Weihnachten, das Fest des Friedens, des Lichts… für manche auch die Feier von Christi Geburt.
Ändert sich dadurch irgend was? Öffnen sich Herzen, wenn schon der Verstand immer öfter „zu“ macht?

Wer weiß…

Ich habe jedenfalls ein Buch geschenkt bekommen, das ich gleich an einem Abend durchgeschmökert habe:

„GEHEN, GING, GEGANGEN“
von Jenny Erpenbeck

In Berlin kommt man sicher öfter an verschiedensten Protestgruppen vorbei und ich selber bin da auch schon einfach vorbei gegangen. Aber wenn man ein gerade frisch emeretierter Professor ist, hat man eher einen freien Kopf und viel Zeit, dass da was hängenbleibt. Bei Richard in Jenny Erpenbecks Buch führt das zu dem Versuch, sich den Menschen, die wochenlang auf dem Orianienplatz für ihr Bleiberecht kämpften, zu nähern. Er besucht sie, stellt ihnen Fragen und muss ihnen die Worte fast abringen. So nach und nach taucht er in ihre Welt, eine Welt, vor der wir uns schützen durch Desinteresse, Gesetze und letztendlich Polizeieinsätze.

Richard, der Unterstützer, muss das Hin und Her der ungesicherten Existenzen miterleben. Und er erlebt den Polizeiaufmarsch bei der Umsiedlung der Freunde von einem Heim in ein anderes.

„Was in der Welt wächst und fließt, reicht längst schon für alle, und dennoch findet hier, das sieht Richard an den zwanzig Mannschaftswagen, offenbar ein Überlebenskampf statt. Sollte die Polizie hier tatsächlich für diejenigen Deutschen im Einsatz sein, die so arm sind, dass sie zum Fest nur gestohlene Gänsebraten auftischen können? Eher doch nicht, denkt Richard, denn sonst hätte er längst schon vor der oder jener Bankfiliale 20 Mannschaftswagen sehen müssen und Polizisten in voller Montur, um die Manager, die Milliarden veruntreut haben, herauszutragen. Ja, denkt er, was hier vor sich geht, sieht wie Theater aus, und es ist auch Theater – ist eine künstliche Front, die eine andere, wirklich existierende Front verdeckt.“

Leider können einige Menschen nach dem Theaterbesuch nicht in ihr gemütliches Heim zurückkehren, viele vom Oranienburger Platz müssen sich, nachdem sie abgeschoben werden sollen, auch innerhalb Deutschlands verstecken.

Zuflucht

Dieser Roman lässt sich nicht einfach ins Bücherregal abstellen. Die letzte Seite endet mit dem Abdruck des Spendenkontos des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte.

Die Flüchtlinge können nicht warten, bis wir unsere theoretisch-abstrakten Debatten gepflegt zu Ende gebracht haben, sie können auch nicht warten, bis es auf der Erde andere als kapitalistische Verhältnisse gibt. Manches geht einfach vor… zu Weihnachten und anderswann.