backup
Ich fragte vorgestern nach Science Fiction Romanen, in denen eine Gesellschaft ohne Geld vorgestellt wird. Einer davon ist „Backup“ von Cory Doctorow. Sein Anti-Held Julius „lebte lange genug, um in den Genuss der Unsterblichkeit zu gelangen“, denn durch ein ständig erneuertes Backup des Gedächtnisinhalts kann jede Person nach dem Sterben ihres aktuellen Körpers in einem neuen Klonkörper wieder „auferstehen“. Julius erwischt es auch bald, er wird erschossen und findet sich in den Konkurrenzkampf zweier Fahrgeschäfte in Disneyworld verwickelt, in dem er bald selbst eine unschöne Rolle spielt.

Eigentlich erfüllt die Welt, in der er lebt, alle Bedingungen früherer Utopien. Der Tod ist abgeschafft, jeder Mensch erhält eine Basisversorgung, es steht „Freie Energie“ zur Verfügung, Menschen organisieren sich in sog. Ad-Hoc-Gruppen als „spontane Zweck- oder Projektgemeinschaften“. Und Geld gibt es auch nicht mehr. Aber es gibt „Woppels“ (in der englischen Version „Whuffies“). Diese zeigen den Wertschätzungsstatus eines Menschen an. Der Woppel-Kontostand steigt, wenn man sich Respekt und Anerkennung verdient, er kann auch sinken, wenn man Mist baut. Und er beeinflusst die Zugangsmöglichkeiten zu besseren Lebensbedingungen.

Eine solche „Reputationsökonomie“ gibt es bereits. Webseiten werden von Google entsprechend ihrer Beliebtheit gerankt, in sozialen Netzwerken gibt es die entsprechenden Zählungen von Zugriffen und Likes, in Diskussionsforen erhalten Beitragende ein Rankingergebnis in Abhängigkeit von ihrer Beliebtheit. Wir erleben, wie sehr das Bedürfnis nach Anerkennung das Verhalten steuern kann. Es braucht kein Geld, um Menschen zu Anstrengungen zu motivieren, wenn die erreichte Anerkennung als neue Währung gilt. Bei Doctorow ist dies – im Unterschied zur „Freien Energie“ und der Abschaffung des Todes – noch der realistischste Teil seiner Utopie.

Aber ist das überhaupt eine Utopie? In der ganzen Geschichte geht es um die Folgen der Konkurrenz, die trotz des abgeschafften Geldes weiterhin wirkt. Es wird zwar nicht angenommen, dass sich alle um eine begrenzte Anzahl Woppel-Punkten bewerben müssten, aber allein die Differenz des jeweils erreichten Punktestandes verändert die konkrete Versorgung mit Lebensmitteln und Wohnungen und z.B. dem Zugang zu Mobilitätsmitteln:

„Mein Woppel war so tief gesunken, dass irgendjemand wohl einfach in den Wagen gestiegen und davongebraust war, weil er begriffen hatte, dass es der Allgemeinheit mehr Nutzen bringen würde, wenn er ihn an meiner Stelle fuhr.“

Die Anzahl der Woppels greift auch stark in die zwischenmenschlichen Beziehungen ein, sie verändert die Wahrnehmung der anderen Menschen. Ohne Woppels kann man zwar essen, trinken und warm schlafen, aber „man wird zur Unperson“.

Die eigene Woppelzahl hängt auch von der Anerkennung der eigenen Ad-Hoc-Gruppe ab. Die Ad-hoc-Gruppe von Julius betreibt ein ehemaliges Fahr“geschäft“ in Disneyworld. Eine benachbarte Attraktion wird von ihrer Ad-Hoc-gruppe gerade vollständig umgestaltet, deren Woppelstand steigt ins Unermessliche. Wenn die eigene Gruppe nicht bald nachzieht, breitet die andere Gruppe ihren Einfluss auch auf das eigene Fahrgeschäft aus. „Man wird uns fertigmachen, wenn wir den Arsch nicht hochkriegen….“ Was für das Auto gilt, gilt auch für die anderen nicht kopier- und teilbaren Ressourcen. Durch die Zuteilung dieser Ressourcen entsprechend Woppelstand ist eine Leistungsorientierung quasi „eingebaut“.

Natürlich, die auf dieser Basis entstandene „Bitchun-Gesellschaft“ (*) ermöglicht für alle ein besseres Leben, als es 99,99999 % der bisherigen Menschen hatten. Es ist eine Utopie. Aber sie ist nicht frei von Leid und Kämpfen und Widersprüchen.

Während sich der Autor überhaupt nicht darum kümmern muss, wie das Backup oder die Freie Energie funktionieren, führt er bei der Bedürfnisbefriedigung nicht auch noch ein Schlaraffenland ein, sondern bedenkt, dass begrenzte Ressourcen auch nach der Abschaffung des Geldes irgendwie „allokiert“ werden müssen. Die Allokation, die sich nach der Wertschätzung entsprechend einer Leistung richtet, scheint eine der gerechtesten zu sein, die je erdacht wurde.

Diese Bitchun-Gesellschaft als mögliche nachkapitalistische Gesellschaft wäre schon eine ziemlich gute „konkrete Utopie“ (also eine, deren Umsetzung den gegebenen Bedingungen entsprechend möglich wäre). Die Allokation begrenzter Ressourcen muss tatsächlich mit neuen Methoden gelöst werden, als sie z.B. von den traditionellen Commons bekannt sind (dort basieren die Gemeinschaften, die sich um die Gemeingüter kümmern, gerade auf sehr langer Vertrautheit, was mit dem Ad-Hoc-Gruppen- und Organisierungsprinzip nicht vereinbar ist). Als Leistungstreiber sollte jedoch auf Konkurrenz verzichtet werden können.

Dass Wertschätzung, Anerkennung und Respekt immer eine Rolle spielen werden, ist sicher, weil das Bedürfnis der Menschen danach fundamental ist. Dass es in quantifizierbaren Punkten gemessen und zur Grundlage der Ressourcenverteilung gemacht wird, ist dagegen nicht notwendig und gehört nicht zu meiner konkreten Utopie…


(*) im amerikanischen Internet-Jargon steht „bitchun“ für „spitze, klasse, hervorragend“, wie eine Anmerkung des Übersetzers mitteilt. Nach dem Erscheinen des Buches hat sich sogar eine Bitchun-Society gegründet, und ein „Whuffie Tracker“ für Skype wurde entwickelt.

P.S. Dieses Buch kann man (z.B. hier) in Englisch auch „ohne Geld“ in einer Creative-Commons-Version downloaden. Die deutsche Übersetzung bei Heyne gibt’s leider nicht als CC-Variante (was hier beschrieben und bedauert wird).

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