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Ein wichtiger Begriff der Kritischen Psychologie ist die „Handlungsfähigkeit“. Er ist in dieser Theorie bestimmt als „Fähigkeit, im Zusammenschluss mit anderen Verfügung über meine jeweiligen individuell relevanten Lebensbedingungen zu erlangen“ (Holzkamp 1987). Ich brauche, um zu handeln, ja nicht nur meinen Willen dazu, sondern ich muss auch tatsächlich das bewirken können, was ich möchte. Dazu brauche ich die Verfügung über die dazu relevanten Lebensbedingungen. Zum Teil habe ich sie, zum Teil muss ich sie immer wieder neu erlangen und das geht meistens nicht alleine, sondern im Zusammenwirken mit anderen.

Die für mein Handeln notwendigen Lebensbedingungen stehen mir zumindest in der herrschenden Gesellschaft nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. Ich kann nur leben, wenn ich genug Geld verdiene und das kann ich nur, wenn ich demjenigen, der die „Investitionen“ dafür tätigt, Profit bringe. Letztlich kann ich unter diesen Bedingungen meine Interessen eigentlich nur befriedigen, wenn ich anderen damit strukturell schade, also wenn andere meinen Arbeitsplatz nicht haben, wenn andere möglichst zu billigen Löhnen arbeiten müssen, wenn die Natur zerstört wird, damit die Güter für mich bezahlbar bleiben. All diese Bedingungen beschränken mich – aber gleichzeitig sind sie die Grundlage dafür, dass ich unter diesen Bedingungen überhaupt existieren kann.

Ich schaffe diese Bedingungen täglich mit, und muss sie immer wieder in Frage stellen. Wenn ich sie verändern will, muss ich mich mit anderen zusammen tun.

Die alten Konzepte vom Klassenkampf, bei dem davon ausgegangen wird, dass bestimmte Menschengruppen per se gemeinsame Interessen haben und gegen andere Menschengruppen kämpfen, haben ausgespielt. Deshalb werden neue Erfahrungen aufgegriffen und neue Konzepte entwickelt. Drei wichtige Konzepte für eine neue Theorie und Praxis werden von Rahel Sophia Süß in ihrem Buch „Kollektive Handlungsfähigkeit“ aufgegriffen und vorgestellt.

Ich werde zuerst wichtige Aspekte dieser Konzepte referieren und dann zusammenfassen, was dies für die Praxis der Sozialen Selbstverständigung beitragen kann.

Gramscis Hegemonietheorie

Gramsci versteht die Gesellschaft seiner Zeit als Herrschaft, bei der nicht nur ökonomischer Zwang die Ausgebeuteten knechtet, wie eine stark vereinfachte marxistische Vorstellung aussehen könnte, sondern bei der auch der Konsens der Beherrschten, der Ausgebeuteten vorhanden ist. Und dieser Konsens wird nicht nur durch ideologische Vernebelungen ermöglicht, über die man aufklären könnte, um sie zu durchschauen und die „wahren“ Interessen zu entdecken. Nein, der Konsens wird auch dadurch erzeugt, dass die herrschende Gruppe auch die Zustimmung der untergeordneten Gruppe sichert, indem sie deren Forderungen nach und nach auch befriedigt. Wenn sie trotzdem „im entscheidenden Kernbereich der ökonomischen Aktivität“ (Gramsci, zit. in Süß 2015: 38) ihre materielle Grundlage hat, dann kann sie so ihre Hegemonie ausüben. Hegemonie ist dabei immer eine Einheit von Zwang und Konsens, aber weil sie eben nicht nur durchgreifende Unterdrückung und Festlegung der Unterworfenen ist, sondern auf die Zustimmung der Subalternen angewiesen ist, bleibt die Hegemonie immer fragil, sie ist umkämpft und nicht starr.

Es gibt dabei kein Zentrum der Macht mehr, welches durch eine Revolution überrannt und übernommen werden könnte. Die Lage ist eher mit einem „Stellungskrieg“ vergleichbar. Die Subalternen bewegen sich in den Kämpfen um Hegemonie, kämpfen selbst um die Übernahme der Hegemonie.

Gramsci entwickelt auf diese Weise neue Strategien im Umgang mit der kritisierten kapitalistischen Gesellschaftsform, als wir sie aus dem klassischen Marxismus kannten. Bei ihm bleibt die Ökonomie noch die wichtigste Sphäre, auch wenn andere Bereiche des Lebens wie Lebensweise und Kultur in ihrer Bedeutung viel stärker betont werden. Für ihn ist auch eine Partei noch wichtig als „Rahmen für Organisation und Raum für wechselseitige Lehr- und Lernverhältnisse“.

Holzkamps Kritische Psychologie

Rahel Sophia Süß referiert die wichtigsten Begriffe der Kritischen Psychologie nach Klaus Holzkamp, wobei sie in der Einschränkung der jeweiligen individuellen Handlungsfähigkeit durch die gesellschaftlichen Verhältnisse eine zentrale Voraussetzung für so etwas wie eine Revolution sieht. Dabei wird vorausgesetzt, dass es immer möglich ist, die Verfügung über die Lebensbedingungen zu erweitern. Und es ist auch möglich, auf die Erweiterung, zumindest situations- und zweitweise, zu verzichten, um das erreichte Maß an Bedingungsverfügung nicht zu riskieren. Diese beiden Richtungen des Handelns innerhalb eines beschränkten, aber erweiterbaren Handlungsraumes stehen den Menschen immer zur Verfügung. Indem sie als Subjekte begründet entscheiden, in welche Richtungen sie sich bezüglich einer bestimmten Situation bewegen, sind sie Subjekte.

Wenn sie entscheiden, die Verfügung über ihre Bedingungen erweitern zu wollen, so kann das kein Mensch allein, sondern ist auf gemeinsames Handeln angewiesen. Zwar orientiert die Kritische Psychologie darauf, dass jeweils nur das Individuum selbst über die Gründe für sein Handeln entscheiden kann, aber jedes Individuum ist für ein erfolgreiches Ausweiten der Bedingungsverfügung darauf angewiesen, sich mit anderen zusammen zu tun und zu diesem Zweck müssen sie sich über ihre je individuellen Handlungsbegründungen austauschen und Wege finden, durch gemeinsames Tun die Bedingungen so zu verändern, dass sie ihr je individuelles Leben befriedigend führen können.

Die Kritische Psychologie stellt dafür Begriffe zur Verfügung, die es Menschen ermöglichen, so miteinander über diese Situationen, Handlungsmöglichkeiten und -begründungen zu sprechen, dass die Individualität keiner abstrakten Verallgemeinerung zum Opfer fällt, aber trotzdem gemeinsame Handlungsperspektiven eröffnet werden. Die Praxis solcher Gespräche ist zwar noch nicht sehr entfaltet, aber Ansätze dazu gibt es (zusammengefasst z.B. im Wiki: „Soziale Selbstverständigung“, siehe neuerdings auch Bader, Weber 2016) und auf der diesjährigen Ferienuni „Kritische Psychologie“ wird es Gelegenheit zur Erprobung und Auswertung von solchen Gesprächen geben.

Die diskursive Wende von Laclau/Mouffe

Ernest Laclau und Chantal Mouffe versuchten in ihrem richtungsweisenden Buch „Hegemonie und radikale Demokratie“ von 1985 die neuen Gegebenheiten seit den 60er und 70er Jahren zu verarbeiten und neue Orientierungen zu geben. Ihr Konzept wird wegen der Abwendung vom Primat der Ökonomie dem Postmarxismus zugeordnet, sie erneuern auch die Hegemonietheorie von Gramsci (vgl. auch Laclau, Mouffe 2010).

Sie gehen davon aus, dass die vorliegenden Kämpfe sich nicht mehr nur als klassenbezogene Kämpfe verstehen lassen, sondern dass es mehr um Identitäten geht, anhand derer Ein- und Ausschluss stattfindet. Diese Identitäten sind vor allem kulturell definiert und die Klassen als soziale Identitätsform verliert ihr „ontologisches Privileg“. Die Identität der Subjekte ist nicht aus ihrer Lage oder Position vorgegeben, sondern sie bildet sich erst innerhalb ihrer Praxen, die vor allem als Diskurse verstanden werden. Das Ziel besteht nicht in der Aufrechterhaltung oder gar Stärkung dieser Identitäten, sondern das Konzept ist in dem Sinne „postidentitär“, dass es eine paradoxe Form der Selbstinfragestellung der eigenen Identität hinsichtlich ihrer Grenzen und Grundlagen, indem beispielsweise die blinden Flecken der eigenen Politik und Ausschließungen hinterfragt werden (Süß 2015: 154), anstrebt.

Dabei tritt den Menschen kein geschlossenes gegnerisches System gegenüber, sondern sie bewegen sich in einem Feld, in dem verschiedene Diskurse geführt werden, mit denen um die Hegemonie gerungen wird. Diskurse sind nicht auf die Sprache begrenzt, sondern es geht allgemein um die jeweilige Sinndeutung von sozialen Objekten, Subjekten, Zuständen oder Praktiken (Nonhoff, zitiert in Süß 2015: 129). Es gibt deshalb auch kein „System Kapitalismus“, sondern nur „nur kapitalistische Verhältnisse, die in hegemoniale Formationen eingebettet sind (nach Laclau, Süß 2015: 131).

„Das Soziale als diskursiv verfasst zu begreifen, macht es hinfällig, von der Gesellschaft in objektiver Weise zu sprechen.“ (Laclau, zit. in Süß 2015: 130)

Damit soll das Denken über die Wirklichkeit ermöglichen, ihre Veränderbarkeit zu denken.

„Sie machen […] deutlich, dass soziale Wirklichkeit und die jeweils relevanten und machtvollen Kategorien und Relationen immer als das historische Ergebnis von politischen Prozessen gelesen werden müssen.“ (Glasze, Mattissek 2009: 156)

Ausgeblendet bleiben nun wiederum durch die Abwertung des Ökonomischen die Eigentumsverhältnisse, so dass es erscheint, als könnten beliebige Praxen mit unterschiedlichen Zielen allein aufgrund bestimmter hegemonialer Verschiebungen verwirklicht werden.

(Dabei könnten wohl auch Eigentumsverhältnisse diskursiv reinterpretiert werden, denn was anderes als soziale Konstruktionen sind denn solche Festlegungen wie „Eigentum“, d.h. das Ausschließen der Nicht-Eigentümer an der Nutzung bestimmter Güter? Das Verbrennen oder das Löschen der entsprechenden Daten von Eigentumstiteln kann auch als diskursive Praxis gedacht werden. Allerdings weitet sich die Bedeutung von „Diskurs“ dann doch zu weit ins zu Unbestimmte aus, um noch fruchtbar zu sein. Dies zeigt sich vor allem daran, dass die widersprüchliche Prozessualität der Identitäts(neu)bildungen und hegemonialen Diskurse anthropologisch allgemein, also überhistorisch, bestimmt sind und keine Unterscheidung von gesellschaftlichen Grundqualitäten entsprechend den früher angenommenen Gesellschaftsformationen mehr getroffen wird.)

Mit dem Begriff der Hegemonie wird auch ausgedrückt, dass hegemoniale Strukturen niemals vollständig das Handeln der Menschen determinieren, sondern immer unvollständig sind. Diese Begründung der Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten unterscheidet sich demnach von derjenigen von Holzkamp, der die gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsnotwendigkeiten in Bezug setzt zu den individuellen gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten (Holzkamp 1988: 35).

Für eine radikale Praxis ist es notwendig, dass sich die kritischen AkteurInnen trotz bzw. wegen ihrer partikulären Anliegen zusammenschließen und dazu eine Form finden, bei der ihre Besonderheit nicht zerstört wird. Radikale Politik muss sogar Pluralität garantieren und die Ausweitung und Freisetzung von Unterschieden fördern (Stefan, Süß 2015: 156).

„Das radikal-widerständige Potenzial beginnt dann dort, wo Erfahrungen des Ausschlusses erkannt werden und bedeutet auch, zu insistieren, zu widerstehen, zu widersprechen gegen alles, was meine Unterwerfung unter diese Ausschlussmechanismen – unter eine Identität (z.B. Frau, Mann, Arbeiter_in oder Migrant_in) – sicherstellt.“ (ebd.: 157)

Sie unterstellen dem Marxismus, als Ziel eine „völlig versöhnte“ Gesellschaft gehabt zu haben (Laclau, Mouffe 2010) und sehen demgegenüber, dass es immer Entscheidungen geben wird, die nicht vollkommen rational sein können. Soziale Konflikte werden niemals vollständig befriedet, sondern in einem demokratischen pluralen Prozess wird sich das Soziale auf dem Politischen gründen.

Soziale Selbstverständigung

Die genannten drei Konzepte (Gramsci, Holzkamp, Laclau/Mouffe) gehen davon aus, dass die Macht- und Herrschaftsverhältnisse den Menschen nicht äußerlich sind, sondern dass sie durch die Subjekte hindurchlaufen und durch diese stabilisiert und reproduziert werden (Süß 2015: 167). Schon Gramsci erkennt den Alltagsverstand als doppelten: einerseits ermöglicht er das Nachvollziehen des Vorgegebenen, andererseits gibt es in ihm Ansätze für widerständige Praxis. Obwohl allen Menschen die Fähigkeit gegeben ist, die Zustände als herrschende zu durchschauen, sind diese meist limitiert. Einige Menschen, die organischen Intellektuellen, arbeiten neue Weltauffassungen aus, welche die bestehenden Verhältnisse in Frage stellen, und organisieren die Zustimmung dafür. Für Gramsci ist dann vor allem die Partei der Raum für wechselseitige Lehr- und Lernverhältnisse.

Die Kritische Psychologie stellt Kategorien zur Verfügung, die es Menschen ermöglichen, ihre „ Unmittelbarkeitsverhaftung“ durch die bewusste Durchdringung unmittelbaren Erfahrungswelten auf ihre gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit zu durchbrechen. Das Ziel ist dabei die „Durchdringung der bürgerlichen Privatexistenz in Richtung auf kollektive, unmittelbar gesellschaftliche Praxis“ (Holzkamp 1979, ein Tippfehler wurde korrigiert).

Auch Laclau und Mouffe betonen, dass die Identitäten der Subjekte selbst erst innerhalb einer diskursiven Artikulation innerhalb von hegemonialen Kämpfen entstehen. Dabei geht es nicht darum, eine neue feste Identität zu entwickeln, sondern die eigene Identität hinsichtlich ihrer Grenzen und Grundlagen, indem beispielsweise die blinden Flecken der eigenen Politik und Ausschließungen (Süß 2015: 154) zu hinterfragen.

Menschen sind also nicht per se durch ihre Position oder Lage kritisch gegenüber den herrschenden Verhältnissen, sondern sie werden es innerhalb von Praxen, die es ihnen ermöglichen, die widersprüchlichen Handlungsbedingungen zu verstehen und eine bewusste Entscheidung zwischen anpassenden oder für eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten kämpfenden Verhaltensweisen zu treffen.

„Praxen des Zuhörens und der Übersetzung, die die vorherrschenden und gegenwärtigen Differenzen bemerken und an ihrer Verschiebung, Überschreitung sich praktisch beteiligen möchten: Ein Zuhören- um-zu-Antworten, das Möglichkeiten eröffnet, in die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Gewalt- und Repressionsformen grundlegend und direkt zu intervenieren.“ (Kubaczek, Süß 2015: 69f.)

Es gilt nun, Gelegenheiten ein solches Sprechen, Zuhören und Lernen, für eine schöpferische Selbstveränderung und Veränderung der gesellschaftlichen Gegebenheiten zu suchen und zu schaffen.

Literatur

Bader, Kurt; Weber, Klaus (Hg., 2016): Alltägliche Lebensführung. Hamburg: Argument-Verlag.

Glasze, Georg; Mattissek, Annika (2009): Die Hegemonie- und Diskurstheorie von Laclau und Mouffe. In: Georg Glasze, Annika Mattissek (Hg.): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld: transcript Verlag. S. 153-179.

Holzkamp, Klaus (1979): Wie kommt die Psychologie zur Praxis? In: Psychologie Heute, Nr. 6, Juni 1979.

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt, New York: Campus.

Holzkamp, Klaus (1987): Grundkonzepte der Kritischen Psychologie. In: Edition Diesterweg-Hochschule, Heft 1. Reprint in: AG Gewerkschaftliche Schulung und Lehrerfortbildung (Hrsg., 1987): Wi(e) die Anpassung. Texte der Kritischen Psycholoigie zu Schule und Erziehung. Verlag Schulze-Soltau, S. 13-19.

Holzkamp, Klaus (1988): Die Entwicklung der Kritischen Psychologie zur Subjektwissenschaft. In: Klaus Holzkamp: Schriften I. Normierung. Ausgrenzung. Widerstand. Hamburg: Argument-Verlag. 1997. S. 19-39.

Kubaczek, Niki; Süß, Rahel Sophia Süß (2015): Fragment I: Formen der Gewalt, Formen des Gemeinsamen. In: Rahel Sophia Süß: Kollektive Handlungsfähigkeit. Gramsci – Holzkamp -Laclau/Mouffe. Wien, Berlin: Verlag Turia + Kant. S. 68-70.

Laclau, Ernesto; Mouffe, Chantal (2010): Hegemonie, Macht und Rechtspopulismus. Ein Gespräch mit Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. In: episteme. Online-Magazin für eine Philosophie der Praxis.

Schlemm, Annette (2014ff.): Soziale Selbstverständigung. Wiki der Zukunftswerkstatt Jena.

Stefan, Barbara; Süß, Rahel Sophia (2015): Fragment III: Was sie zu sein hindert. In: Rahel Sophia Süß: Kollektive Handlungsfähigkeit. Gramsci – Holzkamp -Laclau/Mouffe. Wien, Berlin: Verlag Turia + Kant. S. 155-157.

Süß, Rahel Sophia Süß (2015): Kollektive Handlungsfähigkeit. Gramsci – Holzkamp -Laclau/Mouffe. Wien, Berlin: Verlag Turia + Kant.