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In einer Leserunde zu Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ gab es oft Auseinandersetzungen über die Bedeutung von Aussagen, die wir heutzutage gar nicht mehr mittragen wollen. Das bezieht sich auf die Erziehung als „Zucht“, auf die Notwendigkeit der Stände, eines Monarchen und auch auf die Rolle des Krieges. Wie können wir mit diesen Texten von Hegel nun umgehen?

Erweist sich die Hegelsche Philosophie damit als von vornherein beschränkt auf gesellschaftliche Zustände, in denen diese Gegebenheiten so vorkommen und aus historischer Sicht dort vielleicht auch ihren Sinn haben – oder hat uns Hegel ganz allgemein auch für gesellschaftliche Verhältnisse, in denen es keine Monarchie und keinen Krieg mehr gibt bzw. geben soll, noch was zu sagen?

Diese Fragestellung kann erst beantwortet werden, wenn wir uns mit einem besonderen Interpretationsproblem der „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ beschäftigt haben. Deshalb wird dazu ein längerer Text vorangestellt.

Gliederung:

Hegel und seine Rechtsphilosophie in ihrer Zeit

Hegels Philosophie ist wohl unwidersprochen eine Philosophie, die „ihre Zeit in Gedanken erfaßt“ (HW 7: 26) hat. Ob sie in ihrer Zeit, dem 19. Jahrhundert, stecken geblieben ist, oder was uns die Allgemeinheit ihrer Systematik heute noch bedeuten kann, ist dagegen umstritten. Der gedruckte Text von Hegels Vorlesungen zur Rechtsphilosophie, die „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ (HW 7), ist nun aber durchaus deutlich zeitbezogen. Während recht lange Zeit bei vielen nicht zuletzt durch diesen Text der Eindruck entstand, Hegel sei ein recht konservativer Verfechter des Status Quo seiner Zeit gewesen, ließ die Veröffentlichung von Mitschriften seiner Studenten aus den Jahren vor und nach dem Erscheinungsdatum der gedruckten Vorlesung mehr und mehr daran zweifeln. Der SPIEGEL 13/1973 meinte sogar, der Druck sei nur ein „Tarnmanuskript für die preußische Zensur“. Diese von Karl-Heinz Ilting, dem Herausgeber der Vorlesungsnachschriften, betonte Interpretation mag zwar vielleicht auch übertrieben sein. Aber sie macht aufmerksam auf die Umstände, in denen die Texte damals in die Öffentlichkeit kamen.

Welche Öffentlichkeit war das? Wir befinden uns in der Zeit, als nach den Befreiungskriegen 1813/15 vieles möglich schien. Der preußische König Friedrich Wilhelm II versprach 1815 eine Verfassung, was politisch einen großen Fortschritt bedeuten würde. Schon vorher waren in Preußen Reformen begonnen worden, die bei Hegel durchaus ein „Vertrauen in die Kraft des Vernünftigen“ (Ilting 1983: 34) nähren konnten. Allerdings setzten sich dann auch verstärkt restaurative Tendenzen durch. Als im März 1819 August von Kotzebue durch den Burschenschaftler Sand ermordet wird, diente dies als Anlass für Beschlüsse (z.B. Karlsbader Beschlüsse) zur Aufhebung der Freiheit der Lehre, der Zensur- und Pressefreiheit und der Vertreibung politisch verdächtiger Professoren. Auch Hegel wurde brieflich angezeigt, was aber nicht weiter verfolgt wurde. Zwei seiner Schüler wurden verhaftet und lange eingekerkert. Die preußischen Zensurbestimmungen vom Oktober 1819 gehen noch über die der Karlsbader Beschlüsse hinaus. In dieser Zeit überarbeitete Hegel den Text für seine Vorlesungsveröffentlichung. Sie erschien im Oktober 1820.

„In seiner zweiten Berliner Vorlesung (Rph III), gehalten nach der Verkündung der Karlsbader Beschlüsse, entschwand ihm die Hoffnung auf Verwirklichung des Vernünftigen bereits in eine fernere Zukunft; und in den veröffentlichten „Grundlinien“ fand er sich dann zu jener scheinbaren Rechtfertigung des Bestehenden bereit, die das Bild seiner „Philosophie des Rechts“ bis in die Gegenwart hinein verzerren sollte.“ (Ilting 1983a: 34)

Dass dies nicht sein gesamtes Denken für immer überschatten konnte, zeigen spätere Belege von ihm und auch ein Gedicht, das er kurz vor seinem Tod schrieb. Der letzte Refrain lautet:

„Und käm’s, wie’s längst mich drängt, doch loszuschlagen;
So wär‘ Dein Ruf ein Pfand, es noch zu wagen,
Mit Hoffnung, daß noch Geister ihm entgegenschlagen;
Und daß es nicht verhall‘ in leere Klagen;
Daß sie’s zum Volk, zum Werk es tragen!“
(Gedicht Hegels vom 27. August 1831, zitiert in Beyer 1988: 77)

Franz Rosenkranz betont eine „Revolutionsfurcht“ (Rosenkranz 1920/2010: 503, 519) bei Hegel. Letztlich wäre es Hegel durchaus lieber, die fortschrittlichen neuen Institutionen könnten sich durch Reformen durchsetzen. Wenn das nicht möglich ist, weiß er aber aus der Geschichte, dass sich das Neue dann stürmisch Bahn bricht. In seiner Geschichtsphilosophie scheint er dem Fortgang des Fortschritts das Veraltete und Rückschrittliche ebenso leicht zu opfern wie das bloß Individuelle. Aber er kennt auch die Trauer um das Verlorene:

„Welcher Reisende ist nicht unter den Ruinen von Karthago, Palmyra, Persepolis, Rom zu Betrachtungen über die Vergänglichkeit der Reiche und Menschen, zur Trauer über ein ehemaliges, kraftvolles und reiches Leben veranlagt worden?“ (HW 12: 97)

Hegels ganzes Leben war ja geprägt von der „geschichtliche[n] Erfahrung, daß sich an die erste Revolution in Frankreich ein Vierteljahrhundert Krieg angeschlossen hat“ (Jaeschke 2003: 56). Letztlich geht es Hegel immer darum, dass sich durch die Wirren der Geschichte das Vernünftige durchsetzt. Jedoch nicht alle Erhebungen und Aufstände sind getrieben von Vernünftigem, sondern nach rufen nach Willkür rufen und verkörpern Fanatismus. Diese Art Revoluzzertum fürchtete Hegel durchaus.

Nicht nur, dass sich das Volk erhebt, macht eine wahre Revolution aus, sondern dass es sich mit den richtigen Gründen erhebt. Diese Lektion von Hegel ist heutzutage wieder hochaktuell.