Es gibt die Geschichte vom Frosch, der natürlich aus einem kochenden Wassertopf springen würde, aber in einem Topf mit lauwarmen Wasser sitzen bleibt, obwohl sich das Wasser immer mehr erwärmt… bis er schließlich doch gekocht ist.

Um uns herum wird’s nicht nur immer wärmer (ich schreibe das in einem November mit über 20°C Tagestemperatur), sondern um uns herum platzen schon mehr und mehr Blasen, die langsam zum Köcheln führen. Vorige Nacht entsetzten uns die Terroranschläge in Frankreich ganz besonders. Kaum zur Kenntnis genommen wird da die Zeitung des Tages, in der steht, dass schon bei nur 2 Grad globaler Temperaturerhöhung ca. 170 Millionen Menschen ihren Lebensraum verlieren. Ach ja, die Flüchtlingskrise ist ja schon ein Dauerbrenner. Im Tschad steigt die Sommertemperatur auf über 50 °, neben verstärkter Trockenheit gibt es Wasser nur noch in Form von Überschwemmungen. Gleichzeitig geben die G-20-Staaten viermal mehr Geld aus für die Förderung fossiler Brennstoffe als für regenerative Energien. Da wird die Warnung vor einer Datendiktatur im „Digitalen Manifest“ zur Nebensache, obwohl auch sie sich genau nach dem Prinzip der langsam angekochten Frösche in unseren Alltag frisst.

Natürlich stimmt die Geschichte mit dem Frosch nicht. Er versucht sich heraus zu strampeln aus dem warmen Wasser. Wir Menschen machen das auch. Die einen geben ihr Studium auf und engagieren sich im Flüchtlingsheim, andere brennen potentielle Flüchtlingsunterkünfte ab. Wieder andere versammeln sich bei den verschiedenen „…gidas“, um aus ihren Ohnmachtsgefühlen herauszukommen.

Ich mache all das nicht, sondern lese, z.B. Hannah Arendt. Sie schreibt, dass Revolutionen eigentlich nie mit einem Plan, wie etwas besser werden könnte, begonnen haben. Letzlich waren alle Rebellionen zu Anfang davon getragen, etwas Altes, verloren Gegangenes wieder bekommen zu wollen. Die alten Sicherheiten wiegen schwerer als das Zutrauen, dass etwas Neues besser werden könnte. Erst im Verlauf des Umbruchs erweisen sich das Gegebene wie das Vergangene als nicht mehr tragfähig. Die Akteure sehen sich plötzlich gezwungen, das gesellschaftliche Zusammenleben völlig neu zu organisieren. Im besten Fall, Arendt nennt als Beispiel die amerikanische Revolution, beginnen die Menschen von ganz unten selbst, darüber zu diskutieren und miteinander Vereinbarungen einzugehen und eine neue „Verfassung“ zu schaffen. Im ungünstigeren Fällen, wie eigentlich in allen europäischen Revolutionen, kam es zu Gegenrevolutionen und unmenschlichen Machtkämpfen.

Bisher stolperten die Menschen auf diese Weise durch die Geschichte und nach turbulenten Zeiten kam auch wieder mehr Gemächlichkeit in ihren Lauf. Wir erleben nun wieder den Wechsel in Richtung der nacheinander aufplatzenden Blasen. Wie die konkret heiß werden und platzen, die Finanzkrise, die Klimakatastrophe, die Flüchtlingskrise, ist dabei eigentlich egal. Wo der nächste Terroranschlag passiert, welcher Staat demnächst mit Drohnen überzogen wird, ist dabei relativ zufällig. Was nicht zufällig ist, ist die Quelle des Feuers unterm Topf. Es ist die räuberische und ausbeuterische Kapitalakkumulationsdynamik, die von ihren sozialen, politischen und ökologischen „Nebenwirkungen“ eingeholt wird. Natürlich wird da auch noch mehr hochgekocht, viele andere Wurzeln von Gewalt und Aggression werden gespeist, von denen man hoffte, dass sie abgestorben wären.

Und es ist auch egal, ob wir das wissen, oder nicht. Wir sind gezwungen, uns in diesem Köcheln zu verhalten. Vielleicht können wir beim Rausstrampeln wenigstens die wenigen geschichtlichen Erfahrungen beherzigen über ein erfolgreiches Rausstrampeln. Die Idee mit dem Sich-Zusammen-hinsetzen und neue Vereinbarungen zu treffen, sollte nicht die Schlechteste sein…