Als ich die Texte über Flucht und Migration und den „Untergang der Menschheit“ geschrieben habe, habe ich der Versuchung widerstanden, die Probleme kleinzureden, weil ich selber Angst davor haben muss, obwohl ich sie im Alltagsleben eigentlich noch nicht spüre. Ich bin aber zu DDR-Zeiten noch so erzogen worden, dass mich das Leid der Fremden nicht kalt lässt und gleichzeitig neige ich dazu, gleich in größeren Zusammenhängen denken, als nur das zu sehen, was unmittelbar vor den Augen liegt.

Aber ich verstehe schon: Viele, die jetzt die Flüchtlinge abwehren, wehren vielleicht nur ihre eigene Angst ab, die sie befällt, weil sie wissen, dass die allermeisten Menschen dieser Welt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in gefährliche Entwicklungen hineingeraten werden und die ersten, denen das passiert ist, die für uns die Boten des Unglücks sind, will man am Liebsten auch außerhalb der Sichtweite haben.

Deshalb hab ich mich durch die traurigen Nachrichten und Informationen gewühlt, habe „im Dreck gebadet“, statt ihn zu meiden. Aber es ist ja nicht nur Harald Welzer, der sein deprimierendes Buch über „Klimakriege“und deren Ausweitung in der Zukunft „in der Hoffnung, dass man Unrecht hat“, geschrieben hat.

Hoffnung
Ich habe in den letzten Tagen meine Literatur über alternative gesellschaftliche Entwicklungen durchforstet danach, ob es darin Anzeichen dafür gibt, dass auch fortschrittliche, das heißt humane und ökologieverträgliche Entwicklungstrends aus den derzeitigen Desastern heraus entwickelt werden können. Die Fallbeispiele in Elinor Ostroms berühmten Buch „Die Verfassung der Allmende“ zeigen z.B., dass es vor allem in Regionen mit knappen und gefährdeten Ressourcen vorteilhaft war und ist, sie als Allmenden, d.h. Commons zu bewirtschaften statt als Privateigentum oder staatlich-öffentliches Gut. Aber ob sich solche Strukturen ausgerechnet aus kriegerisch-aggressiven Situationen heraus überhaupt entwickeln lassen, bleibt offen.

Etwas Anderes fiel mir wieder ein, was ich bisher nur beiläufig zur Kenntnis genommen hatte: die Selbstorganisierung der Menschen im syrisch-kurdischen Gebiet von Rojava. Man hörte von der Stadt Kobane als besonders umkämpfter Stadt, wo die Verteidigung gegen den Islamischen Staat (IS) erstaunlich lange und erfolgreich geführt werden konnte. Beiläufig fielen hier besonders kämpferische Frauen auf. Die Kriegsberichterstattung macht aber letztlich keine Unterschiede. Von unseren Sofas aus sind die Regionen und die Ortsnamen austauschbar, die Milizen aller Seiten können wir auch kaum unterscheiden.

Aber ROJAVA, damit sollten sich wirklich alle beschäftigen, die irgend etwas lernen wollen aus diesem Durcheinander, die Luft holen wollen trotz aller Angst und aller Wut. Hier wird nämlich seit 2012 in all dem Durcheinander versucht, etwas ganz Neues zu entwickeln: Gleichberechtigung, insbesondere zwischen den Geschlechtern, individuelle und Gruppenautonomie, direkte Demokratie, ein kooperativ organisiertes Wirtschaftsleben mit demokratisch verwalteten Rohstoffen. Zyniker können jetzt wieder daherkommen, und auf die Kürze dieses Experiments, die regionale Beschränktheit, die realpolitischen Kompromisse mit Weltmächten im Kampf gegen den IS und vieles mehr verweisen um dieses Experiment abzuwerten.

Aber es gilt wie häufig in diesen Fällen: Die bereits gemachten Erfahrungen beweisen, DASS es GRUNDSÄTZLICH möglich ist, fast aus dem Nichts heraus etwas Hoffnungsvolles aufzubauen, das Millionen Menschen mitreißt, aus ihrer Lethargie reißt und sie selbst das Neue gestalten lässt.

Gleichzeitig lese ich zur Entspannung mal wieder den utopischen Roman „Grüner Mars“ von Kim Stanley Robinson. Dort finde ich in dem für einen noch zu erkämpfenden freien Mars entwickelten Programm:

„Eins: Die Gesellschaft des Mars wird aus vielen unterschiedlichen Kulturen zusammen gesetzt sein….
Zwei: Innerhalb dieses Rahmens von Verschiedenheit muß dennoch gewährleistet sein, daß alle Individuen auf dem Mars gewisse unveräußerliche Rechte haben, einschließlich der materiellen Grundlagen von Existenz, Gesundheitsfürsorge und Gleichheit vor dem Gesetz…“

Und was steht im Gesellschaftsvertrag für Rojava?

„Gegen die Ungleichbehandlung der Religionen, Sprachen, des Glaubens und der Geschlechter; für den Aufbau der Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie in einer gerechten und ökologischen Gesellschaft; für das Erlangen eines pluralistischen, eigenständigen und gemeinsamen Lebens mit allen Teilen einer demokratischen Gesellschaft und ihrem politisch-moralischen Selbstverständnis…“

Das haben die natürlich nicht aus dem utopischen Roman abgeschrieben. Aber interessant finde ich die Tatsache, dass der wohl wichtigste Ideengeber in dieser Region, Abdullah Öcalan, im Gefängnis Bücher von Murray Bookchin gelesen hat, der als Öko-Anarchist bekannt ist. Die daraus entnommenen Ideen spielen eine große Rolle bei der Neuorientierung der von Öcalan inspirierten kurdischen Bewegung. Der „Weltgeist“ nimmt manchmal schon ungewöhnliche Wege😉.

Es wäre doch gelacht, dass diese Übereinstimmung im Grundsätzlichen als Alternative zu einer Welt, in der nur noch geraubt, anderen das Überlebens- (oder gar Flucht-)Recht abgesprochen wird, in der die einen gegen die anderen ausgespielt werden, nicht doch gewinnen könnte. Vielleicht nicht heute oder morgen und gleich überall. Aber wir müssen in diese Richtung gehen und es ist bei allen Kämpfen sicher auch befriedigender, sich trotz aller Schwierigkeiten an solchen Prinzipien und Zielen zu orientieren, als sich den schlechten Tatsachen, dass vieles derzeit in eine andere Richtung treibt, einfach zu unterwerfen.