Gasparazzo
Bei der Arbeit an den Texten „Kampf und Logik – Klassenkampf reloaded“ und „Klassenkampf in der kapitalistischen Entwicklungsdynamik“ hatte ich einige Zusammenfassungen zu Begriffen wie „Arbeit“, „Arbeiterklasse“ und „Klassenkampf“ geschrieben, die nicht in dieser Ausführlichkeit in den Texten verwendet wurden. Sie beziehen sich vor allem auf die Beiträge der sog. „autonomen Marxisten“ zu diesen Begriffen. Hier werden sie nachgeliefert (obwohl die Ausarbeitung noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann). (Die Literatur wird in den eben genannten Texten angegeben)

ZeroWorks
Arbeit im Kapitalismus

Das Besondere am Kapitalismus ist für die autonomen Marxisten nicht nur die Ausbeutung der Arbeit und die Aufhebung des Kapitalismus kann nicht in der „Befreiung“ der Arbeit bestehen. Denn auch der Aspekt der konkreten Nützlichkeit, der sich im Gebrauchswert der erzeugten Güter zeigt, ist nicht unbeeinflusst vom Aspekt der abstrakten Arbeit, d.h. der Erzeugung von Wert. Auch die konkrete nützliche Arbeit hat im Kapitalismus die Funktion, die Menschen zu kontrollieren. Arbeit im Kapitalismus ist „keine Art zu leben, sondern der Zwang, sich zu verkaufen, um leben zu können“ (Sbrogiò 2006a: 40; vgl. auch Autonome Versammlung 1974, zit. in Booklet 2006: 59). Wie Tronti schreibt, ist es für die Kritik der so verstandenen Arbeit notwendig, dass sie als entfremdete verstanden wird. „Der einzelne Arbeiter muß seiner eigenen Arbeit gegenüber gleichgültig werden, damit die Arbeiterklasse sie hassen lernen kann.“ (Tronti (1966/71: 64).

„Die Arbeit, die du dir aussuchst, ist eine Sache, die Arbeit, zu der du gezwungen wirst, ist die andere Sache.“ (Sbrogiò 2006b: 50)

Arbeit dient dabei nicht nur der Erwirtschaftung von Mehrwert, sondern eine ihrer Hauptfunktionen ist die gesellschaftliche Kontrolle. Dies erklärt auch, warum angesichts des Vorhandenseins von arbeitssparenden Techniken diese oft bewusst nicht eingesetzt werden (z.B. bei „Food-for-Work“-Projekten) und warum ein großes Interesse daran besteht, trotz der Steigerung der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität den Arbeitszwang für Erwerbslose durchzudrücken und arbeitsloses Einkommen für Nichtkapitalbesitzende zu verhindern.

Einkommen und Produktivität

Abkoppeln der Produktivitssteigerung von den Lohnsteigerungen seit
dem Sieg der „Chicago Boys“ („Monetarismus“ statt „Keynesianismus“, Neoliberalismus…)

Das Abkoppeln der Lohnentwicklung von den Produktivitätssteigerungen seit den 70er Jahren dürfte nicht nur durch das Interesse an Profitsteigerungen zu erklären sein (schließlich hatte das bis dahin auch funktioniert), sondern auch daran, dass bei noch weiter steigenden Löhnen immer mehr Menschen sich der Kontrolle durch den Arbeitszwang immer mehr entzogen hätten, denn auch der Steigerung des Konsums sind natürliche Grenzen gesetzt.
Dieser Strategie der Kontrolle durch Arbeit stellen die autonomen Marxisten das Konzept „Zerowork“, wie sie auch eine Zeitschrift benannten, entgegen.

katzeklein

Nach dem Kapitalismus soll aus der nützlichen Arbeit das werden, was Marx „die volle Entwicklung der Tätigkeit selbst“ (MEW 42: 244) nennt, wobei die „Entwicklung der reichen Individualität“ im Mittelpunkt steht. Dieses Tun verliert die alles kontrollierende Stellung in der Gesellschaft, die die Arbeit jetzt einnimmt.

Mit der dieser Kritik der Arbeit treffen sich die autonomen Marxisten durchaus mit der wertkritischen Interpretation des Kapitalismus – wenn auch mit anderen Begründungen –, da sich beide nicht auf anthropologische Überlegungen einlassen, sondern vor allem an der Charakterisierung und Kritik der kapitalistischen Verhältnisse interessiert sind.

„Arbeiterklasse“

Zuerst einmal ist die Arbeiterklasse „die Klasse, die den kapitalistischen Reichtum produziert, indem sie unbezahlte Arbeit leistet“ (Einleitung 1993: 13). Dass sie unbezahlte Arbeit leisten kann, die von der Klasse der Kapitalisten enteignet wird, hat ihren Grund in ihrer Fähigkeit, mehr Wert zu erzeugen, als ihre Reproduktion erfordert. Die (anderswo) geschilderten Beispiele zeigen, dass dies nicht nur die Lohnarbeitenden betrifft, die nur den Wert ihrer Arbeitskraft als Lohn erhalten und deren Mehrarbeit enteignet wird. Sondern der Kapitalismus beruht immer auch auf nichtentlohnter Arbeit, dieser Anteil wird auch immer größer, je weniger Menschen eine angemessene Lohnarbeit finden können, weil die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt, d.h. für die Mehrwerterzeugung immer weniger Menschen gebraucht werden.

Die zweite Bestimmung der Arbeiterklasse, die vom autonomen Marxismus immer wieder betont ist, ist ihr Kampf gegen ihre Reduktion auf die Reproduktion des Kapitalverhältnisses. Vor allem hier nehmen die klassischen Lohnarbeitenden meist gar nicht die wichtigste Rolle ein. Häufig sind die „noch nicht Integrierten“ am Aktivsten: Neben neu in die Fabriken eingetretene Menschen vom Land oder aus besonders unterprivilegierten Ethnien spielen häufig Frauen in den Kämpfen der Communities bzw. die BäuerInnen in der sog. „Dritten Welt“ oder Studierende eine große Rolle. Was sie eint, sind gerade ihre Kämpfe gegen das Kapitalverhältnis (damit ist die Kategorie der Klassenkämpfe eigentlich die Grundlage für die Bestimmung der Kategorie der Arbeiterklasse, aber für die Bestimmung der Kategorie der Klassenkämpfe muss auch definiert sein, was denn die Arbeiterklasse ist, die kämpft). Historisch hat sich der Name „Arbeiterklasse“ durchgesetzt für durchaus heterogene Kräfte, deren Einheit darin besteht, sich gegen die Kräfte zur Verewigung des Kapitalverhältnisses zu stemmen. (Weil so heterogene Kräfte bezeichnet werden, verzichte ich hier auch darauf, die weibliche Form extra kenntlich zu machen.)

„Für uns aber (wie vor langem schon für Marx) ist die Arbeiterklasse bestimmt durch ihren Kampf gegen das Kapital – und nicht durch ihre Stellung im Produktionszusammenhang.“ (Einleitung 1974: 13)

Die gegen den Kapitalismus kämpfende Klasse ist nichts Feststehendes, sondern verändert sich in den Kampfzyklen selbst immer wieder, umfasst immer wieder andere Interessengruppen, deren Einheit nur in der Entgegensetzung gegenüber den Kapitalinteressen besteht. So sahen z.B. Operaisten der Classe Operaia die Arbeiterklasse als „das Resultat der fortwährenden Interaktion zweier Momente: einerseits der Aufgliederung der Arbeitskraft, die durch die kapitalistische Ordnung erzeugt werde, und andererseits der Arbeitskämpfe, die diese Struktur überwinden wollen.“ (Wright 2005: 91)

Als wichtigste Gegenkraft gegen die Einheit werden von der Kapitalseite immer wieder neue Spaltungen erzeugt. Viele technische Neuerungen sind speziell dazu gedacht, die jeweils bestehenden Kräfte durch Neuorganisation im Interesse der Kapitalseite zu unterminieren. Die autonomen Marxisten und Operaisten prägten für das Verständnis dieser Prozesse den Begriff „Klassenzusammensetzung“ (vgl. kolinko 2001).

Auch der Lohn hat die Funktion, nichtentlohnte Arbeit für die Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft außerhalb der Fabriken unsichtbar zu machen, entweder bei den Frauen, oder in den Communities, in denen Saisonarbeiter sich außerhalb der Saison versorgen.

„Der Lohn ist die illusorischste Beziehung zwischen Arbeit und Kapital, weil er die unbezahlte Arbeit versteckt, d.h. den Teil der Arbeitszeit, den sich das Kapital ohne Gegenleistung aneignet.“ (Caffentzis 1988: 134)

Gemeint ist damit auch informelle Arbeit, sog. Schwarzarbeit, Gefängnisarbeit, die Arbeit Auszubildender usw. (Caffentzis 1998). Seibert nennt als weitere Beispiele die Schattenökonomien der niederkonkurrierten Länder, ausländische Bauarbeiter, Prostituierte und andere „Illegale“ in den Metropolen (Seibert 1999). Überhaupt ist die Ausbeutung der nichtentlohnten Arbeit auf aller Welt einer der kapitalismusimmanenten Auswege aus dem tendenziellen Fall der Profitrate, d.h. des „Endes der Lohnarbeit“ (vgl. Caffentzis 1998). Die autonomen Marxisten sprechen deshalb häufig von der „gesellschaftlichen Fabrik“, um all diese Arbeiten mit zu erfassen, die nicht unter den klassischen Marxschen Ausbeutungsbegriff fallen.

Wie ist es aber möglich, dass der menschliche Faktor, auf dessen Arbeit die eigene Repro-duktion und die Reproduktion des Gesamtsystems beruht, auch gegen diese Reproduktion gerichtet sein kann, über sie hinausweisen kann? Der Unterschied zwischen den beiden Hauptklassen im Kapitalismus, den Produktionsmittelbesitzenden und der Arbeiterklasse, besteht darin, dass die einen nicht außerhalb des Kapitalismus existieren können, die anderen aber schon. Es können Produkte hergestellt werden, auf kooperative Weise im Stoffwechsel mit der Natur ohne Kapitalismus, aber das Kapital kann sich nicht erhalten ohne die Trennung von Produktionsmittel- und Arbeitskraftbesitz. Was auf der Seite der Arbeit kann aber über das Kapitalverhältnis hinausweisen?

Die Arbeit wird von lebendigen Menschen ausgeführt, die mehr sind als ihre Funktion in der Arbeit. Wir haben im theoretischen Teil (siehe z.B. hier) auf die Unterscheidungen von Ruben sowie Knapp und Pfeiffer verwiesen. Auch die autonomen Marxisten betonen, dass die arbeitenden Menschen nur innerhalb der kapitalistischen Arbeit als Arbeitskraft fungieren. Sie können aber gegen ihre Funktion innerhalb der Arbeit kämpfen (Cleaver 2012b).

Cleaver macht das z.B. an einer theoretischen Stelle im „Kapital“ deutlich, wo man es nicht erwarten würde. Innerhalb der Wertformanalyse gibt es die Phase der einfachen Wertform, in der sich der Wert der Ware A im Wert der Ware B ausdrückt. Die Ware A befindet sich in relativer Wertform, die Ware B in der Äquivalentform. Beide Waren nehmen unterschiedliche Rollen ein, deshalb gilt hier nicht bloß die mathematische Äquivalenz der Wertgrößen der beiden Waren. Es kommt auch auf diesen Unterschied der Rollen an: „dieselbe Ware kann also in demselben Wertausdruck nicht gleichzeitig in beiden Formen auftreten“, sondern diese beiden Formen schließen sich „polarisch aus“ (MEW 23: 63). Wenn nun die Ware A die Arbeitskraft ist, die sich verkauft und die Ware B den Lohn (der ihren Wert ausdrückt), so gilt auch nicht bloß die mathematische Äquivalenz ihrer Wertgrößen, sondern die polarische Ausschließung.

„Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine parallele Beziehung. Die ArbeiterInnenklasse versucht aus diesem gegenseitigen Verhältnis zum Kapital auszubrechen – den Spiegel zu zerschlagen –,während das Kapital die Identität der Menschen als ArbeiterInnen aufrechtzuerhalten und auszuweiten versucht.“ (Cleaver 2012a: 284)

Wie ist es aber möglich, dass der menschliche Faktor, auf dessen Arbeit die eigene Reproduktion und die Reproduktion des Gesamtsystems beruht, auch gegen diese Reproduktion gerichtet sein kann, über sie hinausweisen kann? Der Unterschied zwischen den beiden Hauptklassen im Kapitalismus, den Produktionsmittelbesitzenden und der Arbeiterklasse, besteht darin, dass die einen nicht außerhalb des Kapitalismus existieren können, die anderen aber schon. Es können Produkte hergestellt werden, auf kooperative Weise im Stoffwechsel mit der Natur ohne Kapitalismus, aber das Kapital kann sich nicht erhalten ohne die Trennung von Produktionsmittel- und Arbeitskraftbesitz. Was auf der Seite der Arbeit kann aber über das Kapitalverhältnis hinausweisen?

Das, was Ruben unterscheidet als „Verkaufen“ und „Verdingen“ sowie Knapp und Pfeiffer als „Arbeitsvermögen“ und „Arbeitskraft“ das taucht bei den autonomen Marxisten als Unterscheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeiterklasse auf. Arbeitskraft ist dann die Funktion der Arbeiterklasse als Teil des Kapitals – die Arbeiterklasse macht dagegen ihre Autonomie geltend im Kampf gegen das Kapitalverhältnis.

Mario Tronti sieht noch ein anderes Merkmal der Arbeiterklasse als wesentlich an: Demnach beutet der Kapitalist ja nicht nur die individuelle Fähigkeit eins Menschen zur Mehrarbeit aus, sondern insbesondere die gesellschaftliche Potenz der Arbeiter, die von vornherein als gesellschaftliche produzieren. Diese Gesellschaftlichkeit löst ihre Vereinzelung auf und konstituiert die Arbeitenden als Arbeiterklasse: „Die Arbeiter betreten die Fabrik des Kapitalisten schon als Klasse: nur so nämlich kann ihre gesellschaftliche Produktivkraft ausgebeutet werden.“ (Tronti 1966/71: 106)

Cleaver greift an dieser Stelle auch zurück auf die mögliche Unterscheidung der „Klasse an sich“ und der „Klasse für sich“. Die Arbeiterklasse „an sich“ (wobei „an sich“ auch immer gelesen werden kann als „der Möglichkeit nach“) wird zur Arbeiterklasse „für sich“, wenn sie ihre Autonomie als Klasse durch ihre Einheit im Kampf gegen ihre Rolle als Arbeitskraft geltend macht. (Cleaver 2012a: 179)
Wir wollen alles 119Damit können wir auch die beiden Bestimmungen der Arbeiterklasse zusammenbringen. Als Klasse an sich ist sie durch die Gemeinsamkeit in ihrer Tätigkeit zur Reproduktion ihres Lebens und der Gesellschaft bestimmt, zur Klasse für sich wird sie, wenn sie ihre Einheit im Kampf gegen diese Verhältnisse realisiert. Die Arbeiterklasse ist also nur dann wirklich (d.h. „an und für sich“) Arbeiterklasse, wenn sie gegen ihre Existenz als Klasse kämpft (Cleaver 2012a: 179).

Michael Heinrich verwendet ähnliche Unterscheidungen. Er unterscheidet Klassen im strukturellen Sinn „durch ihre Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess“ (Heinrich 2005: 194) und Klassen im historischen Sinn, wenn sich soziale Gruppen im Unterschied zu anderen Klassen begreifen. Ob die strukturelle Klassenlage zu einer historischen Klassenbildung führt, ist dabei unbestimmt, historisch offen.
Holloway beschreibt die Widersprüchlichkeit der Arbeiterklasse in ähnlicher Weise:

„Nur insoweit, als wir nicht die Arbeiterklasse sind, kann das Bedürfnis nach Emanzipation überhaupt gestellt werden. Und dennoch, das Bedürfnis nach Emanzipation kann nur insoweit entstehen, als wir die Arbeiterklasse (von ihren Objekten entrissene Subjekte) sind.“ (Holloway 2002: 167)

Die Autoren des autonomen Marxismus betonen immer wieder, dass es eine Arbeiterklasse nicht als soziologisch bestimmbare Menschengruppe gibt und ihr auch keine festen Merkmale zuzuschreiben sind. Sie lässt sich eher als ein Pol in den Kämpfen bestimmen, die die Dynamik des Kapitalismus bestimmen…

Am weitesten ist wohl der Begriff der Arbeiterklasse von Tronti entwickelt, weil er eine innere Dialektik andeutet:

„Um gegen das Kapital zu kämpfen, muß die Arbeiterklasse gegen sich selbst, insofern sie Kapital ist, kämpfen.“ (Tronti, zitiert in Vorwort 1965)

Weiter „Die Arbeiterklasse „muß sich als ein Besonderes des Kapitals erkennen, wenn sie später als dessen allgemeiner Antagonist auftreten will. Der Gesamtarbeiter stellt sich nicht nur gegen die Maschine, insofern sie konstantes Kapital ist, sondern gegen die Arbeitskraft selbst, insofern sie variables Kapital ist.“ (Tronti 1966/1971: 35)

Ein schönes an die weltweiten Kämpfe gegen die neoliberale Globalisierung anschlussfähiges Wort ist auch die „Würde“. Karl Reitter macht drauf aufmerksam:

„Würde drückt das Bedürfnis aus, jemand anderer zu werden, als es in der Klassenordnung vorgesehen ist…“ (Reitter 2003)

„Klassenkampf“

Harry Cleaver bstimmt Klassenkämpfe im Kapitalismus als Kämpfe darum, ob, wie stark und zu welchem Preis die Warenform durchgesetzt werden kann (Cleaver 2012a: 196).

Zu welchem Preis die Warenform durchgesetzt werden kann, bezieht sich darauf, welchen Anteil die Arbeiterklasse am gesellschaftlichen Reichtum erhält, wie hoch der Preis ihrer Ware Arbeitskraft ist. Diese Kämpfe sind durchaus immanent. Sie führen dazu, dass die Kapitalseite die erhöhten Ausgaben dadurch kompensiert, dass sie die Arbeitsproduktivität steigert (und dadurch eine relative Mehrwertsteigerung ermöglicht). Im Keynesianismus wurde recht erfolgreich eine Strategie umgesetzt, bei der die Lohnentwicklung an die Produktivitätsentwicklung gebunden wurde.

Diese Strategie ist jedoch kein Automatismus, vor allem nach dem Ende des Keynesianismus müssen (und können) höhere Löhne wieder durch direkte Kämpfe wie Streiks erzwungen werden.

Streiken lohnt sich
(Bildquelle)

Wie stark die Warenform durchgesetzt werden kann, bezieht sich vor allem auf Kämpfe um die Länge, die Intensität und die Bedingungen des Arbeitstags, also die Größe des absoluten Mehrwerts. Nachdem bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein die Länge des Arbeitstages um 30-50% verringert werden konnte, gibt es trotz weiter steigender Produktivität jetzt nur noch um minimale Verkürzungen des Arbeitszeitvolumens, wobei die geringere Arbeitszeit sehr ungleich verteilt ist. Die seit den 70er Jahren angezogene Lohnbremse verhindert hier weitgehend die Arbeitszeitreduzierung ohne Lohnausgleich und die Kämpfe für eine Arbeitszeitreduzierung mit Lohnausgleich (etwa für eine allgemeine 30-Stunden-Woche) treten auf der Stelle. Der Grund hierfür ist vielleicht nicht nur im ökonomischen Bereich zu suchen, sondern darin, dass eine gewisse Schwelle an Arbeitszeit nicht unterschritten werden kann, ohne dass die Menschen sich unabhängiger von der Kontrolle durch Arbeit machen.

Damit kommen wir auch dazu, dass Klassenkämpfe zu einem großen Teil auch immer darum geführt werden, ob sich die Warenform überhaupt durchsetzen lässt. Aufgrund der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals erzeugt eine gleichgroße Menge an Arbeit immer weniger Wert. Dies könnte zu einem Sinken der Profitrate führen. Dem wird jedoch das Bestreben entgegen gestellt, immer mehr Arbeit zur Wert und Mehrwerterzeugung einzusetzen. Dies bezieht sich nicht nur auf entlohnte Arbeit, sondern greift mehr und mehr über auch auf unentlohnte Arbeitsformen (z.B. von Frauen, von Subsistenzarbeit in den Communities etc.). Gegen dieses Übergreifen gibt es ständig Kämpfe, die in klassischen Konzepten, die nur die ausgebeutete Lohnarbeit betrachten, übersehen werden. An dieser Stelle werden auch Verweigerung (z.B. Absentismus) und Sabotage als Formen des Klassenkampfes erkenntlich. In den privilegierten Ländern zeigt sich der Kampf ständig auch im persönlichen Bereich: Wenn einige sich der Zumutung entziehen wollen, ihr Leben den Zwängen der Lohnarbeit unterzuordnen, werden sie nicht zuletzt von denen kritisiert, die das getan haben und nicht zulassen, dass sich andere entziehen. Ganz andersartige Kulturen der Verweigerung gibt es vor allem dort, wo neue Menschengruppen in die kapitalistische Arbeit hineingezogen werden, wie z.B. in den 50er und 60er Jahren in Italien (Landarbeiter strömen in die Fabriken) und den USA.

Ende der Traurigkeit