Trivialliteratur

Bei dem Thema „Lesen als Kulturschöpfung“, zu dem mich das Buch „Die Gutenberg Elegien“ von Sven Birkerts inspiriert hat und zum Text „Sinnhaftes Leben wie im Roman?“ bleibt noch die Frage offen, was der Unterschied zwischen trivialer Literatur und der im Vergleich dazu anscheinend wertvolleren ist und ob es überhaupt sinnvoll ist, das zu unterscheiden.

Auch ich habe in meiner Bibliothek spezielle Regale, in denen vor allem fast hundertjährige Schmöker stehen, die im Allgemeinen der Trivialliteratur zugeschrieben werden. Ich hab sie einst als Jugendliche vor lauter Langeweile auch gelesen. Eine Science-Fiction-Heftserie habe ich bis vor kurzem auch gelesen.

Trivialliteratur ist erst einmal bestimmt als „lyrische, epische und dramatische Texte, die von der öffentlichen Kritik trivial genannt werden“ (Baier). Das Wort „trivialis“ bezeichnet im Lateinischen das Gewöhnliche, das allen Zugängliche. Im Französischen kommt die negative Bedeutung des Vulgären, „Abgedroschenen“ hinzu. Ohne diese negative Bedeutung definiert der Duden die Trivialliteratur als „der Unterhaltung dienende, inhaltlich unkomplizierte und mit einfacheren sprachlichen Mitteln arbeitende Literatur“.

Literatur als Kunst

Literatur wird aber nicht nur in Bezug auf die Einfachheit oder Kompliziertheit unterschieden. Wenn wir verstehen wollen, warum die sog. Trivialliteratur eher abgewertet wird, müssen wir wissen wogegen sie als wertloser erscheint. Dies ist die Literatur als Kunstform und mit persönlichkeitsbildenden Ansprüchen (auch diese kann inhaltlich unkompliziert und sprachlich einfach daherkommen).

Diese Literatur, die man z.B. „Bildungsliteratur“ nennen kann,

  • ist ein Mittel der Persönlichkeitsbildung, die menschlichen Sinne werden kultiviert, die menschlichen Gefühle formen sich, die Phantasie, das Vorstellungsvermögen, das anschauliche Denken und die schöpferischen Fähigkeiten werden ausgebildet (John 1973).
  • Dabei wird der Blick für konkrete Menschen geschärft und das Verständnis geweckt, „daß gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten, Veränderungen, Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sich im Leben höchst widerspruchsvoll, mannigfaltig und kompliziert durchsetzen“ (ebd.)
  • Widersprüche werden dabei gestaltet anstatt ausgemerzt (ebd.)

Diese Ansicht stimmt im Wesentlichen mit den Vorstellungen von Bertold Brecht (1968) über den (sozialistischen) Realismus überein. Er stellte folgende Forderungen:

  • Realistische Künstler betonen das Moment des Werdens und Vergehens. Sie denken in allen ihren Werken historisch.
  • Realistische Künstler stellen die Widersprüche in den Menschen und ihren Verhältnissen zueinander dar und zeigen die Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln.
  • Realistische Künstler sind interessiert an den Veränderungen in Menschen und Verhältnissen, an den stetigen und an den sprunghaften, in welche die stetigen übergehen.“

Obwohl das „sozialistische“ inzwischen ziemlich obsolet geworden ist, finde ich diese Anforderungen auch verallgemeinerbar für insgesamt „gute“ Literatur.

Obwohl die Bücherliteratur ursprünglich tatsächlich vorwiegend primär aus einem aufklärerischen und Bildungsauftrag heraus entstand, ist heute klar, dass gute Literatur wie auch andere Kunstformen auch Vergnügen, Freude, Lust und Genuss bieten sollte. (vgl. Kagan 1974)

Triviale Literatur

Die sog. triviale Literatur beschränkt sich jedoch auf die Lust an der Unterhaltung und verzichtet beim Genuss auch noch auf anspruchsvolle poetische Gehalte. Oder wie Brecht schreibt, kann die Anlage dazu, dass in jedem Menschen ein Künstler steckt, auch verkümmern (Brecht 1961).
Das Bücher-Wiki nennt als Kennzeichen der Trivialliteratur unter anderem flache Figuren, eindimensionale Handlung, Happyend, Schwarz-Weiß-Zeichnungen, stereotyper Aufbau, klischeehafte Sprache und wiederkehrende Themen wie z. B. Abenteuer, Liebe, Heimat, Verrat, Verbrechen, Gräueltat, Katastrophe, Science Fiction. Dieser schablonenhafte „Bauplan“ soll den Nervenkitzel und die leichte Lesbarkeit der Texte garantieren.

Ein Beispiel einer typischen Story hatte ich schon mal kurz erwähnt:

trivialliteratur 3Armes Mädchen und Sohn ihrer Herrschaft lieben sich, sie wird unschuldig verleumdet, leidet schweigend und erlebt, manchmal jedenfalls, am Ende die Genugtuung, dass die Verleumdung aufgeklärt wird und sie ebenfalls als Tochter eines Hochgestellten entdeckt wird…

Ich nenne im Folgenden weitere Bestimmungen, die die sog. Trivialliteratur von wertvolleren literarischen Werken unterscheiden sollen (nach Baier, Schülerlexikon; Wikipedia, Plaul 1984, Zimmermann 1979):

Trivialliteratur 2

Sprachlich-stilistisch:

  • Primitivität und Banalität in Wortwahl und Satzbau
  • Häufung von Adjektiven, Superlativen und Diminutiven
  • Stereotype Wendungen
  • Klischees
  • Geringe Variation bei Inhaltswörtern
  • Zeichenhaftigkeit von Äußerungen und Gegebenheiten
  • Formelhafte Anwendung spezieller Reizworte

Handlungsaufbau

  • Verwendung von Handlungsschablonen
  • Austauschbarkeit oder Funktionslosigkeit von Handlungselementen
  • Determiniertheit der Handlung (Belohnung der Guten, Bestrafung der Schlechten)
  • Eine auf die Hervorbringung von Empfindungen und Stimmungen angelegte Handlungsführung
  • schematischer Spannungsaufbau, melodramatische und sentimentale Handlungen

Darstellung der Personen und ihrer Beziehungen:

  • Typisierung und Standardisierung
  • Zeichnung flacher Charaktere
  • Gut-Böse-Schema
  • Konstante Rollenverteilung

Rezeptionsweisen des Lesers:

  • Mangelnde Distanzierung
  • Sentimentales Einfühlen
  • Selbstbestätigung im Klischee
  • Geistige Trägheit und Kritiklosigkeit
  • D.h. Emotionale Belastung und geistige Entlastung

Wichtig für die eher ablehnende Bewertung der sog. Trivialliteratur sind besonders die Folgen für die nicht erfolgte bzw. sogar verhinderte geistige und humane Entfaltung des Menschen.

„Rationales wird dabei in sinnlich Erfahrbares umgesetzt, und zwar in der Weise, daß alle Informationen, seien es Aussagen philosophischen, moralischen, politischen usw. Inhalts, seien es Werturteile oder Mitteilungen über Personen, Ereignisse, Zustände und dergleichen, dem wirklichen oder vermeintlichen Niveau des Alltagsbewußtseins der potentiellen Leser angepaßt werden, und zwar so, daß sie vor allem mit den hier vorhandenen Klischees und Stereotypen übereinstimmen.“ (Plaul 1983)

Auch in Wikipedia wird betont, dass die sog. Triviale Literatur den Erwartungshorizont des Lesers nicht durchbricht und deshalb eher zur Bestätigung bestehender Meinungen, Gesellschaftsbilder usw. führt.
Inhaltlich finden sich diese Züge vor allem in den sog. Groschenromanen, in Frauen- und Liebesroman, Schauerroman, Heimatroman, Räuberromane, Indianer- und Wildwestromanen und der Science Fiction. In all diesen Genres kann es sicher auch „gute“ Literatur geben, die Grenze zwischen Bildung und Nur-Unterhaltung bzw. Trivialem ist nicht ganz scharf.

Man könnte nun vielleicht bei jedem literarischen Text eine Art Strichliste führen, ob die oben genannten Merkmale der sog. Trivialliteratur auftauchen und wie häufig. Sie sind jedoch nur formale Hinweise, wichtiger wäre eine inhaltliche Bewertung, inwieweit der Text Widersprüche gestaltet oder maximal auf Schwarz-Weiß-Schemata reduziert, ob die LeserInnen sich bilden und entwickeln können durch das lesend Erfahrene und ob bloß eine Selbst- und Weltbestätigung auftritt, oder eine kritische Distanz möglich ist.

Auf diese Weise werden inhaltliche Unterscheidungen getroffen und natürlich auch eine Art Bewertung. Ob ein abfälliges Herabschauen von den Höhen der Hochkultur auf das nur Triviale berechtigt ist, war immer etwas umstritten. Die Abfälligkeit, mit der das Triviale, d.h. das Gewöhnliche behandelt wurde, stammt auch aus dem Zusammenhang, dass sie als Literatur der Unterschicht angesehen wurde (und wohl auch eher war) und die Hochliteratur war als Literatur der Oberschicht demgegenüber von vornherein „als solche schon prinzipiell sanktioniert, als Dichtung gleichsam geweiht“ wurde.(Kreuzer)

Um die abfällige Bewertung aus der Unterscheidung herauszuhalten, wurde auch schon versucht, die sog. Trivialliteratur als „Massenliteratur“ oder „populäre Literatur“ zu bezeichnen. Oder auch „Konformliteratur“, wobei das Geschriebene konform zum Geschmack des Publikums ist und nicht eine bestimmte Kunstauffassung bzw. einen Geschmack des Dichters trägt (Nutz nach Kreuzer). Letztlich steckt hinter all diesen Debatten eine Auseinandersetzung zwischen Kommerz und Kultur, die nicht dem reinen Kommerz unterworfen sein sollte, sondern die auch unabhängig von der Verkäuflichkeit Wert auf Schönheit, Harmonie, Autonomie, individuelles Schöpfertum und Bildung legt (vgl. Mühl-Benninghaus 2012). Diese Auseinandersetzung entstand mit dem Übergang zur kapitalistischen Form des Buchhandels, während Literatur vorher tatsächlich eher dem Bildungsbürgertum vorbehalten war. (Plaul 1983)

Es scheint hier auch eine unterschiedliche Einstellung z.B. von Schiller und Goethe gegeben zu haben. Schiller setzte sich mehr für hohe Ansprüche ein und schrieb z.B. „Das einzige Verhältnis gegen das Publikum, das einen nicht reuen kann, ist der Krieg“ (zit. ebd.). Er schrieb anspruchsvolle „Lieblingsarbeiten“, musste aber auch ökonomische Tagesschriftstellerein betreiben. Goethe war dem Alltäglichen grundsätzlich nicht abgeneigt. Auch der junge (noch nicht kommunistisch orientierte) Friedrich Engels fand eine Verbindung zwischen Unterhaltung und Bildung wichtig.

„Das Volksbuch hat den Beruf, den Landmann, wenn er abends müde von seinem harten Tagewerk zurückkehrt, zu erheitern, zu beleben, zu ergötzen, ihn seiner Mühen vergessen zu machen, sein steiniges Feld in einen duftigen Rosengarten umzuwandeln; es hat den Beruf, dem Handwerker seine Werkstatt, dem geplagten Lehrjungen seine elende Dachkammer in eine Welt der Poesie, in einen goldenen Palast umzuzaubern und ihm sein handfestes Liebchen in Gestalt einer wunderschönen Prinzessin vorzuführen; aber es hat auch den Beruf, neben der Bibel ihm sein sittliches Gefühl klarzumachen, ihm seine Kraft, sein recht, seine Freiheit zum Bewußtsein zu bringen, seinen Mut, seine Vaterlandsliebe zu wecken.“ (Engels 1839)

Die Romanliteratur des späten 18. Jahrhunderts bewegte sich tendenziell schon in Richtung dessen, was Trivialliteratur genannt wird. Einerseits wurde Buchproduktion und -handel immer stärker kommerzialisiert, was bedeutet, dem vorhandenen Geschmack entgegen zu kommen, statt Ansprüche zu stellen, die den Verkauf gefährden könnten. Andererseits war die so erfolgreiche „Übersteigerung und betonte Zurschaustellung des Emotionalen“ (Plaul 1983) wohl auch eine Folge von ganz bestimmten Lebensverhältnissen, die solche Bedürfnisse stärkten. Diese Bedürfnisse „sind Ausdruck der Reaktion auf jene Faktoren innerhalb der Lebensweise des Lesers, die bewirken, daß seine emotionalen Wesenskräfte entweder nicht gefordert oder in ihrer Aktivität behindert werden.“ (ebd.)

„Es handelt sich bei den durch Trivialliteratur erzeugten Gemütsbewegungen also gewissermaßen um Kompensationsemotionen. So wirkt etwa erregte Spannung als Ausgleich gegen den faden Fluß der Alltäglichkeit; die Genugtuung, herbeigeführt durch den Sieg des Guten über das Böse oder durch den glücklichen Ausgang des Konflikts, gegen erfahrenes Unrecht, gegen Ausweg- und Perspektivlosigkeit u.ä.; der vermittelte Schauer gegen den logischen kühlen, klaren Rationalismus; Gefühle der Erhebung und Tatkraft, hervorgerufen durch das kraftgenialische Gehabe der Identitätsfiguren, gegen Demütigungen und Abhängigkeit usw. Sehnsüchte, Wünsche, Träume, also Gegenwelten zur Wirklichkeit, werden auf diese Weise erlebt.“ (ebd.)

Ernst Bloch findet z.B. auch in solcher Literatur Vorscheinhaftes, d.h. Ahnungen auf mögliches, besseres Neues, das noch entstehen kann. So erkennt er „bessere Luftschlösser in Jahrmarkt und Zirkus, in Märchen und Kolportage“ (1985), wo manche Gewöhnlichkeitsverächter nur die Nase rümpfen. Er schreibt dazu:

„Jede Abenteuergeschichte bricht die Moral des „Bete und arbeite“; statt des ersten herrscht Fluchen, statt des zweiten erscheint das Piratenschiff…“ (ebd.)

Dass die Menschen sich erst mal auf möglichst vergnügliche Unterhaltung stürzen, ist für Bloch auch erklärbar:

„Man weiß zu gut, die Menschen wollen betrogen werden. Doch dieses nicht nur, weil die Dummen in der Mehrzahl sind. Sondern weil die Menschen, zur Freude geboren, keine haben, weil sie schreien nach Freude.“ (Bloch 1985)

Es ist einem Text also nicht immer direkt anzusehen, ob er Verteidigung des Vorhandenen bzw. gar Manipulation mit sich bringt oder Emanzipation. Die Frage nach der Linie zwischen affirmativ tröstenden und subversiv-aufrüttelnden Formen und Inhalten stellt sich auch bei PC-Spielen. Dabei gilt auch hier wahrscheinlich, „daß Computer- und Videospiele in der heutigen Gesellschaft grundlegende menschliche Bedürfnisse erfüllen und dass die echte Welt diese Bedürfnisse derzeit nicht befriedigen kann“ (McGonigal 2012: 13)

In Kürze mehr zu PC-Spielen…

Literatur:
Baier, Martin („Dr. Pangloss“): Die Trivialliteratur. Online: http://www.pangloss.de/cms/uploads/Dokumente/Germanistik/Allgemeines/Trivialliteratur.pdf (abgerufen 2015-07-24)
Bloch, Ernst (1985): Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Brecht, Bertolt (1961): Betrachtung der Kunst und Kunst der Betrachtung. In: Sinn und Form 5 und 6/1961.
Brecht, Bertolt (1968): Über sozialistischen Realismus. In: Über Realismus. Berlin 1968, S. 254-255.
Engels, Friedrich (als Friedrich Oswald) (1839): Die deutschen Volksbücher. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Zweiter Teil. S. 13-21.
John, Eberhard (1973): Die persönlichkeitsbildende Wirkung der Kunst. In: Arbeiter und Kunst. Berlin: Tribüne. S. 50-166.
Kagan, Moiseej. (1974): Die hedonistische, die bildende und die erzieherische Funktion der Kunst. In: Vorlesungen zur marxistisch-leninistischen Ästhetik. Berlin: Dietz. S. 249-254, 333-337, 375-388.
Kreuzer, Helmut (1975): Trivialliteratur als Forschungsproblem: Zur Kritik des deutschen Trivialromans seit der Aufklärung. In: Helmut Kreuzer: Veränderungen des Literaturbegriffs. Fünf Beiträge zu aktuellen Problemen der Literaturwissenschaft. Göttingen 1975. S. 7-26. Online: http://www.lmz-bw.de/fileadmin/user_upload/Medienbildung_MCO/fileadmin/bibliothek/kreuzer_trivial/kreuzer_trivial.pdf (abgerufen 2015-07-31)
McGonigal, Jane (2012): Besser als die Wirklichkeit! Warum wir von Computerspielen profitieren und wie sie die Welt verändern. München: Heyne.
Mühl-Benninghaus, Wolfgang (2012): Unterhaltung als Eigensinn. Eine ostdeutsche Mediengeschichte. Frankfurt am Main: Campus Verlag GmbH.
Plaul, Hainer (1983): Illustrierte Geschichte der Trivialliteratur. Leipzig: Edition Leipzig.