Der letzte Beitrag endete mit einem Kommentar zur Rechtsidee, bei der „das überempirische Sollen der Freiheit mit der unmittelbaren Welt“ zusammengebracht werde (Hoffmann 2004: 418). Hegel nennt als Gegenstand der Philosophie des Rechts:

„Die philosophische Rechtswissenschaft hat die Idee des Rechts, den Begriff des Rechts und dessen Verwirklichung zum Gegenstand.“ (HW 7: 29)

Die „Idee“ ist ein Begriff, der in Hegels System am Ende der Logik entwickelt wurde. Es ist diejenige logische Kategorie, bei der ein Begriff sich verwirklicht.

Die Idee ist deshalb „diejenige Wirklichkeit, die nicht irgendeiner außer ihr vorhandenen Vorstellung oder Begriff, sondern ihrem eigenen Begriff entspricht“ (HW 4: 157). Sie stellt damit die „Einheit der Vernunftform des Denkens und der Vernunftform der Wirklichkeit“ (Holz 1997 III: 131) dar.

Der Begriff, der sich in der Idee des Rechts verwirklicht, ist die Freiheit. Die Philosophie des Rechts beschreibt deshalb „die Entwicklung, in deren Verlauf der freie Wille seine Freiheit im Dasein verwirklicht“ (Ilting 1983c: 288).

„Die Idee des Rechts ist die Freiheit, und um wahrhaft aufgefaßt zu werden, muß sie in ihrem Begriff und in dessen Dasein zu erkennen sein.“ (HW 7: 30)

Als Idee ist sie das übergreifend Allgemeine gegenüber ihren Momenten Begriff und Dasein. Jede Interpretation, die nun wieder nach dem Verhältnis von „Normativem“ und „Deskriptiven“ fragt, hat diese übergreifende Einheit schon wieder fallen gelassen und betrachtet das Verhältnis dieser Momente nur verständig, nicht vernünftig (zum Unterschied zwischen Verstand und Vernunft siehe z.B. Schlemm 2012). Das übergreifend Allgemeine ist dabei „das über seinen Gegenstand übergreifende, durch seine Bestimmung hindurchgehende Allgemeine, das in ihr mit ihr identisch ist“ (HW 7: 75).

Es wäre ein gedanklicher Rückschritt, diese Einheit wieder aufzubrechen, indem beispielsweise der begriffliche Anteil als normatives Element und die empirischen Entsprechungen als deskriptives Element gesehen und gegeneinander ausgespielt würden.

„Man kann etwa meinen, es könne ein Rechtssystem und einen Rechtszustand geben, der rein vernünftig – nur vernünftig sei, – Ideal, – man fordert, daß es so sein soll – höchste Forderung. Sie hat Richtiges in sich, aber auch Unrichtiges – Richtiges: die Vernunft soll das Herrschende sein, und ist es in einem gebildeten Staate – im Ganzen auch – mehr Vernunft darin, als man meint, davon ist schon gesprochen; Gegenwart erscheint der Reflexion, besonders dem Eigendünkel als ein Kreuz, allerdings mit Notwendigkeit – die Rose, d. i. die Vernunft in diesem Kreuz lehrt die Philosophie erkennen. Aber Unrichtiges aus dem auch schon Angegebenen. Vernunft in Wirklichkeit tritt in Äußerlichkeit des Daseins – Anwendung, Form des Positiven – weite Sphäre, wo nur der Verstand seine Herrschaft hat, die von der Vernunft frei gelassen ist, gleichgültig so oder so – Naturumstände usf. walten […]“ (HW 7: 42f.)

Das Vernünftige ist für Hegel auch der „innere Puls“, der „in den äußeren Gestaltungen“ schlägt (HW 7: 25), es ist der „Kern mit der bunten Rinde“. Eine vernünftige und nicht bloß verständige Philosophie des Rechts hat demnach die Aufgabe, den inneren Puls von Freiheit und Vernunft in den äußeren Gestaltungen aufzufinden. Die Gestaltungen sind vielfältig und nicht alles wird durch diese philosophische Betrachtung gerechtfertigt. Aber vieles, was in unseren Zeiten eher abgelehnt wird, wie die „Zucht“ der Kinder, die Bedeutung der ehe, der Monarchie und auch des Krieges, wird von Hegel auf genau diese Weise betrachtet. Welche Vernunft steckt darin, welche Form von Freiheit wird dadurch verwirklicht?

Zum Staat schreibt Hegel zum Beispiel:

„Der Staat ist kein Kunstwerk, er steht in der Welt, somit in der Sphäre der Willkür, des Zufalls und des Irrtums; übles Benehmen kann ihn nach vielen Seiten defigurieren. Aber der häßlichste Mensch, der Verbrecher, ein Kranker und Krüppel ist immer noch ein lebender Mensch; das Affirmative, das Leben, besteht trotz des Mangels, und um dieses Affirmative ist es hier zu tun.“ (HW 7: 404)

Das “Affirmative“, um das es Hegel hier geht, hält niemals konkret-historische Realisierungsformen, die „äußeren Gestaltungen“ fest (das zeigt die Negierung aller vorigen Erkenntnisstufen durch die Weltgeschichte am weitentwickeltsten Punkt der Rechtsphilosophie). Es geht um die Erkenntnis des „inneren Pulses“.

Die konkrete Form, die Hegel z.B. für die Erziehung der Kinder vorschlägt, gehört auch eher zu dieser Äußerlichkeit gehören, auch die Deklassierung der Frauen, der Krieg als mögliche Form der Auseinandersetzung zwischen Staaten. Worauf es ankommt, ist das Vernünftige in den Vermittlungsformen, in denen – im immer höheren Verwirklichungsstufen – die Individuen in ihrer Besonderheit zu ihrem Recht kommen, selbst aber aus einem Allgemeinen erwachsen, das ihnen nicht fremd ist.