FlutEs gießt wie aus Strömen. In unsrer Region braucht der Boden das sogar noch. Aber seit Tagen geistern Unwetterberichte durch die Medien. Das spielt sich nicht mehr ganz weit weg ab, sondern fast nebenan. Ich überlege automatisch: War ich in der Gegend schon mal, die da grad genannt wird? Habe ich Bekannte dort, ist jemand von den Freunden grad da unterwegs? Und die Toten waren Leute wie Du und ich, ich habe nicht nur schemenhafte Vorstellungen von ihnen. Es wird von „zerstörten Existenzen“ derer berichtet, die ihr Leben noch retten konnten. Nein, es geht uns nicht mehr gut. Das Elend ist nicht mehr weit weg. Die Einschläge, mit denen wir auch wir existenziell bedroht werden, kommen immer näher und sie werden immer häufiger.

Ist das nur Zufall oder schlägt da der Klimawandel zu? Müssen die Betroffen nun einfach nur tapfer weiter machen oder sollten wir alle darüber nachdenken, was an unserer Lebensweise mit dazu beiträgt, solch verheerende Unwetter zu erzeugen?

Es ist schon so, dass Wetter nicht direkt vom Klima und seinem Wandel bestimmt wird. Das Wetter beschreibt den „kurzfristigen Zustand der Atmosphäre“, während das Klima für die „über lange Zeiträume wiederkehrenden durchschnittlichen Zustände der Erdatmosphäre“ steht. Aber von der Sache her hängen die kurz- und langfristigen „Zustände der Atmosphäre“ natürlich zusammen und das zeigt sich auch statistisch an der Häufigkeit von bestimmten Wetterlagen.

Statistisch gesehen…

Klimaforscher verwenden für die statistischen Effekte einen Vergleich (Spiegel Online 2012):

Die gewürfelten Zahlen eines Würfels sind zufällig verteilt. Ist der Würfel jedoch gezinkt, tauchen einige Zahlen häufiger auf als die anderen. Beim Wetter und dem Klima ist das ähnlich: Wenn sich im Klimasystem durch die Erderwärmung mehr Energie befindet, so wird es „gezinkt“ und die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wetterlagen verändert sich.

Im folgenden Bild (verändert aus Schönwiese 2006) wird das für die heißen und sehr heißen Wetterperioden gezeigt (eine weitere Erläuterung kann bei Schönwiese 2007 nachgelesen werden):
Klima 4

Es gibt je eine Kurve für die August-Mitteltemperatur im Jahr 1901 (links) und im Jahr 2006 (2006), wobei die Verschiebung dieser Gaußkurve von links nach rechts der Erhöhung der Durchschnittstemperatur entspricht. Die blauen bzw. die roten Flächen geben die Eintrittswahrscheinlichkeit für bestimmte Werte, die auf der x-Achse dargestellt sind (hier 17°C und 22°C), an: Im Jahre 1901 betrug die Wahrscheinlichkeit für das Unterschreiten der Temperatur von 17°C im August 21,6% und diese sank bis zum Jahr 2006 auf 0,3%. Eine höhere Temperatur als 22°C war im Jahr 1901 nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,1% zu erwarten, während diese Wahrscheinlichkeit bis zum Jahr 2016 auf 16,2 % stieg.

Für Jena wird dieser Zusammenhang auch in einer Studie des Bundesumweltamts (2005, Seite 80,81) gezeigt:
Klima_Jena_1Klima_Jena_2

Hier zeigt sich auch eine Abflachung der Kurvenform zwischen 1950 und 2000, was dazu führt, dass die hohen Julitemperaturen noch wahrscheinlicher werden. Ein ehemals extrem seltenes Ereignis ist nun durchschnittlich aller 10 Jahre zu erwarten und wird dadurch zu einem „fast normalen“ Ereignis (ebd.: 82). Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Hitzesommer wie 2003 auftritt, hat sich seit 1970/80 um das Zwanzigfache erhöht (ebd.: 118). Solche Verschiebungen sind neben Hitzeperioden auch für Starkregen, Hochwasser und Stürme zu erwarten und sie werden auch schon beobachtet. Für den Winterniederschlag sieht die entsprechende Veränderung der Wahrscheinlichkeitsverteilung so aus (Schönwiese 2007):
Klima_3

Trotz nicht ganz vollständiger Daten für frühere Jahrzehnte nimmt die Anzahl extremer Kältewellen ab, dafür die von Hitzewellen zu. Auch Starkniederschläge treten öfter auf, vor allem in Regionen, die ansonsten trockener werden. (Wiki Bildungsserver) Die Versicherungen haben sich, wie man an ihrer Verweigerung vieler Versicherungen sieht, bereits darauf eingestellt (vgl. Münchener Rück 2005), und auch wir würden uns lächerlich machen, weiter von einem „Jahrhunderthochwasser“ zu sprechen wie noch 2002. Um ca. 30 % ist die Häufigkeit von Starkregen gestiegen, das bedeutet, dass ungefähr jedes 5. Starkregenereignis auf die Verschiebung der Häufigkeitsverteilung durch den Klimawandel zurückzuführen ist (Behrens 2016; Lehmann, Coumou, Frieler 2015).

Man muss immer wieder sagen, dass extreme Wetterlagen durchaus auch auf natürlichem Wege entstehen können, wie jetzt vor allem durch sog. „blockierte Wetterlagen“. Aber auch diese werden im Verlauf des Klimawandels wahrscheinlicher und damit auch häufiger. Es gilt:

„Der anthropogene Klimawandel macht es also wahrscheinlicher, dass bestimmte Extremereignisse intensiver werden und häufiger auftreten. Umgekehrt lässt es sich aber nicht bei einem einzelnen Extremereignis beweisen, dass es durch die globale Erwärmung bedingt ist.“ (Wiki Bildungsserver)

Physikalische Zusammenhänge

Auch ohne Statistik kann man sich gut vorstellen, dass eine höhere mittlere atmosphärische Temperatur sich auch lokal auswirken wird. Vielleicht würde man intuitiv eher erwarten, dass es überall gleichmäßig „nur“ um die entsprechenden Grade wärmer wird. Aber das Wetter ist nun mal kein „statistischer Durchschnitt“, sondern zeigt sich in lokal durchaus stark veränderlichen Formen. Es wird nicht gleichmäßig wärmer, sondern an einigen Stellen und zu einigen Zeiten wird es wärmer und trockener, und dann wieder stürmischer und nasser. Eine höhere Temperatur ist nicht nur ein Zeichen auf dem Thermometer, sondern bedeutet, dass sich mehr Energie im System befindet. Mit jedem Grad Wärmeanstieg steigt der Wasserdampf in der Luft um 7%, was zu mehr Stürmen führt. Die folgende Abbildung aus Coumou und Rahmstorf (2012: 4) zeigt den Anstieg der durchschnittlichen Temperatur auf der nördlichen Hemisphäre (gepunktete Linie), die Meerestemperatur im tropischen Atlantik (blaue Linie) und die tropischen Stürme im Nordatlantik (rote Linie):
Coumou_Rahmstorf_2014
Bei der Erklärung der derzeitigen Unwetter in Deutschland wird häufig erwähnt, dass das Tiefdruckgebiet erstaunlich lange, d.h. über viele Tage hinweg, sich nicht bewegt, sondern an einer Stelle verharrt. Dadurch bleiben auch die extrem wasserreichen Gewitterregengüssen lange über einem Gebiet und führen zu den verheerenden Überschwemmungen.
Jetstream
Dies wird im Zusammenhang gesehen mit dem schon länger bekannten Effekt, dass erstens der sog. Jetstream sich weniger bewegt als früher und zweitens deshalb Stellen mit einer deutlichen Auslenkung länger das Wetter lokal beeinflussen.

Wahrscheinlich hängt dies mit der Erwärmung der Arktis zusammen. Solche „kritischen“ Großwetterlagen werden seit den späten 70er Jahren, insbesondere im Raum von Südwestdeutschland, häufiger (Caspary 2004). Das Hochwasserrisiko verzehnfachte sich dort seit den 70er Jahren (ebd.). Während wir beim Tauen der Arktis bisher höchstens an die armen Eisbären denken, könnten die aktuellen Ereignisse in Deutschland durchaus auch damit zusammenhängen (Viering 2014; Coumou, Rahmstorf 2012: 4; Coumou et al. 2014; Stadtherr et al. 2016).

„Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das vermehrte Auftreten ortsfester Wetterlagen mit der starken Erwärmung der arktischen Region zusammenhängt“ (Faust 2014)

Gesellschaft im Wandel?

Vielleicht kann die blockierte Großwetterlage sogar als Metapher für die gesellschaftliche Situation gesehen werden. Die sozialen Beziehungen wurden in den letzten Jahrzehnten immer fester an die unternehmerischen Wirtschaftsinteressen gebunden. Es geht nicht nur Profit vor menschliche Interessen, sondern eine ökologisch verträgliche Umgestaltung unserer Lebens- und Produktionsweise wird nachhaltig blockiert, wie auch die aktuellen Entscheidungen zum Abwürgen erneuerbarer Energien im Interesse der fossilen Großkonzerne zeigen. Die Wirtschaft und damit auch verstärkt unsere Lebensperspektiven unterliegen dem Prinzip „Deine Not ist mein Nutzen“, wie es Edward Bellamy schon 1888 (1888/2014: 51) formulierte. Diese Situation wird manchmal durchbrochen, zum Beispiel nach solchen Flutkatastrophen wie 2002 an der Elbe oder 2016 in Süddeutschland. Die Berichte der Menschen aus den Zeiten nach der Flut zeigen, wie euphorisiert sie sind beim gemeinsamen Tun, bei dem eins dem andern hilft und alle gemeinsam diese schwere Zeit durchstehen. Warum geht das nur in diesen Notzeiten? Bellamy kennzeichnet den normalen Kapitalismus als eine Welt, in der, wenn es regnet, jeder seinen eigenen Regenschirm aufspannt und ihn auch noch so hält, dass er auf die Nächsten abtropft. In einer besseren Gesellschaft, die Bellamy für das Jahr 2000 erhoffte, würden dagegen alle Köpfe durch einen einzigen Regenschirm geschützt. Eine Welt vereinzelter Schirme, mit denen eins den andern behindert, blockiert nach über hundert Jahren immer noch gemeinsame Alternativen eines besseren und sicheren Lebens.

Niemanden kann die Häufung von zerstörerischen Wetterextremen wirklich freuen. Die Erfahrungen bei der Nothilfe kann aber vielleicht Blockaden aufbrechen und dazu führen, dass wir uns nicht weiter hinter der Losung: „Nach uns die Sintflut…“ verstecken.

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Quellen:

Behrens, Christoph (2016): Wie Klimawandel und Starkregen zusammenhängen. Süddeutsche Zeitung.

Bellamy, Edward (1888/2014): Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887. Berlin: Holzinger.

Caspary, Hans J. (2004): Zunahme „kritischer“ Wetterlagen als Ursache für die Entstehung extremer Hochwasser in Südwestdeutschland.

Coumou, Dim; Rahmstorf, Stefan (2012): A decade of weather extremes. Nature climate change. March 2012.

Coumou, Dim; Petoukhov, Vladimir; Rahmstorf, Stefan; Petri, Stefan; Schellnhuber, Hans Joachim (2014): Quasi-resonant circulation regimes and hemispheric synchronization of extreme weather in boreal summer. PNAS, vol. 111, no.34. 123331-12336.

Faust, Eberhard (2015): Ändern sich Wettermuster, weil es in der Arktis wärmer wird?

Lehmann, Jascha; Coumou, Dim; Frieler, Jana (2015): Increased record-breaking precipitation events under global warming. Climate Change. October 2015, Vol. 132, Issue 4, pp 501-515.

Münchener Rück (2005): Wetterkatastrophen und Klimawandel. Sind wir noch zu retten? (Flyer).

Schönwiese, Christian-D. (2006): Wird das Klima extremer? Definitionen und Befunde von der globalen bis zur regionalen Ebene.

Schönwiese, Christian-D.(2007): Wird das Klima extremer? Eine statistische Perspektive.

Spiegel Online 2012: Klimawandel-Studie: Extremwetter trägt Handschrift des Menschen.

Stadtherr, Lisa; Coumou, Dim; Petoukhov, Vladimir; Petri, Stefan; Ramstorf, Stefan (2016): Record Balkan floods of 2014 linked to planetary wave resonance. Sci. Adv. 2016.

Umweltbundesamt (2005): Berechnung der Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten von Extremereignissen durch Klimaänderungen – Schwerpunkt Deutschland –.

Viering, Jonas (2014): Mehr Wetterextreme durch Aufschaukeln riesiger Wellen in der Atmosphäre.

Wiki Bildungsserver: Wetterextreme und Klimawandel.

Bild Überschwemmungen:  © Jivee Blau von Wiki-media Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Abbildung Jetstream: Darstellung der globalen Jet-Streams, U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration, Public Domain.