismus verengten sich die Handlungsrahmen für reformerische Verbesserungen für die Mehrzahl der Menschen. Denn nicht nur die nicht vermögenden Einzelpersonen, sondern auch die Staatshaushalte wurden durch das neoliberale Finanzwesen geschröpft. Zusätzlich zu den dadurch real vorhandenen finanziellen Engpässen wurde eine ideologische Front gegen die „soziale Hängematte“ initiiert und der Zugang zur sozialen Hilfsfonds enorm erschwert.

3. Ein rapide fallendes Niveau in Bezug auf Lesefähigkeit, kritisches Denken und allgemeine intellektuelle Bewusstheit

Morris Berman nennt erschreckende Beispiele der Dummheit normaler US-Bürger. Einige Highlights:

  • 42% der amerikanischen Erwachsenen können Japan auf der Weltkarte nicht finden und 15 % können auch die USA nicht lokalisieren.
  • Fast 70% der Amerikaner glauben an Engel und 50% an Ufos und mehr als 30% glauben, sie hätten Kontakt mit Toten hergestellt.
  • 40% der amerikanischen Erwachsenen wussten nicht, dass Deutschland im 2. Weltkrieg der Feind der USA war.
  • 56% der Befragten glauben, Elektronen seien größer als Atome, 53% sagten, die Erde drehe sich entweder in einem Tag oder einem Monat um die Sonne.

Ich weiß nicht, ob und wenn ja, wie lange wir Europäer da schadenfroh feixen können. Die Abwertung von Wissen hat auch hier schon breite Breschen in die Bildung- und Kulturlandschaft geschlagen. Wenn Berman in Bezug auf die Colleges der USA schreibt: „“Denken“ bedeutet jetzt nichts anderes als den letzten mentalen Vergnügungspark zu durchstreifen“, so gilt auch hierzulande der Unterhaltungswert von Bildungsveranstaltungen längst mehr als die zu vermittelnden Inhalte.

Berman sieht hier auch die Bestätigung oder besser Folge der sog. Postmoderne, in der die alten aufklärerischen Traditionen dekonstruiert wurden.

„Es ist eine Sache, die Grenzen der Aufklärungstradition zu erkennen, nachdem man sie einige Jahrzehnte studiert hat. Und eine andere, diese Tradition abzulehnen, bevor man sich überhaupt mit ihr befaßt hat.“

4. Geistiger Tod: Aushöhlung des kulturellen Inhalts und seine Erstarrung in Formeln (Kitsch)

Die Faktoren 3 und 4 verschwimmen in meiner Wahrnehmung etwas. Auf jeden Fall schließt Berman hier an das an, was ich in den „Meditationen über die Gutenberg Elegien“ bereits beschrieben habe.

Über die Generation X schreibt Berman:

„„Ohne Schweiß, kein Preis“ gehörte nicht zu ihrem emotionalen Vokabular. Nur meine Gefühle zählen, mein (labiles) Selbstvertrauen, und ich erwarte, daß sich meine Lehrer auf meine Empfindlichkeit einstellen.“

Die Hinwendung zum authentischen Ich ist gegenüber der früheren Anpassung ins „Gehäuse der Hörigkeit“ sicher ein Fortschritt. Aber wie so oft schwingt das Pendel in die Gegenrichtung gleich wieder ins andere Extrem.
Für mich schließen sich, insbesondere zu den zwei zuletzt genannten kulturellen Faktoren auch wieder Fragen an:

  1. Diese Trends, die eher aus der Sicht eines Kulturverlusts betrachtet werden, betreffen sicher nicht alle Menschen (auch einer Altersgruppe) gleichermaßen. Welche „Mischformen“ gibt es? Wie kann man trotz Eintauchen in die neue digitale Kommunikations- und Informationswelt das Bewahrenswerte der „alten“ Kulturen aufbewahren und eventuell sogar weiter entwickeln?
  2. Wenn der allgemeine Bildungsstand abnimmt und die Fähigkeit zur tiefgründigen Analyse eher verschwindet, was bedeutet das für die gerade heraufziehende neue Arbeitswelt, für jene, die in den Industrie 4.0-Fabriken Verantwortung übernehmen müssen? Einerseits braucht gerade diese Arbeitswelt flexible, geistig agile Akteure. Was aber, wenn dann andererseits „alte Tugenden“ wie Fleiß und Widerstandsüberwindung, vertiefte Sachkompetenz fehlen? Kann es nicht geschehen, dass genau der Verlust von einigen dieser wichtigen Kompetenzen dazu führt, dass die neuen Trends gar nicht so erfolgreich werden können, wie erhofft und gewünscht?

Hier gehts weiter