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Die „Kritische Psychologie“ hat ein ganzes System von Kategorien entwickelt, bei denen es nicht mehr darum gehen soll, aus Sicht von PsychologieexpertInnen über andere Menschen zu sprechen, sondern allen Begriffe in die Hand zu geben, mit der sie ihre eigene Selbst- und Welterfahrung besser verstehen können. Es geht um die „Selbstverständigung über die interessengeleiteten Beweggründe und Konsequenzen meines je eigenen Handelns in kritischen Lebenssituationen“. (Holzkamp 1996: 166)

Das Buch „Grundlegung der Psychologie“ (Holzkamp 1983) ist theoretisch sehr anspruchsvoll und trotz aufklärender Handreichungen wie „Die „Grundlegung der Psychologie“ lesen“ von Stefan Meretz (2012) oder des Versuchs der „Einführung in die Kritische Psychologie“ von Morus Markard (2009) blieb bisher oft unklar, wie diese Begriffe zur angestrebten Selbstverständigung genutzt werden können.

Ein neues Büchlein kann hier ein Stück weiter helfen. In ihm wurden Beiträge zum Thema „Alltägliche Lebensführung“ aus der Sicht der Kritischen Psychologie zusammen getragen. Kurt Bader und Klaus Weber stellen mehrere Beiträge von ihnen selbst, von Ute Ostkamp, Klaus Holzkamp, Ole Dreier, Frigga Haug und anderen zusammen, die vielfältige Herangehensweisen und Erfahrungen zeigen.

Das Konzept der „alltäglichen Lebensführung“ in der Kritischen Psychologie

Die Begriffe „Lebensführung“ oder „Alltag“ tauchen in der „Grundlegung der Psychologie“ von Klaus Holzkamp (1983) noch nicht im Glossar auf. Er entwickelte dort Kategorien für das Erfassen der Vermittlungsebenen zwischen Individuen und der Gesellschaft wie Position und Lebenslage, aber die alltägliche Lebensführung wurde erst am Ende seines Lebens in den 90er Jahren für ihn zum Thema und wird seitdem weiter entwickelt. Klaus Holzkamp hatte selbst festgestellt, dass das Lernen von Studierenden sehr stark von ihren alltäglichen Lebensverhältnissen und -aktivitäten abhängt und diese Vermittlungsebene in seiner Theorie noch nicht ausgearbeitet worden war (Holzkamp 1995).

Zuerst hatte sich die Kritische Psychologie grundsätzlich auf den Standpunkt des individuellen Subjekts gestellt und Begriffe entwickelt, mit denen das Individuum (also „je ich“) seine Befindlichkeit und seine Handlungsmöglichkeiten in und gegenüber der Welt verstehen kann. Dann zeigte sich mehr und mehr, dass sich jeder Mensch immer innerhalb von konkreten Lebensführungsprozessen befindet. Er sitzt nicht wie „Der Denker“ von Rodin einfach nur da und reflektiert über sein Leben; auch Gespräche mit Therapeuten sind eingebettet in seine alltägliche Lebensführung. Deshalb musste das Konzept in diese Richtung weiter entwickelt werden.

Das psychische Befinden und das wie auch immer begründete Handeln von Menschen findet nicht im luftleeren Raum statt. Menschen befinden sich in konkreten Situationen und diese sind „ein besonderer Teil ihres Alltagslebens“ (Dreier 2016). Das allgemeine Konzept, mit dem die Kritische Psychologie diese konkreten Bestimmungen erfasst, ist das der „Lebensführung“. Der Mensch steht nicht unvermittelt in Beziehung zur Gesellschaft – die Gesellschaft wirkt nicht als abstraktes Gebilde auf ihn ein. Wie Menschen ihr Leben führen, wie sie sich „zu den konkreten Anforderungen, Zumutungen etc. in der einen oder anderen Weise“ verhalten (Osterkamp 2016), ist eine wichtige Vermittlungsstufe im Verhältnis von Menschen zu ihrer Gesellschaft. Wenn es um die Frage geht, „warum die Menschen bestimmte Dinge tun und was sie dabei denken und fühlen“ (Bader 2016), so ist ihre alltägliche Lebensführung maßgeblich.

Die alltägliche Lebensführung wird zuerst einmal in ihrem Unterschied zum Lebenslauf gesehen. Während beim Lebenslauf, d.h. der Biographie vor allem die Veränderung im Laufe der Zeit betrachtet wird, so geht es in der alltäglichen Lebensführung um das, was sich immer wieder wiederholt. Aber auch in dieser Wiederholung wird das Subjektive, also die Möglichkeit, etwas so oder so zu erledigen, nicht aufgehoben. Es ist immerhin der Mensch selbst, der die Anforderungen aus den verschiedenen Lebensbereichen aufeinander abstimmt und die Handlungen dementsprechend koordiniert. Auch die alltägliche Lebensführung ist „nicht durch die gesellschaftlichen Verhältnisse „bedingt“, sondern lediglich in ihnen als Handlungsmöglichkeiten „begründet““ (Holzkamp 1995). Ich muss jeden Morgen aufstehen – aber wie und wann genau, das bestimme ich.

Klaus Holzkamp unterscheidet diese alltägliche Lebensführung mit ihrem in ihrem zyklischen Verlauf außerdem vom „eigentlichen“ Leben. Das Alltägliche erscheint ihm als beschränkt, es führt zum „Verhaftetsein im Naheliegenden“ (ebd.) – nur aus der Sicht des „Eigentlichen“, das er u.a. als „Produktivität, Rausch, Glück, Sinnerfüllung, gemeinsamer Kampf“ bestimmt, erscheint dieses Naheliegende, Unmittelbare als beschränkt. Dieser Hinweis kann aufgegriffen werden, wenn es darum geht, zu überlegen, wie in sozialen Selbstverständigungsprozessen die Unmittelbarkeit überschritten werden kann.

Probleme in einer Gesellschaft mit Ausgrenzung, Unterdrückung und Ausbeutung

Das psychische Befinden und die Handlungsmöglichkeiten von Menschen sind zwar nicht direkt ableitbar aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, aber diese führen strukturell durchaus zu Beschränkungen. Im Kapitalismus haben diese Schranken eine bestimmte historische Form, die mit vielen Problemen der Individuen im Rahmen ihrer Lebensführung zusammenhängen. Die „Kritik der Politischen Ökonomie“ nach Marx und neuere Konzepte beschäftigen sich intensiv mit den strukturellen Gegebenheiten dieser Gesellschaftsform. Das Wesentliche des Mensch-Seins, d.h. die Tatsache, dass menschliche Handlungsmöglichkeiten nicht direkt aus den gesellschaftlichen Systemgesetzen ableitbar sind, sondern ihnen eben als Möglichkeiten, so oder auch anders zu handeln, begegnen, ist dabei aber nicht aufgehoben. Die Kritische Psychologie schaut auf das Verhältnis zwischen Individuen und Gesellschaft aus der Richtung der Individuen und betont von daher die Möglichkeitsbeziehung. Sie möchte die „Möglichkeiten auf den Begriff bringen“ (Markard 2009), die einerseits Möglichkeiten der Erweiterung der Lebensqualität durch das Überschreiten der gegebenen, einschränkenden Bedingungen thematisieren, aber andererseits auch das Verhalten unter einschränkenden Bedingungen, das diese Bedingungen aufrechterhält, begreifbar und damit überschreitbar machen.

Dabei geht es nicht darum, dass einige ExpertInnen das Verhalten „der“ Menschen verstehen und Theorien darüber aufstellen. Es geht darum, für die Individuen Konzepte und Begriffe zur Verfügung zu stellen, mit denen sie selbst ihr Handeln besser verstehen können und dadurch bewusster handeln können. Dazu gehört natürlich, dass die Beteiligten sich mit den Begriffen und dem Konzept der Kritischen Psychologie als Subjektwissenschaft vertraut machen, um sie selbst nutzen zu können für ihr Sprechen und Denken über ihre Probleme, statt das den scheinbaren ExpertInnen zu überlassen. Die AutorInnen des Buches, das den Anlass für diesen Blogbeitrag gibt, deuten an, wie schwer das ist. Heinz Mölders berichtet z.B. von Multiloog-Gesprächen, dass die Beteiligten „keine Lust (mehr)“ hatten, „mit mir Meta- bzw. Verfahrensdiskussionen zu führen“ (Mölders 2012). Letztlich sind es eher Fachleute, die darüber schreiben, wie sie mit den Inhalten der Kritischen Psychologie praktisch wirksam zu werden versuchen.

Erste Versuche, diese Konzepte in breiter angelegten und bewusst geführten Gruppengesprächen zugrunde zu legen, gibt es aber inzwischen. Sie werden bei der Ferienuni im September weiter geführt werden und eine neue Praxis intersubjektiver Verständigung bestärken.

Ich werde in einem weiteren Blogbeitrag noch einmal einiges zu methodischen Überlegungen für solche Gespräche zusammenstellen.

Literatur

Bader, Kurt (2016): Alltägliche Lebensführung und Handlungsfähigkeit. Ein Beitrag zur Weiterentwicklulng gemeinwesenorientierten Handelns. In: Kurt Bader, Klaus Weber (Hg.): Alltägliche Lebensführung. Hamburg: Argument Verlag. S 74-116.

Dreier, Ole (2016): Alltägliche Lebensführung und die Entwicklung Kritischer Psychologie. In:

Kurt Bader, Klaus Weber (Hg.): Alltägliche Lebensführung. Hamburg: Argument Verlag. S. 33 -73.

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt, New York: Campus.

Holzkamp, Klaus (1990): Worauf bezieht sich das Begriffspaar „restriktive/verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“? In: Forum Kritische Psychologie 26, S. 35-45.

Holzkamp, Klaus (1995): Alltägliche Lebensführung als subjektwissenschaftliches Grundkonzept. In: Argument 212 (1995). Hamburg: Argument-Verlag. S. 817-846. Online: (abgerufen 2016-08-05).

Holzkamp, Klaus (1996): Gutachten über die Dissertation von Renke Fahl-Spiewack: „Attribution – Formen und Strategien der Behinderung kritischen Weiterfragens. Reinterpretation eines sozialpsychologischen Forschungskonzepts zur Bestimmung seiner Bedeutung für die psychologische Praxis.“ In: Forum Kritische Psychologie 36, S.166-179.

Markard, Morus (2009): Einführung in die Kritische Psychologie. Hamburg: Argument Verlag.

Meretz, Stefan (2012): Die „Grundlegung der Psychologie“ lesen. Einführung in das Standardwerk von Klaus Holzkamp.

Mölders, Heinz (2012): Verordnete Sprachlosigkeit. Multiloog über das Alltagsleben und die Psychiatrie mit Betroffenen, Angehörigen, Professionellen und anderen. In: Kurt Bader, Klaus Weber (Hg.): Alltägliche Lebensführung. Hamburg: Argument Verlag. S. 133-167.

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