Morris Berman sieht die eben vorgestellten 4 Faktoren (nach Tainter) einer untergehenden Zivilisation auch beim Untergang des römischen Reiches. Ich ergänze seine Ausführungen dazu mit ein wenig zusätzlichem Halbwissen aus meiner Bibliothek. Die geschichtliche Forschung ist sich selbst nicht ganz im Klaren, welche Faktoren zum Untergang dieses vorher recht stabilen Weltreichs geführt haben; über 200 Faktoren werden genannt. Einig sind sich die meisten darin, dass zwar die Einfälle der „Barbaren“ von außen letztlich den Ausschlag am Ende dieser Zivilisation gaben, dass aber „die Barbarei längst von innen heraus gesiegt hatte“ (Weber 1896).

Nun zu den Tainter-Faktoren einer untergehenden Zivilisation:

1.Eine sich beschleunigende gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheit

Max Weber (1896) betrachtet die „zunehmende Vermögensdifferenzierung“ im Altertum erst einmal als „Voraussetzung der aufsteigenden Handelsblüte“. Das Problem sieht er darin, dass gegenüber der „freien Arbeitsteilung durch Tauschverkehr“ in den Städten die „unfreie Arbeitsteilung“ auf Grundlage der Sklavenarbeit dominierte. Diese Dominanz verstärkte sich im Verlaufe der kriegerischen Kolonialisation neuer Gebiete immer weiter. Der Getreideanbau, der große Sorgfalt erfordert, wurde den Parzellenbauern überlassen, den „Nachfahren der freien, aus dem Besitz gedrängten Bauernschaft“. Aber das Fundament der Wirtschaft bildete die Sklavenarbeit, deren Reproduktion nur durch ständige „Menschenzufuhr“ möglich war. Als die kriegerische Ausweitung des Reichs beendet wurde, wurde der Arbeitskräftemangel problematisch.

Spätere Ausbeutungsformen, etwa im Karolingerreich, lösten dieses Problem, indem sie den fronpflichtigen Kleinbauern eine Familie ermöglichten und damit „das Risiko der Unterhaltung der Sklaven [….] auf den Sklaven selbst“ abwälzte. Im Römischen Reich jedoch dominierte weiterhin die Gutsherrenwirtschaft, die sich immer mehr in Richtung einer vollständigen Eigenversorgung mit allen Gütern orientierte.

Dabei entstand eine große Kluft zwischen den Großgrundbesitzern und einer großen Masse von wenig besitzenden Menschen. Berman führt an, dass ca. 2000 Männer fast das gesamte Land zwischen Rhein und Euphrat besaßen. Diese Vermögenskonzentration steigerte sich im Verlauf der Zeit am Ende immer mehr.

Zusätzlich wurde der Druck durch die vom Staat auferlegten Steuern unaushaltbar. (vgl. Grant 1994: 474ff.) Verbunden mit diesem Druck war eine enorme Ungerechtigkeit, weil die armen Leute viel stärker belastet wurden als die Großgrundbesitzer. Der Mittelstand verlor seine Bedeutung und ging auch mengenmäßig stark zurück (ebd.: 482).

„Während der letzten zwei Jahrhunderte des Bestehens des Weströmischen Reiches haben die Menschen mit Ausnahme der sehr Reichen und Mächtigen immer mehr an persönlicher Freiheit und an Wohlstand verloren.“ (Grant 1994: 484)

Es ist auffällig, dass das Weströmische Reich noch ca. 1000 Jahre länger bestehen konnte als das Oströmische. Es war durch seine territoriale Lage zwar auch besser geschützt gegen Angriffe von außen, aber, das betont Berman, der Landbesitz war hier auch breiter gestreut. Es wies „weniger Risse in der sozialen und wirtschaftlichen Struktur“ auf (ebd.: 507).

2. Sich verringernde Mindesterträge in Hinblick auf die Investitionen in organisatorische Lösungen für sozioökonomische Probleme

Ein wichtiger Faktor ist, dass das Aufbringen der Kosten für die militärische Expansion die sozialen Widersprüche immer mehr verschärfte (vgl. Grant 1994: 402ff., 427ff.).

„Im dritten Jahrhundert ging nahezu jeder dritte Denar der Steuereinnahmen an das Militär und die Verwaltung, bis der Staat allmählich in den Bankrott trieb.“ (Berman)

Im 4. Jhd. gelang es auch nicht mehr, genügend Rekruten für die Armeen einzuberufen, es mussten immer mehr germanische und andere Söldner aus anderen Volksstämmen angeworben und bezahlt werden (vgl. Grant 1994: 471ff.).

„Um die höheren Rüstungskosten zu bestreiten und die Staatsmacht zu stützen, glaubte die Regierung, das Leben der Bürger mit äußerster Strenge reglementieren zu müssen. Mait wurde jedoch der Zerfall dessen, was man bewahren wollte, nur noch beschleunigt, denn gerade die Loyalität und Initiative des einzelnen, die den Bestand des Staates hätten garantieren können, gingen auf diese Weise verloren.“ (Grant 1994: 484).

3. – 4. Ein rapide fallendes Niveau in Bezug auf Lesefähigkeit, kritisches Denken und allgemeine intellektuelle Bewusstheit + Geistiger Tod:

Aushöhlung des kulturellen Inhalts und seine Erstarrung in Formeln
Der Niedergang des Römischen Reichs war mit einem Verfall der Städte verbunden und damit auch der städtischen Kultur (vgl. auch Wikipedia zu „Bücherverlusten in der Späatantike“):

„So schwand die dünn gewordene Hülle der antiken Kultur, und das Geistesleben der okzidentalen Menschheit sank in lange Nacht.“ (Weber 1896)

800px-Population_of_Rome
(Quelle: Wikipedia)

In einem Wikipediabeitrag wird geschrieben, dass ab etwa 550 „ein gravierender Rückgang der Bildung“ konstatiert werden könne.

Im Wikipedia-Beitrag „Bücherverluste in der Spätantike“ wird recht ausführlich geschildert, dass vor diesen Einbrüchen in der Antike ein recht hoher Alphabetisierungsgrad, auch bei den Sklaven, vorlag. In der Spätantike jedoch ging die größte Menge an Büchern in den vielen sozialen und religiösen Wirren verloren. Dies führte zu einem Erlöschen der allgemeinen Schriftkultur.

Nach Berman erstarkte eine neue religionsbasierte Mentalität und das geistige Niveau sank auf „niedrigstes Niveau“.

„Zwischen 600 und 1000 n. Chr. verstanden es die meisten Menschen nicht mehr, zu lesen und zu denken, und sie hatten sogar vergessen, daß sie es vergessen hatten.“

Die 4-Faktoren-Theorie untergehender Zivilisationen nach Joseph Tainter scheint mir ein wenig schematisch und willkürlich zu sein. Sie schafft es, eine Ordnung in die schier unüberschaubare Vielfalt von Ereignissen und Wirkmechanismen zu legen, die für viele Zivilisationsumbrüche zu passen scheint. Es entstehen Ähnlichkeiten zwischen miteinander nicht direkt verbundenen Epochen und Weltkreisen, von denen nicht ganz klar ist, ob sie durch diese auferlegte Ordnungsstruktur nur suggeriert werden, oder ob es tatsächlich ähnliche und vergleichbare Wirkmechanismen gibt. Da ich Tainter nicht selbst gelesen habe, kann ich mir dazu auch kein Urteil erlauben.

Max Weber sagte noch: „Für unsere heutigen sozialen Probleme haben wir aus der Geschichte des Altertums wenig oder nichts zu lernen“.
Der Historiker Friedrich Prinz dagegen betonte eine „geheime Wahlverwandtschaft“ der Spätantike mit unserer Zeit:

„Es ist schon lange aufgefallen, daß die Spätantike mit ihrer Folgezeit in manchen Zügen eine überraschende Ähnlichkeit mit den wilden Umbrüchen unserer Gegenwart hat. Das gilt für die Orientierungslosigkeit dieser Epoche, die gleichzeitig ein großes Verlangen nach neuer Orientierung und Wegweisung auslöste. Ebenso gibt es damals wie heute das Gefühl einer generellen Bedrohung aus verschiedenen Richtungen und damit eng verbunden eine starke Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit im Katarakt der Ereignisse und Innovationen, die oft unter der bunten Flagge des „Fortschritts“ segeln, aber tödliche Gefahren in sich bergen. Für den Historiker ist es kein Zufall, daß die zuerst ideologisch vielstimmige und dann christliche Spätantike wachsendes Interesse weckt: Es ist die geheime Wahlverwandtschaft beider Epochen, die gleichermaßen alarmiert wie auch Gegenkräfte gegen den Can-Can der Beliebigkeiten und gegen eine zynisch „Everything goes“-Mentalität mobilisiert. So gewinnt im Spiegel der Vergangenheit die Gegenwart Tiefenschärfe und fordert unsere eigenen Entscheidungen heraus, die unaufschiebbar sind.“

Auch Morris Berman dient der Vergleich zwischen dem untergehenden antiken Römischen Reich und unserer Zeit anhand der 4 Tainterschen Faktoren direkt dazu, die Ähnlichkeiten zu betonen. Ist das nun ein typisch spätbürgerliches Untergangsszenario, oder steckt etwas dahinter? Gut finde ich, dass nicht nur geistige Faktoren untersucht werden, sondern auch soziale und ökonomische. Der Effekt des „sinkenden Grenznutzens“ scheint tatsächlich eine allgemeine Eigenschaft untergehender Epochen zu sein. Das ist verbunden damit, dass an den Grenzen der Reformierbarkeit von Systemen bestimmte Handlungen, die Probleme lösen sollen, typischerweise diese Probleme eher verstärken, also „kontraproduktiv“ sind. Dies ist ein Muster, das ich heute bei meiner Lektüre über die Endphasen des Römischen Reiches immer wieder fand und was ich auch in der Gegenwart immer wieder finde, nicht zuletzt in der aktuellen Griechenland-Frage.

Hier gehts weiter