Die Kritische Psychologie stellt konzeptionelle Gedanken und Begriffe zur Verfügung, um die eigene Lebensführung zu durchdenken. Wenn alles gut läuft, braucht man sich meist nicht viele Gedanken machen – aber wenn es Probleme gibt, beginnt das Grübeln.

Die Suche nach Alternativen beginnt und bleibt dann allzuoft stecken in der Erfahrung, dass es ja doch nicht anders geht, als sich zusammen zu reißen und einfach irgendwie weiter zu machen.

Die traditionelle psychologisch orientierte Ratgebung versucht das Öl im Lager des Hamsterrades zu erneuern. Oder sie malt das Gestänge bunt an, damit das Tretmühlentreten interessanter wirkt. Oder besser noch: sie leitet die Betroffenen, d.h. die Klienten oder gar Patienten dazu an, selber Farbe in die Hand zu nehmen.
Stolz
Im Sinne der Kritischen Psychologie werden Probleme anders angegangen. Hier setzen sich Menschen zusammen, denen es um ähnliche Probleme geht. Sie beschäftigen sich mit Grundprinzipien und -begriffen, mit denen sie ihre psychischen Befindlichkeiten und Handlungsalternativen diskutieren können, ohne dass sie von anderen manipuliert oder gegängelt werden. Das bedeutet aber auch, dass sie sich selbst auf den Weg machen und die Ungewissheiten erkunden und ausprobieren, wie man außerhalb des Hamsterrades vorankommt. Das kann zum Tanz auf schwankendem Seil werden…

Der folgende Text verwendet auffallend häufig die „ich-Form“. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Kritische Psychologie keine Theorie über andere Menschen ist, sondern dass sie dem Individuum – also „je mir“ – hilft, die eigenen Probleme im gesellschaftlichen Kontext besser zu verstehen und für sich selbst befriedigendere Handlungsalternativen zu finden.

Zuerst einmal bin ich an meiner eigenen Verständigung über mein weiteres Vorgehen interessiert. Ich bleibe, wenn ich allein bin, jedoch oft immer wieder im Karussell derselben Gedanken stecken. Deshalb ist es besser, sich zusammen zu tun und die Erfahrungen und Gedanken zu teilen und dadurch vielleicht auch zu neuen Lösungen für Probleme zu kommen, ohne dass alle Dasselbe machen müssten.

Klaus Holzkamp entwarf am Ende seines Lebens den Buchtitel für sein geplantes nächstes Projekt. Es sollte um die „Verständigung über Handlungsbegründungen alltäglicher Lebensführung“ gehen (Holzkamp 1996a: 7). Anders ausgedrückt, um eine „Selbstverständigung über die interessengeleiteten Beweggründe und Konsequenzen meines je eigenen Handelns in kritischen Lebenssituationen“ (Holzkamp 1996b: 166). Diese Situationen sind eingebettet in einen gesellschaftlichen Kontext.

Damit wird das menschliche Subjekt weder als eins vorgestellt, dass allem Gegebenen gegenüber völlig autonom wäre, noch eins, dessen Tun und Denken direkt vom gesellschaftlichen Ganzen vordeterminiert wäre. Nein, als Mensch handle ich begründet, d.h. ich versuche entsprechend meiner Interessen innerhalb der von mir erfahrbaren Bedingungen und mit den Bedeutungen, die ich diesen gebe, so zu handeln, dass ich ein zufriedenes Leben führen kann. Dies tue ich mehr oder weniger bewusst – aber spätestens wenn ich auf Probleme stoße, beginne ich auch nachzudenken und mich selbst zu verständigen über meine Handlungsziele, -möglichkeiten und -beschränkungen.

Bisher habe ich Probleme irgendwie gelöst, aber irgendwann steht wieder eine Herausforderung vor mir und ich bin interessiert, mich auf Neues einzulassen. (Wenn ich das nicht bin, brauche ich das Folgende alles nicht, und wer nicht irgendwelche Probleme hat bei seiner Lebensführung in dieser Welt, dem will auch niemand das folgende Konzept aufdrücken).

Ich kann nun lernen, mir meine eigenen Interessen und Handlungsgründe besser bewusst zu machen. Ich werde dabei immer wieder auf dieselben Gedanken kommen und bald am Ende meines Lateins sein. Schon deshalb ist es sinnvoll, sich mit anderen auszutauschen.

„Das Verstehen anderer, sich von unseren Vorstellungen unterscheidender Lebenszusammenhänge ermöglicht uns, die eigenen Prämissen und Handlungen besser zu verstehen. […] Damit kommen wir in die Lage, Prämissen zu überprüfen, Entscheidungen zu überdenken, Gefühle besser wahrzunehmen und andere Denkinhalte und -strukturen zu versuchen und neue, alternative Handlungsvorstellungen zu entwickeln.“ (Bader 2016: 100)

Aus den Konzepten der KritischenPsychologie lassen sich Überlegungen ableiten, wie Menschen miteinander ins Gespräch kommen können, so dass die Selbstverständigung keine einsame Grübelei mehr bleibt, sondern ein kollektiver Prozess wird.


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