Was, Ihr kennt die beste Fernsehserie namens „Starfarers“ auch nicht? Dann geht es Euch wie den Anwesenden einer SF Convention, bei der (schon vor einigen Jahrzehnten) wieder einmal über die schlechte Qualität der SF-Serien gejammert wurde. Nur eine SF-Autorin widersprach. „Ja kennt Ihr denn nicht „Starfarers“? Die Serie, die eigentlich erst beginnt, als das Raumfahrtprogramm beendet ist und das bereits vorbereitete Sternenschiff „Starfarers“ der militärischen Erdüberwachung zugeteilt werden soll. Die Serie, die zeigt, was geschieht, als deren Besatzung sich einfach ohne Genehmigung (und ausreichende Vorbereitung) auf den Weg zu den Sternen macht…“

Der vorhandene Trailer für diese Serie entstand aus dem Bedauern daraus, dass es diese beste SF-Fernsehserie nicht gibt. Die Autorin hatte sich einen Scherz erlaubt. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Bei Conventions trafen sich immer wieder Leute, die nicht akzeptieren wollten, dass diese beste SF-Serie tatsächlich niemals realisiert wurde. Daraufhin begann die Autorin, Vonda McIntyre, die Gedanken, die sie damals dazu hatte, auszuspinnen und daraus wurde eine Tetralogie von Romanen über die Abenteuer der überstürzten „Sternenfahrer“. (Starfarers (1989/1997), Kontakt (1990/1997), Metaphase (1992/1997), Nautilus (1994/1997); Jahreszahlen: Ersterscheinen in Englisch/in Deutsch)

Überstürzt begann das Ganze deshalb, weil die überwiegend wissenschaftliche Besatzung der „Starfarer“ beschließt, sich der militärischen Nutzung des Raumschiffs zu entziehen.

„Die Starfarer ist kein militärisches Schiff – jedenfalls noch nicht und wird es auch nie sein, wenn die Mehrheit an Bord dabei auch nur ein Wörtchen mitzureden hat. Sie ist nur in der Hinsicht ein Schiff, daß sie sich aus eigener Kraft fortbewegen kann. Es existiert eine Art Hierarchie, doch diese basiert nicht auf einer militärischen Befehlsstruktur. Es gibt das Kollegium, die Mitarbeiter und die technischen Angestellten, du ist eher mit den Verhältnissen an einer Universität – oder in einer Universitätsstadt – zu vergleichen. Entscheidungen werden in der Regel durch Konsensbeschluß getroffen.“ (McIntyre 1989/1997: 65; Starfarers)

Sie nutzen die Gelegenheit, über eins der gerade vorbeiziehenden „kosmischen Bänder“ den erdnahen Weltraum zu verlassen. Dabei ziehen sie einen Transporter mit, der eigentlich die nicht fernreisewilligen Anwenden noch zurück fliegen sollte und die Erde schickt ihnen als „Gruß“ eine Atomrakete hinterher, die auch mitgerissen wird und erst am Zielort, dem Sonnensystem von Tau Ceti, explodiert, aber das Raumschiff glücklicherweise nicht zerstört.

Eine Atomexplosion ist nun wiederum die schlechteste Visitenkarte, die sie der „Zivilisation“, einer Menge von vernunftbegabten Lebewesen aus den Weiten des Alls, überbringen könnten. Denn die sind auf Frieden und Gewaltlosigkeit aus.

„Ihr könnt nicht mit Waffen zur Zivilisation kommen.“ (McIntyre 1990/1997: 351; Kontakt)

Die Menschen von der Erde werden deshalb geächtet. Das merken sie daran, dass das Museum einer außerirdischen Zivilisation, das eigentlich extra für ihre Begrüßung vorbereitet worden war, zerstört wird, bevor sie es untersuchen können.

Dabei verwirklichen sie aus der Sicht der Erde der letzten Jahrzehnte bereits eine starke Utopie. Da sich auf der Reise einige Nichtfreiwillige befinden, ergeben sich genug Gelegenheiten, ihnen (und damit auch der Leserschaft) die Kultur der primär wissenschaftlichen Crew der „Starfarer“ nahe zu bringen. Am Auffallendsten ist die Abwehr von Führung und Kontrolle, obwohl die Menschen eine unterschiedliche Kraft der Einflussnahme besitzen. Die „beruhte viel mehr auf Reputation denn auf Position“ (McIntyre 1990/1997: 269; Kontakt).

„Falls Sie nicht Leiter des Reparaturteams sind, sollten Sie es sein.“
„Bin ich nicht“, antwortete Infinity. „Niemand leitet das Team. Wir sind eine Gemeinschaft.“ (McIntyre 1990/1997: 111; Kontakt)

„Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun?“ schrie Gerald. „Ich bin für die Starfarer verantwortlich, für jeden von Ihnen…!“
„Unsinn!“ sagte Satoshi.
„… und ich verliere die Kontrolle … Was haben Sie gerade gesagt?“
[…]
„Sie haben die Expedition nie unter Kontrolle gehabt“, sagte Satoshi sanft. „Wie könnten Sie sie dann verlieren?“ (McIntyre 1992/1997: 249; Metaphase)

Damit geht die „Ordnung ohne Herrschaft“ hier noch weiter als in dem schon sehr besonderen Roman „Andymon“ von den Steinmüllers aus der DDR. Auch dieser Roman fällt auf, weil in ihm das Raumschiff nicht von einer militärischen Hierarchie durchzogen ist, wie noch auf allen Enterprises und Voyagers auf ihren friedlichsten Forschungsmissionen.

In der sozialistischen utopischen Literatur war aber wenigstens die Vorstellung von friedlich-neugierigen Begegnungen zwischen Fremden im All beinah selbstverständlich. Da wurde dies meist mit der Überzeugung begründet, dass Zivilisationen, die den Entwicklungsstand einer erfolgreichen interstellaren Raumfahrt entwickelt haben, auch die Epoche der Klassengesellschaften, d.h. von Raub, Ausbeutung und Unterdrückung hinter sich gelassen haben müssten. Auch die „Zivilisation“ bei McIntyre zieht sich lieber zurück und sperrt noch gewalttätige Lebensformen aus ihren Kontakten aus, als zu kämpfen. Die „kosmischen Bänder“, die dem Langstreckentransport dienen, werden einfach aus diesen Gebieten entfernt. Gleichzeitig bereiten sie für die jungen Zivilisationen, die die Hürde der Gewaltfreiheit überwinden, schon über lange Zeiträume neue Planeten vor. Dabei haben sie selbst auch keinen einheitlichen „perfekten“ Entwicklungszustand erreicht.

„Es muß doch irgendeine Art von Konsens geben…“
„Warum? Selbst die Vier Welten, die bereits seit Jahrtausenden miteinander in Kontakt stehen, gehen diese Fragen unterschiedlich an. Ihr werdet sowohl erfolgreiche als auch weniger erfolgreiche Beispiele finden, die euch bei der Lösung eurer Probleme behilflich sein werden. Die Zivilisation hält nur für wenige Fragen perfekte Antworten bereit.“ (McIntyre 1994/1997: 68; Nautilus)

Eine Antwort gibt sie auf die Frage nach der Währung innerhalb dieser Zivilisation. Dafür entwickelt Vonda McIntyre eine besonders kreative Lösung:

„Willst Du damit sagen, Kunst sei die Währung der Zivilisation?“
„Was sonst wäre es wert, zwischen den Sternen transportiert zu werden?“ fragte Europa.
„Elektronische Putzhilfen? Möbel? Nein. Leute. Informationen. Einmalige organische Muster. Und kreative Geschenke.“
„Leute?“

„Wesen, die andere Welten zu sehen wünschen. Wie du und ich.“
„Touristen“, sagte Victoria, „und große Kunst.“ (McIntyre 1994/1997: 154, Nautilus)

Zu den Besonderheiten, die in den Romanen beschrieben werden, gehört die Konstellation der Partnerschaft, in der die Hauptpersonen ihre persönlichen Beziehungen ausleben. Heute würde man diese Beziehungen vielleicht „polyamor“ nennen – und die Diversität bezieht sich nicht nur auf Geschlechter, sondern auch auf das Miteinander von genetisch veränderten und „normalen“ Menschen.

Leider bildeten solche Romane wie die von den Steinmüllers oder von Vonda McIntyre innerhalb der utopischen Literatur und des SF der letzten Jahrzehnte Ausnahmen, die schon fast vergessen sind. Einige Jahre lang schien etwas anderes für die Zukunft der Menschheit und des Universums denkbar, als was uns seitdem vorgesetzt wird. Filmische SF muss immer actionlastiger werden, die Bücher immer mehr horror- und fantasy-gesättigt. Positive Utopien scheinen auserzählt. Starfarers stand für eine Idee, die einen „einen Fanclub besessen [hat], noch bevor der erste Roman geschrieben war“ (Nachwort zu „Starfarers“). Wo stecken diese Fans heute? Gibt es neue?

Ich danke Heike dafür, dass sie mich auf diese schönen Romane hingewiesen hat.

Literatur:
McIntyre, Vonda N. (1989/1997): Starfarers. Bergisch-Gladbach: Bastai-Lübbe.
McIntyre, Vonda N. (1990/1997): Kontakt. Bergisch-Gladbach: Bastai-Lübbe.
McIntyre, Vonda N. (1992/1997): Metaphase. Bergisch-Gladbach: Bastai-Lübbe.
McIntyre, Vonda N. (1994/1997): Nautilus. Bergisch-Gladbach: Bastai-Lübbe.
Zeringue, Marshal (2009): Vonda McIntyre´s „Starfarers“. Online: