Beim Lesen der „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ ist oft nicht klar, ob bestimmte Aussagen so etwas wie normative Vorgaben sein sollen für den „wahren“ Staat, oder ob sie bloß das beschreiben, was zu Hegels Zeiten politische Realität war. Vittorio Hösle kennzeichnet diese beiden Möglichkeiten als „normativ“ und „deskriptiv“ (Hösle 1998: 417ff.) und spricht von ihrer „Vermischung“ vgl. auch den Bericht hier). Sören Hoffmann wiederum schreibt vom „apriorische[n] und empirische[n] Moment“ (Hoffmann 2004: 415). Hösle geht davon aus, dass letztlich doch eine normative Idee entstehe, weil Hegel den Staat nach der Struktur des Begriffs konzipiert (Hösle 1998: 422). Dann wäre aber das gesamte System der Hegelschen Philosophie in diesem Sinne „normativ“, was aber nicht stimmt. Hegel spricht sich allzuoft gegen das bloße „Sollen“ aus (siehe Schlemm 2009).

Schnädelbach (2000: 351) spricht von einem „Normativismus eigener Art“. Im Unterschied zum Normativismus bei Kant, bei dem die Idee, also das, was gesollt ist, als etwas Unwirkliches und bloß Regulatives gilt, führt Hegel in der Idee das Subjektive und das Objektive zusammen.

„Hegel überschreitet die Begrenztheiten eines Realismus des Gegebenen wie auch die Einseitigkeiten eines subjektiv-idealistischen Konstruktivismus…“ (Vieweg 2012: 43f.)

Statt Hegel irgendwo einordnen zu wollen als „Mischung“ oder „eigene Art“ wäre zu verstehen, dass Hegel mit seinem Grundanliegen, d.i. das Begreifen der Einheit von Denken und Sein, von Vernunft und Wirklichkeit den zugrunde gelegten Dualismus gerade überschreitet.

Dies erinnert auch daran, welche Funktion Philosophie nach Hegel hat. Letztlich ist das geistige (also das gesellschaftliche) Leben im Unterschied zum (biotisch-) natürlichen davon gekennzeichnet, dass es im Widerspruch gegensätzlicher Momente existiert, dass es Entzweiung und Zerrissenheit kennt.

„Die Tiere leben in Frieden mit sich und den Dingen um sie her, doch die geistige Natur des Menschen treibt die Zweiheit und Zerrissenheit hervor, in deren Widerspruch er sich herumschlägt.“ (HW 13: 135)

Der Mensch ist quasi eine Amphibie, die „auf den Wassern der absoluten Freiheit segelt und zugleich auf dem Boden der Zufälligkeit wandern muss…“ (Vieweg 2012: 49). Deshalb gibt es im Gesellschaftlichen immer eine „Verknüpfung des Vernünftigen und Äußerlich-Zufälligen“ (ebd.). Zu jedem Zeitpunkt des gesellschaftlichen Lebens existieren viele Erscheinungen, und viele davon beruhen auf einer „logischen Tiefenstruktur“ (Vieweg 2012: 36). Bloße Existenz verbürgt noch nicht die vernünftige/freiheitliche Basis, aber im Verlaufe der Zeit setzt sich das Vernünftige/Freiheitliche in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen immer wieder durch und setzt sich an die Spitze der darauf folgenden Entwicklung. Nicht irgendwann in der gewünschten/gesollten Zukunftswelt herrscht das Vernünftige/Freiheitliche, sondern auch heute schon.

Wir können den Tatsachen das Vernünftige/Freiheitliche nicht direkt ansehen, sondern wir müssen dazu ihre Tiefenstruktur begreifen lernen. Dies ist das Thema der „Philosophie des Rechts“.

„Die Rechtsidee ist […] der Schluß, der das überempirische Sollen der Freiheit mit der unmittelbaren Welt zusammenbringt. Das Recht hat den Sinn, Freiheit sozusagen zu materialisieren, und es ist nach Hegel die eigentliche Bedeutung der Rechtsinstitutionen, daseiende Freiheit zu sein.“ (Hoffmann 2004: 418)