Kommen wir nun zu dem heiklen Thema von Krieg und Frieden bei Hegel. Bei ihm ist der Krieg […] ein philosophisch wesentliches Naturmoment“ (PR 1817/18: 194). Er setzt sich damit, wie auch bei anderen Themen, von den Aufklärern des 18. Jahrhunderts ab, die Krieg als irrational und unnatürlich ansahen. Wie Krysmanski (1993) zeigt, hatte sich die Art von Kriegen um die Jahrhundertwende ins 19.Jahrhundert stark gewandelt. Aus bloß dynastisch-expansionistischen Kriegen wurden Kriege, die „von einem Volk im Dienste einer Idee geführt wurden“. Reicht das für Hegel aus, um nun auch den Krieg in irgendeiner Weise als „vernünftig“ zu kennzeichnen?

Schauen wir auf seine Argumentation. Der Krieg findet seinen Ort in der Systematik von Hegels Gesellschaftstheorie im Bereich des äußeren Staatsrechts. Der konkrete Begriff des Staats enthält zuerst seine unmittelbare Wirklichkeit, die sich im inneren Staatsrecht (3.3.1) zeigt (Verfassung usw.). Es gibt aber nicht nur einen Staat, deshalb müssen sich die verschiedenen Staaten untereinander ins Verhältnis setzen. Dies wird im äußeren Staatsrecht (3.3.2) untersucht. Die Staaten in ihrer konkreten Verfassung und ihrem Verhältnis zueinander sind Momente der Weltgeschichte (3.3.3), was auch deutlich macht, dass der Staat bei Hegel kein absoluter Begriff ist.
PdR 4

Historisch schildert Hannah Arendt für die griechischen Stadtstaaten den Unterschied zwischen innerem und äußerem Staatsrecht. Während demnach die Staats- und Gesellschaftsverfassung sich nach innen ohne Gewalt, sondern auf der Grundlage des „gegenseitigen Sich-Überzeugen[s]“ (Arendt 1974: 11) konstituieren, ist in der der Außenpolitik selbstverständlich Gewalt die Grundlage der Beziehungen.

Dies sieht Hegel nicht so drastisch. Aber die Beziehungen zwischen den Staaten unterscheiden sich trotzdem deutlich von den Beziehungen, die die Individuen im Staat zueinander und zum Staat haben. Innerhalb des Staates beruhen die Beziehungen auf dem „Zutrauen (das zu mehr oder weniger gebildeten Einsicht übergehen kann), das Bewußtsein, daß mein substantielles und besonderes Interesse im Interesse und Zwecke eines Anderen (hier des Staats) als im Verhältnis zu mir als Einzelnem bewahrt und erhalten bleibt“ (HW 7: 413). Die Staaten selbst, sind jedoch „vollkommen selbständige Totalitäten“ (ebd.: 497). Sie sind und verhalten sich zueinander als „unmittelbar Selbständige“ (PR 1818/19: 277). Sie befinden sich deshalb „im Naturzustande gegeneinander“ (HW 7: 499). Wegen diesem Naturzustand ist das äußere Staatsrecht „eine Vermischung von […] Zufälligkeit und Gewalt“ (PR 1817/1818: 190). (Wir befinden uns nicht zufällig wieder in der 2. Stufe der Triade).

Das Verhältnis zwischen den Staaten ist also keins, das vollständig durch Geist und Vernunft bestimmt wäre, sondern hier ist im System die Stelle, in dem auch das, was sich nicht aus dem „inneren Kern“ ableiten lässt, sondern als „Äußeres“ in der Wirklichkeit ist, seinen Auftritt hat. Natürlich geht Hegel davon aus, dass es in dieser Situation vernünftig ist, Verträge zwischen Staaten zu schließen oder auch Bündnisse einzugehen. Aber: der Friede kann dadurch nicht mit Sicherheit verewigt werden. Das Verhältnis zwischen den Staaten „bleibt daher ein Zustand von abwechselnden traktatenmäßigen Frieden und Krieg“ (PR 1818/19: 278). Diese Verhältnisse lassen die Möglichkeit von Kriegen offen und auch diese Möglichkeit gehört zur Verwirklichung des Begriffs des Rechts. Deshalb kann sie nicht einfach kategorisch ausgeschlossen werden, sondern gehört zum Inhalt der Gesellschaftstheorie.

Natürlich kann man dieser Wirklichkeit den Wunsch nach einem ewigen Frieden entgegenstellen, man kann diesen Wunsch zu einem Sollen machen, Hegel untersucht aber die Wirklichkeit, nicht eine Wunschwelt. Diese Wirklichkeit enthält nun aber notwendigerweise die Möglichkeit des Krieges. Wird das nach dem Kapitalismus anders sein, nur weil da die Interessen nicht mehr notwendigerweise konkurrenzartig gegeneinander gerichtet sind?

Dass es diese Möglichkeit gibt, leitet Hegel vor allem daraus ab, dass es keine höhere Einheit als die einzelnen Staaten gibt, ohne dass diese ihre Souveränität verlören, die aber zu ihrem Wesen gehören.

„Es bleibt beim bloßen Sollen des Haltens der Verträge, weil das Grundverhältnis der Staaten immer die Selbständigkeit derselben bleibt. Die letzte Realität fehlt; denn kein Gericht macht das Festgesetzte geltend. Die Subjektivität macht hier allein die Garantie der Traktate. Also gibt es keine andere Entscheidung als Krieg und Frieden.“ (PR 1818/19: 278)

Vielleicht drückt sich auch Hegel manchmal unklar aus, bzw. die Schüler schreiben nicht alle Worte mit. Eine Mitschrift gibt an:

„Die Kriege können von der Moral verworfen werden, sie kann sagen: „Die Kriege sollen nicht sein.“ Aber der Staat ist nicht bloß ein Sollen. Die Kriege müssen vielmehr als notwendig angesehen werden, indem selbständige Völker nebeneinander existieren.“ (PR 1817/18: 192)

Wenn man Hegels Methode des Philosophierens über die Gesellschaft ernst nimmt, kann der letzte Satz eigentlich richtig nur heißen: „Die Möglichkeit von Kriegen muss vielmehr als notwendig angesehen werden, wenn selbständige Völker nebeneinander existieren.“

Wenn wir eine Welt ohne Kriege wollen und als möglich ansehen, müssen wir uns die Frage stellen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit diese von Hegel gedachte Möglichkeit ausgeschlossen wird. Das Ideal sind Beziehungen auch zwischen den Menschengruppen, bei denen die Interessen nicht gegeneinander gerichtet sind, sondern in denen die einen ihre Interessen nur befriedigen können, wenn es die anderen auch können. Eine nichtkapitalistische Welt hebelt die derzeitigen maßgeblichen konkurrenzgetriebenen Interessengegensätze aus. Sind damit alle möglichen anderen Gründe für Interessengegensätze ausgeschlossen? Können nicht auch historisch scheinbar schon überwundene Gegensätze wieder aktuell werden? Wir wirken sich Verhältnisse aus, in denen nicht mehr ein wachsender Energieverbrauch die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte sein kann, wenn die natürlichen Lebensbedingungen durch den Klimawandel chaotischer und härter werden?
Wie können unter diesen Bedingungen die wechselseitigen Verhältnisse der unterschiedlichen Menschengruppen (bzw. je besonderer Zusammenhänge) sich so vermitteln, dass das Gegeneinander ausgeschaltet wird und jedes potentielle Gegeneinander in ein Miteinander verwandelt wird?

Dass zu heutigen Zeiten einer der Hauptgründe für Kriege die imperialen Interessen der Kapitalakkumulationsgesellschaft sind, gehört nicht in die allgemeine Gesellschaftstheorie, verweist aber darauf, dass die konkret-historischen Zusammenhänge in eine weiteren Ebene diskutiert werden müssen: Innerhalb der Weltgeschichte, die sich nach damals allgemeiner Ansicht auch bei Hegel aus den Beziehungen der Staaten gegeneinander entfaltet.

„Nur aus den Gegensätzen der selbständigen Staaten wächst die Geschichte, und allein die Geschichte ist das Band, das diese selbständigen „Individuen“ verbindet.“ (Rosenzweig 1920/2010: 452)

Rosenzweig verweist 1920 auf Marx, der durch die Umbenennung von „Staat“ in „Gesellschaft“ eine neue Möglichkeit des Denkens von deren Beziehungen eröffnete:

„Bei ihm mündete die höchste Sittlichkeit des einzelnen in eine wirklich weltumspannende Gemeinschaft.“ (Rosenzweig 1920/2010: 470)

Noch sind wir aber bei Hegel: Bei ihm ist im Verlauf der Geschichte jeweils ein Volk siegreich, solange es „Träger der gegenwärtigen Entwicklungsstufe des Weltgeistes“ ist (HW 7: 506). Auch wenn man nicht auf den „Geist“ schaut, sondern etwa auf Produktivkräfte, so fand die Höherentwicklung tatsächlich langfristig kaum innerhalb einer Region statt, sondern die Bevölkerungsgruppen bzw. Länder, in denen jeweils der höchste Stand erreicht wurde, wechselten sich ab. Diese gehört dann aber weiter in die Betrachtung der Philosophie der Geschichte, die hier nicht das Thema ist.

Hegel würde selbst nicht auf die Zukunft spekulieren, aber jene, die sich eine Zukunft völlig ohne die Möglichkeit zu Kriegen vorstellen wollen, müssen darüber nachdenken, wie sie die Forderung nach Selbständigkeit (Selbstbestimmung) der jeweiligen Lebenseinheiten (z.B. der Commonsgemeinschaften) mit deren Interaktion zusammendenken und praktisch realisieren. Kann es sein, dass auch diese untereinander und für das Ganze ein Verhältnis entwickeln, wie es für das „innere Staatsrecht“ gilt? Wahrscheinlich wird es aber auch dann Unterschiede geben, die weiter zu bedenken sind: So könnten sich etwa Commonsgemeinschaften bilden, gerade weil sie einen besonderen Bezug zu bestimmten Ressourcen haben (in einem bestimmten Territorium leben, sich um eine nur regional auftretende Ressource wie Gewässer, Küsten, Wälder, Bergbauressourcengebiete etc. kümmern). Hier wird es qualitative Unterschiede geben in den wechselseitigen Verhältnissen a) im Binnenverhältnis und b) im Verhältnis nach außen, gegenüber anderen Commonsgemeinschaften, etwa, wenn diese auch auf die Ressourcen zugreifen wollen. Dass es solche Unterschiede gibt, darauf kann uns der „innere Kern“ der Hegelschen Rechtsphilosophie aufmerksam machen. Wie mit ihnen konkret-historisch umgegangen wird, ist demgegenüber entweder äußerlich oder wird zum Thema der Weltgeschichte.