verloren
Ich habe die kommunikativen Möglichkeiten des Internets als eine der Ersten, bereits 1995 mit eigener Homepage, sehr schätzen gelernt. Damals waren wir, die sich da tummelten, noch irgendwie Pioniere, die sich gegenseitig allein deswegen schätzten, weil wir uns da aufhielten und trafen. Oft begrüßten wir BetreiberInnen inhaltsähnlicher Webseiten uns einfach mal mit einem freundlichen Hallo und auch die ersten Gästebücher atmeten diesen freundlich-kooperativen Geist. Dann mussten wir alle nach und nach die Gästebücher abschalten, weil Gemeinheiten und Ablästereien zu dominieren begannen.

Die sozialen Netzwerke ab 2000 versprachen dann eine neue Qualität der Kommunikation und Kooperation. Allerdings begann damit die inhaltliche Verflachung, weil die Lesegewohnheiten sich änderten. Während vorher tatsächlich häufig mal Texte mit dem Niveau von Buchtexten hochgeladen und auch rezipiert wurden, führte die pure Menge von Inhalten und von Kontakten dazu, dass nur noch oberflächlich überflogen wurde und die Zeit nicht mehr für genügend Konzentration für einzelne Inhalte reichte. Die Blogs sind schon von der Struktur her nicht mehr für gegliederte, tiefgründige Texte geeignet; ich wollte sie nur teilweise nutzen, aber es wurde mir doch zu anstrengend, meine Texte noch in HTML umzuwandeln und deshalb stecken die Ergebnisse der letzten Jahre ziemlich unsortiert im Blog. Ich bräuchte eigentlich ein geeignetes CMS, aber weiß gar nicht, obs da kostenlos was gibt für mich und Geld konnte ich dafür nicht in die Hand nehmen, weil ich ja schon meine Inhalte frei hergebe und nix damit verdiene (und eben auch nix übrig habe, außer meiner Freizeit und Kraft für die Texte).

In den 90ern und noch den ersten Jahren nach 2000 gab es auch vielfache kooperative Projekte, an denen ich beteiligt war. Die liefen zuerst und eigentlich am Besten über Mailinglists. So wurde die Debatte über die Bedeutung der Freien Software über eine archivierte Mailinglist geführt (heute unter http://www.oekonux.de/). Und auch mit einigen Einzelmenschen entwickelten sich hochspannende und produktive eMail-kontakte.

Seit ca. 2005 schliefen diese eigentlich alle ein und obwohl sich dann ja anscheinend kommunikativere Techniken („Web 2.0“) durchsetzten, ersetzten die mir diese früheren Kontakte nicht mehr. Einerseits, weil ich eh nie in Facebook gegangen bin (und so weit ich höre, sind da so inhaltlich anspruchsvolle Sachen, die mich interessieren sowieso nicht gefragt). Andererseits wurde auch der Blog nie ein Ersatz für diese Mailinglistdebatten. Ich bin mir nicht ganz sicher, inwieweit das an meinem Verhalten liegt, oder daran, dass meine Ansprüche zu einseitig sind… Aber das war ja vorher eigentlich auch nicht anders, und da funktionierte es besser…

Heute gibt es tatsächlich noch gute Gemeinschaftsblogs, z.B. http://keimform.de/. Vielleicht hätte ich mich mehr darauf konzentrieren sollen, da dran zu bleiben und mehr dort zu schreiben. Aber meine Themen sind einfach vielseitiger, als dass alles dort unterkommen könnte.

Es gab übrigens auch mal ein Projekt, das das Prinzip der Erstellung Freier Software auch auf theoretische Texte übertrug: http://www.opentheory.org/. Dort habe ich auch viel mitgemischt. Einige der Texte sind später auch gedruckt erschienen, aber die meisten Impulse von außerhalb kamen von nur wenigen DiskussionspartnerInnen, von denen nicht alle auch bei Opentheory mitmachten.

Heutzutage ist es für meine Art, zu arbeiten und darüber kommunizieren zu wollen, sehr hemmend, dass sogar viele am Inhalt durchaus interessierte Studierende oft meinen: „Ach, ich muss schon im Studium so viel lesen, ich will das nicht auch noch in der Freizeit.“ Das reduziert natürlich ihren geistigen Horizont extrem und blockiert die weitere Entwicklung. Gleichzeitig dünken sie als Studierende aber alles zu wissen. Die Erfahrungen mit solchen hab ich mal reflektiert in einem Text zur sog. „Halbbildung“.

Mittlerweile werden nun auch Webseiten grundsätzlich eher so gebaut, dass nur kurze Tickermeldungen über die Hauptseite laufen, die dann verlinken zu „vertiefenden“ Seiten, die aber auch eigentlich vor allem mit vielen Bildern nach Aufmerksamkeit haschen müssen. Links nach außen werden überall vermieden, damit nur ja die eigene Seite bedeutsamer wird.

Natürlich ist das Internet noch groß genug, dass ich weiter in alter Manier auch komplexere Texte einstelle und noch scheinen auch einige Google-Anfragen zu mir zu leiten. Aber es ist schon klar, dass nur wenige sich die Zeit nehmen, das dann auch angemessen zu durchdenken. Wenn das alles noch schlechter wird, dann verliere ich die Art Öffentlichkeit, die sich seit 20 Jahren öffnete, schon wieder. Denn ich bin so blöd geblieben, meine Texte freigiebig einfach zu erstellen und freizugeben, statt mich auf Gedruckt- und „Berühmt“werdens-Strategien einzustellen.
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Irgendwann gilt dann mal „Ich bin der Welt abhanden gekommen…“
(Ein Text von Rückert aus dem Jahr 1821).


Das Bild oben verwendet die Datei: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Internet_map_1024.jpg.

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