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Schon in der begriffsprägenden Geschichte „Utopia“ von Thomas Morus können die „Utopier“ auf Geld verzichten. Denn das Geld bringt nur Übel in die Welt:

„Denn wer sieht nicht, daß Betrug, Diebstahl, Raub, Streit, Aufruhr, Zank, Aufstand, Mord, Verrat und Giftmischerei […] mit der Beseitigung des Geldes alle zusammen absterben müssen und daß überdies auch Furcht, Kummer, Sorgen, Plagen und Nachtwachen in demselben Augenblick wie das Geld verschwinden müßten? Ja, selbst die Armut, deren einziges Übel doch im Geldmangel zu liegen scheint, würde sogleich abnehmen, wenn man das Geld künftig überhaupt beseitigte.“


Heutzutage steckt bereits in den Begriffen der Wirtschaftswissenschaft, dass mensch Geld braucht, um die Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei werden aus den Bedürfnissen der „Bedarf“ und dies beschränkt die Bedürfnisse auf nur jene, die mit „Kaufkraft“ versehen sind. Bei Morus heißt es dazu:

„So leicht ließe sich beschaffen, was zum Leben nötig ist, wenn nicht unser gesegnetes Geld, das doch offenbar dazu erfunden ist, um uns den Zugang zu den lebensnotwendigen Gütern zu eröffnen, in Wirklichkeit uns nur den Weg zu diesen Gütern versperrte!“

Da Geld vor 500 Jahren („Utopia“ wurde 1516 veröffentlicht) noch in Form von Gold und Silber vorlag, kann Morus die Ablehnung des Geldes durch den Umgang mit Gold und Silber verdeutlichen. In Utopia werden die Nachtgeschirre daraus gefertigt und Verbrecher zeigen durch ihre Kennzeichnung Goldringen- und Halsbändern ihre Ehrlosigkeit an.

Die Grundlage für diese Verachtung des Geldes ist eine Wirtschaft, die nicht auf „Knappheit“ beruht, sondern geradezu auf einem Überfluss. Obwohl die Menschen durchschnittlich nur 6 Stunden pro Tag arbeiten, reicht das aus, „weil alle mitarbeiten und auch die Tätigkeiten wegfallen, die sich nur ums Geld drehen: „müssen doch, da wir alle Werte nur am Maßstabe des Geldes messen, vielerlei ganz unnütze und überflüssige Gewerbe betrieben werden, die nur der Verschwendung und Genußsucht dienen!“

Dass alle arbeiten, wird durch Maßnahmen erzwungen, die aus heutiger Sicht recht drastisch wirken. Ohne Arbeit gibt’s kein Essen, nicht mal für Durchreisende.

„Ihr seht schon, es gibt nirgends eine Möglichkeit zum Müßiggang, keinen Vorwand zum Faulenzen.“

Und weil genug da ist, gibt’s auch ausreichend Güter zum Verteilen ohne einen marktförmigen Tausch:

„… in der Mitte eines jeden Quartiers befindet sich ein Markt für Waren aller Art. Dort werden in bestimmte Magazine die Arbeitsprodukte aller Familienverbände zusammengebracht, und in einem Warenspeicher sind die einzelnen Warengattungen für sich gelagert. Dort fordert jeder Familienälteste an, was er und die Seinigen brauchen, und erhält ohne Bezahlung, überhaupt ohne jede Gegenleistung alles, was er verlangt.“

Dass niemand übermäßig viel verlangt, ist demnach nicht zu erwarten.

„Denn wie sollte man auf den Gedanken kommen, es könnte einer überflüssige Forderungen stellen, der doch sicher ist, daß es ihm nie an etwas fehlen wird?“

Genau dasselbe Argument wird im utopischen Roman „Titanus“ von Eberhard del Antonio aus dem Jahr 1959 wiederholt: In einem Gespräch wird gefragt:

„Wenn ich mir nun zwanzig Paar Schuhe hole, niemand kontrolliert das… Ich meine, das fehlt doch den anderen. Es ist doch ungerecht, wenn ich mir mehr Schuhe hole – als Sie! Sie sind doch höher qualifiziert, Ihnen steht mehr zu…“
Sandrino lachte: „Weshalb denn? Jedem steht das zu, was er braucht. Und weil genug vorhanden ist, wird keiner mehr nehmen, als er braucht – oder glauben Sie wirklich, ich würde mich unnötig belasten? Je weniger ich habe, desto einfacher die Pflege…“

So einfach ist das. Warum nur hat sich in den 500 Jahren nichts in diese Richtung getan? Warum denken wir, dass sich vielleicht gerade jetzt etwas tun kann mit dieser Perspektive? Was ist diesmal anders als 1516 und 1959?