Ein Schlüsselsatz zum Zusammenhang von Vernunft und damit Freiheit mit der Wirklichkeit ist der vielzitierte Satz aus den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“:

„Was vernünftig ist, das ist wirklich;
und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ (HW 7: 24)

Natürlich weiß Hegel auch, dass in der Realität längst nicht alles vernünftig zugeht: „… wer wäre nicht so klug, um in seiner Umgebung vieles zu sehen, was in der Tat nicht so ist, wie es sein soll?“ (HW 8: 49)

In der eben zitierten „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaft“ (nach der Ausgabe von 1830, also 10 Jahre nach der „Rechtsphilosophie“) gibt Hegel dann eine Verständnisnachhilfe. Er erinnert an die diffizilen Bedeutungsunterschiede seiner Kategorien „Dasein“, „Existenz“ und „Wirklichkeit“ (wobei noch zu ergänzen wären das „Sein“ und die „Realität“, die ebenfalls oft als synonym mit den genannten Kategorien angenommen werden). Schon im Jahr nach dem Erscheinen der „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ schreibt ein Student Hegels deutliche Worte dazu mit: „Man muß das Unausgebildete und das Überreife nur nicht wirklich nennen.“ (PR 1821/22: 37). Denn „Alles, was nicht diese durch den Begriff selbst gesetzte Wirklichkeit ist, ist vorübergehendes Dasein, äußerliche Zufälligkeit, Meinung, wesenlose Erscheinung, Unwahrheit, Täuschung usf.“ (HW 7: 29, § 1).

Vor dem Umschlag der Restaurationstendenzen in die Karlsbader Beschlüsse und die sog. „Demagogenverfolgung“ formulierte es Hegel noch viel drastischer:

„Was vernünftig ist, muß geschehen“ (PR 1817/18: 157)

Das ist durchaus auch geschichtlich gemeint (was sich sowieso aus seiner Philosophie der Geschichte ableiten lässt), und es geht durchaus nicht um ein abstraktes Sollen, sondern ein in der Wirklichkeit begründetes Müssen.

Dieser Ansicht bleibt Hegel treu. Auch 1821/22 meint er in Bezug auf die französische Revolution:

„Das Vernünftige soll gelten. Diese Revolution ist geschehen.“ (PR 1921/22: 234). Weiter: „Wenn der Gedanke ausgesprochen ist, so ist die Welt im ganzen so, daß sie ihn aufnimmt, der Boden ist bereitet. Da[s]s was geschehen soll, soll vernünftig bestimmt sein. […] Die große Revolution ist geschehen, das weitere ist der Zeit zu überlassen. Gott hat Zeit genug, was geschehen soll, wird geschehen.“ (ebd.: 234-235)

Hegel will also nicht etwa das Bestehende verherrlichen, sondern angesichts der bedrückenden Zeitumstände hält er an einer Gewissheit des Fortschritts fest, auch wenn sein Lauf erst mal aufgehalten wurde. Gleichzeitig finden wir hier auch wieder seine Forderung: „Das, was geschehen soll, soll vernünftig bestimmt sein“ – was auch seine Ablehnung von unbedachten radikalen, zu Fanatismus tendierenden Handlungen und Akteuren bestimmt.