Auch in den „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ wird deutlich, dass Hegel im Verlaufe dieser Geschichte davonausgeht, dass das Wirkliche vernünftig werden soll (HW 19: 5001).

Es ist die Aufgabe der Welt, „daß die Idee der Wirklichkeit eingeimpft, immanent sei, daß nicht nur sei eine Menge von glaubenden Herzen, sondern daß aus dem Herzen vielmehr, wie Naturgesetz, so konstituiert werde Leben der Welt, ein Reich, – die Versöhnung Gottes mit sich sich vollbringe in der Welt, nicht als ein Himmelreich, das jenseits ist; sondern muß sich realisieren in der Wirklichkeit. Sie ist nur so für den Geist, für das subjektive Bewußtsein und hat sich also nicht nur im Herzen, sondern zu einem Reiche des wirklichen Bewußtseins zu vollenden.“ (HW 19: 501)

Wie verträgt sich das mit dem berühmten Satz über die immer zu spät kommende „Eule der Minerva“ aus den Grundlinien der Philosophie des Rechts?

„Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat. […]Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ (HW 7: 27-28)

Im Zusammenhang mit der französischen Revolution hatte Hegel schon einmal von einem „herrlichen Sonnenaufgang“ (HW 12: 529) gesprochen, wenn es gelingt, „daß der Gedanke die geistige Wirklichkeit regieren solle“ (ebd., der Zeitpunkt, an dem diese Aussage gemacht wurde, lässt sich hier nicht rekonstruieren). 1818 jedenfalls verweist er ebenso euphorisch auf die Morgenröte: „Diese Morgenröte eines gediegeneren Geistes begrüße ich, rufe ich an, mit ihm nur habe ich es zu tun, indem ich behaupte, daß die Philosophie Gehalt haben müsse, und indem ich diesen Gehalt vor Ihnen entwickeln werde…“ (Hegel 1818: 403f.)

In den „Grundlinien…“ dagegen taucht nur die zu spät kommende „Eule der Minerva“ auf und bestimmt die allermeisten Hegelinterpretationen.

Die anderen Stellen verweisen darauf, dass die Einschränkung die Nachteule ein einseitiges Bild tradiert. Hegel lehnt zwar ein direktes praktisches Engagement der Philosophie als Philosophie ab, aber er selbst schrieb auch politisch eingreifende Artikel, zu denen sein philosophisches Denken die Basis war. Aus der mündlichen Überlieferung gibt es auch den Bericht von Michelet, dass Hegel einer Ergänzung schmunzelnd zugestimmt haben soll:

„Die Eule der Minerva weicht dann auch wieder dem Hahnenschlage eines neu anbrechenden Tages.“ (Hösle 1998: 437)

Ein Blick in Hegels Philosophie der Geschichte hilft hier wieder weiter. Das Begreifen ihrer Zeit kommt erreicht immer dann einen Höhepunkt, wenn diese Zeit bereits an ihr Ende gekommen ist. Dies zeigt er an Sokrates und an Platon. Mit dem vollständigen Erfassen der eigenen Zeit überschreitet der Geist seine bis dahin geltenden Schranken:

Das Tun des Geistes „ist nicht das, zu bleiben, was er ist, sondern sich darüber zu erheben, indem er sich als das, was er ist, erfaßt. […]

Der spätere Geist [ist dadurch ausgezeichnet], daß er weiß, was der frühere ist“ (PR 1818/19: 279-280)

Anders und noch einmal deutlich formuliert:

„Die Geschichte des Geistes ist immer seine Befreiung: das, was er ist, sich zum Gegenstand zu machen, es zu wissen und dadurch sich von ihm zu befreien und somit eine höhere Stufe zu erreichen.“ (PR 1818/19: 280)

Die höhere Stufe des Geistes findet ihre Vollendung aber nicht nur im Denken. Es kommt auch darauf an, dieses neue Denken in der Wirklichkeit zu verankern:

„Ein jedes Volk muß den Kampf bestehen, der bezweckt, den Begriff der Freiheit mit der Wirklichkeit auszugleichen, und zwar in einem notwendigen Stufengange, der in der Natur der Vernunft begründet ist.“ (PR 1918/19: 205)

Dazu noch einmal ein längeres Zitat aus einer Vorlesungsmitschrift:

„Die Philosophie des Rechts bleibt weder bei der Abstraktion noch bei der geschichtlichen Rücksicht stehen, wenn diese der Idee nicht gemäß ist. […] Ist daher der Geist des Volks auf eine höhere Stufe getreten, so haben die Verfassungsmomente, die sich auf frühere Stufen bezogen, keinen Halt mehr. Sie müssen zusammenstürzen und keine Macht vermag sie zu halten. So erkennt die Philosophie, daß nur das Vernünftige geschehen könne, mögen die äußeren, einzelnen Erscheinungen ihm auch noch so sehr zu widerstreben scheinen.“ (PR 1918/19: 206)

Spätestens an solchen, wenn auch sehr seltenen, Stellen kann festgehalten werden, dass es die Hegelsche Rechtsphilosophie „auf Veränderung des Bestehenden aus ist“ (Ilting 1983c: 353). Angesichts noch starker feudaler „Einrichtungen“ gibt Hegel seinen Studenten den Auftrag mit:

„Allenthalben, wo der Geist zu höherem Bewußtsein gekommen, ist der Kampf gegen solche Einrichtungen notwendig. Der Gegenstand der philosophischen Rechtswissenschaft ist der höhere Begriff von der Natur der Freiheit, ohne Rücksicht auf das, was gilt, auf die Vorstellungen der Zeit. Der Boden der Freiheit ist der reine Gedanke.“ (PR 1918/19: 207)

Damit erklärt sich auch, dass die Philosophie des Rechts systematisch in die Weltgeschichte einmündet.

Zwar ist die Zukunft nicht direkt Hegels Thema, er will etwas Zukünftiges oder Gewünschtes/Gesolltes nicht von außen an die Gegenwart herangetragen wissen, aber seine Untersuchung der Vernunft in der Wirklichkeit ist durchaus daran orientiert, das jeweils Beste zu erreichen. Als junger Mann (1801) schrieb er in einem Gedicht (unter dem Titel „Entschluß“, zit. in d’Hondt 1983: 289):

„Strebe, versuche du mehr als das Heut und das Gestern!,

so wirst du Besseres nicht als die Zeit, aber auf’s Beste sie sein!!