Hegel schrieb mit den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ kein juristisches Werk, sein Thema waren nicht primär die Gesetze. Sein Thema war die „Philosophie des Rechts“.

Wie macht man nun aber die Philosophie von etwas? Für Hegel bedeutet Philosophieren „jene Idealisierung der Dinge dadurch, daß er [der Geist] die bestimmte Weise erkennt, wie die ihr gemeinsames Prinzip bildende ewige Idee sich in ihnen darstellt“ (HW 10: 22). Es geht also um die Weise, wie die „ihr gemeinsames Prinzip bildende ewige Idee“ sich im Recht darstellt. Dieses Gemeinsame und Ewige ist nicht offenkundig sichtbar. Vor allem nicht, wenn sich in den Wirren der Zeiten vieles als gegensätzlich und widersprechend zeigt. Dann braucht diese Zeit die Philosophie, um die Gegensätze in ihrer Einseitigkeit zu zeigen und jene Einheit begrifflich zu entwickeln, in denen diese Gegensätze ihren gemeinsamen Grund haben. Die Aufgabe der Philosophie ist es also nicht, eine Kluft zwischen dem gegenwärtig Gegebenen und etwa einem idealen Ziel, wie alles anders werden könne, zu eröffnen; sondern im Gegenteil: sie will zeigen, wie das eine Extrem des Gegensatzes im anderen schon immer enthalten ist.

Damit wird schon deutlich, warum es Hegels Philosophieren widerspricht, die Zukunft gegen die Gegenwart ausspielen zu wollen, ein Sollen gegen ein Sein zu stellen.

„Es ist eben diese Stellung der Philosophie zur Wirklichkeit […], daß die Philosophie, weil sie das Ergründen des Vernünftigen ist, eben damit das Erfassen des Gegenwärtigen und Wirklichen, nicht das Aufstellen eines Jenseitigen ist […].“ (HW 7: 24)

Das ist gut, denn etwas, was als Gesolltes, d.h. Anzustrebendes aufgefasst werden könnte, muss dann auch schon im Gegenwärtigen aufzufinden sein. Simone Weil hat mal geschrieben: „Der einzige Umstand, daß wir existieren, daß wir etwas anderes denken und wollen, als das, was existiert, ist für uns ein Grund zu hoffen“ (Weil 1933/1975: 136). Denn als solche anders Denkende und Wollende sind wir ja nicht außerhalb dieser Welt, sondern mitten in ihrer Wirklichkeit! Dies gilt auch und nicht zuletzt für Philosophen.

„Man hat gesagt, die französische Revolution sei von der Philosophie ausgegangen, und nicht ohne Grund hat man die Philosophie Weltweisheit genannt, denn sie ist nicht nur die Wahrheit an und für sich, als reine Wesenheit, sondern auch die Wahrheit, insofern sie in der Weltlichkeit lebendig wird. Man muß sich also nicht dagegen erklären, wenn gesagt wird, daß die Revolution von der Philosophie ihre erste Anregung erhalten habe.“ (HW 12: 527f.)

Wenn man nicht meint, die Anregung komme „von außen“ oder aus einem vom Seienden getrennten Sollen, dann wird auch das philosophisch Gedachte wirkmächtig. Hegel beschreibt das z.B. für die französische Revolution:

„Der Gedanke, der Begriff des Rechts machte sich mit einem Male geltend, und dagegen konnte das alte Gerüst des Unrechts keinen Widerstand leisten. Im Gedanken des Rechts ist also jetzt eine Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr alles basiert sein. Solange die Sonne am Firmamente steht und die Planeten um sie herumkreisen, war das nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf den Kopf, d. i. auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut. Anaxagoras hatte zuerst gesagt, daß der νους die Welt regiert; nun aber erst ist der Mensch dazu gekommen, zu erkennen, daß der Gedanke die geistige Wirklichkeit regieren solle. Es war dieses somit ein herrlicher Sonnenaufgang.“ (HW 12: 529)

Trotzdem kann die Philosophie als Gedanken ihrer eigenen Zeit neben dieser Anregungsfunktion nicht auch noch die Gestaltungsregeln der neuen Zeit, des neuen Tages aufstellen wollen.

„Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und ist nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie.“ (HW 17: 342)

Hannah Arendt beschreibt dies auch für die Amerikanische Revolution. Im Kampf um die Befreiung hatten die Akteure längst noch nicht im Sinne, in welchen Formen sie selbst in Freiheit handeln würden.

„Was schließlich zu Unabhängigkeitserklärungen und der Gründung neuer politischer Körper führte, waren diese Dinge, in denen sich das Handeln vollzog, und nicht die Formel, welche dies Handeln ausgelöst hatte.“ (Arendt 1974: 40)

Heute kämpfen wir (zumindest aus der Sichtweise einer wertkritischen Kapitalismuskritik) um eine Befreiung von der Wert-Vergesellschaftung. Wie die Gesellschaft sich in Freiheit nach dieser Befreiung konstituieren, kann sich nur in diesen Kämpfen herausbilden. Wir können dazu kein Bild des „Sollens“ konstruieren, wir können letztlich nur dort zuschauen und ggf. mitmachen, wo genau dieses Handeln stattfindet (was derzeit häufig unter dem Stichwort „Commons“ kommuniziert wird).Das Mindeste, was das neue Freie verkörpern muss, ist die Abwesenheit von dem, wovon wir uns befreien (Vergesellschaftung, die durch ökonomische Werte (nach Marx) reguliert wird). Das davon Befreite wird jedoch viele Formen annehmen, die heute nicht theoretisch deduzierbar sind.