Die Idee des Rechts als Gegenstand der Philosophie des Rechts erfordert das Begreifen der Verwirklichung der Vernunft/Freiheit und der Vernünftigkeit/Freiheit der Wirklichkeit ohne Auseinanderreißen von „Normativem“ und „Deskriptivem“. Es geht darum, an einem realen Gegenstand, hier dem gesellschaftlichen Leben und dessen „äußeren Gestaltungen“, den „innere Puls“ (HW 7: 25) aufzufinden. Es geht also um das „Aufdecken der inneren Vernunftgründe, um die immanente Logik der Sache, um den Begriff selbst, um das Fortschreiten und Hervorbringen seiner Bestimmungen“ (Vieweg 2012: 26). Die Methode dieses Aufdeckens folgt einem logischen Gang, der aus Hegels logischen Schriften bekannt ist, den aber nicht alle, die die „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ lesen, zugrunde legen. Die Logik dient letztlich gewissermaßen als „Koordinatensystem des Gedankengangs“ (ebd.: 36) hin zur „inneren Natur“ der Dinge.

Der logische Gedankengang ist dabei kein formales Abarbeiten von Schritten, sondern folgt den inhaltlichen Bestimmungen des zu begreifenden Gegenstandes. Dabei beginnt der Weg aber immer 1. bei den abstraktesten Bestimmungen, d.h. den Gegenständen in ihrer Isoliertheit, sieht sie später 2. verwoben in gegensätzliche Wechselwirkungen und begreift schließlich 3. ihren gemeinsamen Grund, jene Einheit, in der die vorher getrennt vorgestellten oder verständig gedachten Aspekte zu vernünftig begriffenen Momenten in der Reproduktion ihrer jeweils höheren Einheit fungieren (vgl. Schlemm 2010). In diesem Gang erweisen sich alle Durchgangsstufen als negiert (d.h. „kritisiert“) durch die jeweils darauf folgenden Schritte. Vieles, was von Hegel auf einer der früheren Stufen geschrieben wird, lässt sich heutzutage wohlfeil von außen kritisieren. Aber meist wird dabei vernachlässigt, dass Hegel selbst diese Kritik im Weiterschreiten vollzogen hat.

In der Philosophie des Rechts geht es um die Entwicklung der Idee der Freiheit. Der Ausgang vom einzelnen Menschen und seinem Willen und dem seine Persönlichkeit verbürgenden Eigentum kennzeichnet die Stufe des Abstrakten und Isolierten (1.) und wird weiter entwickelt bis hin zum sog. „Sittlichen“ (3.) und dessen höchstem Moment, dem „Staat“.

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Bei allen Interpretationen von Hegels Texten ist deshalb zu beachten, dass nicht das zuerst Analysierte die wirkliche Grundlage dessen ist, was danach analysiert wird. Sondern das zuerst Betrachtete erweist sich als noch unwahre Vorstellung oder Denkform, deren wirkliche Voraussetzungen bzw. Gründe noch implizit verborgen sind und im Verlauf der weiteren Analyse aufgedeckt werden. Erst das „Wahre ist das Ganze“ (HW 3: 24).

Auch wenn hier ein reales Gegenstandsfeld, das gesellschaftliche Leben der Menschen, untersucht wird, schlägt die „Logik“ hier nicht grundsätzlich ins „Historische“ um. Die eben angedeutete „Entwicklung aus dem Begriffe“ entspricht explizit nicht einer „Entwicklung aus historischen Gründen“ (HW 7: 34).

„Aus diesem Gange unserer Betrachtung folgt jedoch nicht im mindesten, daß wir die Sittlichkeit zu etwas der Zeit nach Späterem als das Recht und die Moralität machten oder die Familie und die bürgerliche Gesellschaft für etwas dem Staate in der Wirklichkeit Vorangehendes erklären wollten.“ (HW 10: 171)

Dass innerhalb des Bereichs des Staates die Darstellung in die Weltgeschichte einmündet, hat konkrete inhaltliche Gründe. Das System der Philosophie nach Hegel wird nach diesem Thema weiter geführt mit der Philosophie des absoluten Geistes, in der es um Kunst, Religion und Philosophie geht (für die es jeweils logisch-systematische und historische Vorlesungen gibt).

Die Abfolge des in den meisten Fällen 3 Stufen umfassenden Gedankenganges von 1. über 2. zu 3. kann man auch anhand der Hegelschen Schlusslogik verdeutlichen. In der vollständigen Einheit aller Momente haben wir jeweils den Gegenstand so begriffen, dass er durch keine weiteren ihm äußerlichen Einflüsse mehr bestimmt wird. Er ist eine „Totalität“. Wir hatten schon weiter vorn vom „übergreifend Allgemeinen“ gesprochen. Die konkrete Allgemeinheit umfasst ihr eigenes abstraktes Moment (in dem die enthaltenen Momente als einander gleich betrachtet werden) und dessen Gegenteil, das Besondere (in dem die Unterschiedlichkeit, ja Gegensätzlichkeit der Momente ausgedrückt ist). Es wird auch als „Einzelnes“ in dem Sinne bezeichnet, dass es eben als Totalität auf dieser Betrachtungsebene nicht mehr von anderem abhängig. Die Aufeinanderfolge 1.-2.-3. zeigt sich jetzt als Schluss Allgemeines – Besonderes – Einzelnes (ABE). In der Philosophie des Rechts hilft dieses „Koordinatensystem“ (Vieweg) ungemein, um sich die Stellung bestimmter Kategorien und Argumente zu verdeutlichen. Letztlich geht es immer um das Verhältnis von Individuen in ihrer Gleichartigkeit (abstrakte Allgemeinheit) und Unterschiedlichkeit (Besonderheit) zu den von ihnen gebildeten höheren Einheiten wie Staaten, Völkern und Kulturen.

Die Grobgliederung der Philosophie des Rechts
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Dabei haben die Individuen (logisch, nicht historisch) zuerst einmal eine Beziehung zueinander, indem sie als Gleiche über äußere Sachen miteinander vermitteln. Diese Gleichheit ist im abstrakten Recht (1.) festgehalten. In sich unterteilen sich die Themen des abstrakten Rechts wiederum entsprechend der angedeuteten Dreigliederung. Angesichts historischer Lebensweisen, in denen die Rechte von als gleich angenommenen Individuen nicht gegeben waren, zeigt sich die Vernunft und Freiheit dieser Entfaltungsstufe des Rechts. Es wird aber auch deutlich, dass diese Weise der Verwirklichung von Vernunft und Freiheit letztlich ungenügend ist, deshalb erfolgt der Übergang zur Moralität (2.). Menschen haben als moralische Wesen nicht nur ein Recht, sondern auch einen freien Willen. Das heißt, das Recht wird nicht mehr nur als gegeben hingenommen (wie in 1.), sondern die Menschen geben sich ihr Recht aus freien Willensakten heraus, die auf dieser Stufe der Betrachtung (2.) aus ihrem Gewissen heraus begründet sind. Dieser moralische Standpunkt reicht aber immer noch nicht aus, denn der Wille könnte auch beliebig und willkürlich sein, und nur ein moralisches Sollen gegen ein gegebenens Sein zu fordern, unterschätzt weiter entwickelte Möglichkeiten von Freiheit und Vernunft. In dieser zweiten Stufe begegnen wir typischerweise Vermittlungsformen, bei denen die Momente als getrennte noch auseinander fallen, die letztlich auf ihrem einheitlichen Grund zu begreifen sind. Sollen und Sein, Gewissen und äußere Gegebenheiten fallen in der Moralität noch auseinander. Dies kann nun wiederum nicht befriedigen. Es kommt darauf an, die besonderen Bestimmungen als Momente einer Einheit zu begreifen, in der sich die Momente trotz ihrer Besonderheit durchdringen und nicht mehr äußerlich gegenüber stehen. Diese Einheit ist dann auf der 3. Stufe das übergreifend Allgemeine, das durch seine besonderen Bestimmungen hindurchgeht und mit ihnen identisch ist (vgl. HW 7: 75) – was Hegel als „Sittlichkeit“ (3.) bezeichnet.

Die jeweils letzte, die 3. Stufe ist nicht mehr denkbar, wenn man nur verständig denkt. Das meint ein Denken, bei dem die Bestimmungen, um die es geht, jeweils nacheinander vorgestellt oder gedacht werden und dann quasi nachträglich in Verbindung gebracht werden (das entspricht der 2. Stufe). Sondern die Einheit der Momente ist vorausgesetzt, auch wenn sie ihre Besonderheiten behalten, bzw. durch ihre Besonderheiten und die Bewegung ihrer gegensätzlichen Bestimmungen können sie überhaupt erst die übergreifende Einheit bilden. Wegen dieser Voraussetzung des übergreifend Allgemeinen nennt Hegel dies oft auch das „Substanzielle“. Die Individuen gäbe es ohne das Substanzielle gar nicht, und sie bilden es durch ihre Lebensäußerungen und Taten. Diese Stufe nennt Hegel die „Sittliche“. Letztlich ist es in der Sittlichkeit dann erreicht, wenn für das Individuum das Ganze nicht mehr fremd gegenübersteht, sondern wenn er in allen Vermittlungsformen sich selbst darin findet.

P.S. Heutzutage wird häufig unter „bürgerlicher Gesellschaft“ eher so etwas wie „Zivilgesellschaft“ verstanden auch das Wort „Staat“ trägt nicht mehr die Bedeutung, die Hegel ihm zuschreibt. Werckmeister (2009) versucht deshalb, diese Worte zu ersetzen. Er ersetzt die „bürgerlichen Gesellschaft“ mit „Wirtschaft“ und „Staat“ mit „Gesellschaft“. Das erscheint sinnvoll. Bei der „Gesellschaft“ ist aber zu beachten, dass die Unterscheidung zwischen innerer Verfasstheit unterschiedlicher Gesellschaftsformen und ihrer gegenseitigen Beziehung erhalten bleiben muss, wenn der Übergang zur Weltgeschichte plausibel bleiben soll.