Was bedeutet es nun, das Recht philosophisch aufzufassen? Unter dem „Recht“ verstehen wir heutzutage fast automatisch etwas Juristisches, z.B. eine gesetzesbezogene Rechtsprechung. Bei Hegel hat es aber eine viel weitere Bedeutung. Da hilft die Umgangssprache eher weiter, als unsere Gewohnheit. Es geht eher darum, im gesellschaftlichen Leben der Menschen etwas als „berechtigt“ nachzuweisen(vgl. Vieweg 2012: 25). Wohl beschäftigt sich auch Hegels Philosophie mit juristischen Festlegungen in Staaten, aber der gesamte Inhalt der „Philosophie des Rechts“ ist weitaus umfangreicher. Sie enthält das, was man unter „Gesellschaftstheorie“ oder „Praktische Philosophie“ erwarten könnte.

Der umfassendste Gegenstand, der alle anderen Momente in sich enthält, ist für Hegel der „Staat“ und damit besteht die Aufgabe der Philosophie des Rechts darin, „den Staat als ein in sich Vernünftiges zu begreifen und darzustellen.“ (HW 7: 26). Es geht dabei um die „geschichtliche Verwirklichung des Vernünftigen in den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen der Gegenwart“ (Ilting 1983b: 30).

P.S. Als „Staat“ sollte man nicht einfach etwas vorstellen, was man bisher unter „Staat“ verstanden hat, sondern letztlich den Hegelschen Begriff denken. Aus diesem Begriff ergeben sich einige definitionsartige Sätze wie: Der Staat ist die „Wirklichkeit […], worin das Individuum seine Freiheit hat und genießt, aber indem es das Wissen, Glauben und Wollen des Allgemeinen ist“ (HW 12: 55). Oder auch: Der Staat ist „das allgemeine geistige Leben […], zu dem die Individuen durch die Geburt sich mit Zutrauen und Gewohnheit verhalten und in dem sie ihr Wesen und ihre Wirklichkeit haben“ (ebd.: 134).

Dabei kommen wir wieder zur Frage, wo wir das Vernünftige finden werden. In einer gesollten Zukunft oder schon der Gegenwart? Hegel gibt eine deutliche Antwort:

„Als philosophische Schrift muß sie im entferntesten davon sein, einen Staat, wie er sein soll, konstruieren zu sollen; die Belehrung, die in ihr liegenkann, kann nicht darauf gehen, den Staat zu belehren, wie er sein soll, sondern vielmehr, wie er, das sittliche Universum, erkannt werden soll.“ (HW 7: 26)

Ein Staat im Hegelschen Sinne ist nicht jedes existierende Gemeinwesen mit dem Namen „Staat“. Was an einem wahren Staat, z.B. im Unterschied zum „Not- und Verstandesstaat“ (HW 7: 340) das Vernünftige ist, das kann aus der Philosophie des Rechts herausgelesen werden. Es gibt dabei einige Mindestanforderungen, wie das Nicht-Getrenntsein von Einzelnem, Besonderem und Allgemeinem und stattdessen das Durchlaufen aller diese drei Momente verbindenden Schlussformen bis zur jeweils höchsten Form. Viele Zwischenstufen erweisen sich als selbst von Hegel kritisiert durch die vorgeordnete Stellung vor der letztlichen vernünftigen Vermittlungsstruktur. Es ist also nicht sinnvoll, irgendeinen Satz von Hegel aus diesem systematischen Zusammenhang zu reißen und zu kritteln „Hegel hat gesagt: „…“ – aber das finde ich schlimm!“. Die Logik nach Hegel erweist sich hier als „Koordinatensystem des Gedankengangs“, wie Vieweg (2012: 36) schreibt, dessen Buch sich als idealer Wegweiser auf diesem Gang empfiehlt.

Es wäre auch nicht vorwärtsweisend, die Philosophie des Rechts „gegen die Folie eines Idealstaates zu halten und Abweichungen wie Übereinstimmungen festzustellen“ (Gessmann 1999: 118).

„Es heißt vielmehr, herauszufinden, was denn der eigentliche Sinn der Regelungen ist, die mit dieser Institution im Ursprung zumindest einmal verbunden war. Was soll damit in Wirklichkeit erreicht werden? Hat man sich diese Frage gestellt, die unter gegebenen Umständen immer wieder neue Gestalt annimmt, kann man anschließend abschätzen, wie vernünftig Arbeit und Aufbau der Institution tatsächlich ist.“ (Gessmann 1999: 118)

Nur in diesem recht verstandenen Sinn können dann tatsächliche Regelungen oder Institutionen bewertet werden. Begreifen bedeutet die Möglichkeit zu negieren.

„Ein Staat, der seinen führenden Köpfen im Vergleich mit der philosophischen Reflexion schal geworden ist, kann nicht bestehen; […] ein Staat muß zusammenbrechen, wenn der Geist sich von dieser seiner Realität abwendet.“ (Hösle 1998: 435)